Am Anfang war Bologna. Ein kulinarisches Plädoyer wider den modular-molekularen Stundenplan und für das Ragù

Von Rainer Maria Kiesow

Am Anfang war Bologna. Bologna »la dotta«, die Gelehrte. Die älteste Universität. Na ja, jedenfalls dann, wenn man das europäische Mittelalter als Beginn der universitären Zeitrechnung nimmt. Also: Bologna ist die älteste Universität, jedenfalls Europas, was auch immer Europa heißen mag. Paris und die Sorbonne lassen wir mal beiseite. So genau weiß man das eben nicht, und es kommt wie immer auf die Interpretation an: Wann zum Beispiel ist eine Universität eine Universität und nicht bloß, sagen wir, eine Schule? Wie dem auch sei, 1088 ist ein feines Datum, also: Bologna 1088, das ist der Anfang. Weiterlesen

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Kew Gardens: Mekkas der botanischen Globalisierung. Und des Flugverkehrs.

 

In einem Artikel von Peter Sager („Flora im Glaspalast“, siehe unten) klingt es fast so, als wäre Kew Gardens aus der Welt gefallen, ein stiller Hort akademisch-botanischer Einkehr. Wer die Gärten besucht, dürfte sich nach der Lektüre wundern. Im Minutentakt donnern Jets aus aller Welt auf die Landeebahn des Flughafens Heathrow zu. Gespräche werden so interessant punktiert, wie mit einer Sanduhr wird der Fluss der Zeit markiert durch das Düsendonnern. Das ist auf seine Art stimmig. Kew war einst Inbegriff der kolonialen Globalisierung, eine Weltrepublik des Pflanzenreichs, von tropischen Palmen in Gewächshäusern bis hin hochalpinen Blumen, die künstlich aus Metallrohren mit einem frostigen Lufthauch gekühlt werden. Nun wird am Himmel über den Globalgärten weiterglobalisiert. Im Minutentakt unterbrechen wir das Gespräch, schauen empor. Und staunen.

 

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Bletchley Park: Noch so ein Mekka der Computerkultur

Der Computer, an dem Sie dies betrachten, verdankt den Vorarbeiten viel, die der Mathematiker Alan Turing hier geleistet hat, in der kleinen grünen Hütte in Bletchley Park.

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Turing arbeitete damals an einer automatischen Methode, um den deutschen Enigma-Code zu knacken. Die Vorarbeiten dazu allerdings drehten sich um ein rein mathematisch-philosophisches Rätsel, das sogenannte Entscheidungsproblem. Bletchley Park ist ein eigenartiger Ort. Er huldigt natürlich dem Mathematiker, zeigt Fotos von ihm, eine Statue, sogar seinen Teddybär. Nachbauten seiner Rechenmaschinen sind zu sehen. Doch das Sammelsurium der Ausstellung wirkt zunächst verwunderlich. Auf Tassen steht „Enigma“ gedruckt – dabei war das doch das Codiersystem der Wehrmacht. Auch das Kino ist nach Enigma benannt. Auf anderen Tassen sind Reproduktionen von Lebensmittelmarken zu sehen – ein Symbol der Mangelwirtschaft. Beide Motive verwundern zunächst. Neben dem Kernbereich der Ausstellung sind Oldtimer zu sehen und sogar die alten Fahrradständer von damals. Hier wird nicht in erster Linie der Aufbruch ins Computerzeitalter gefeiert, die Sehnsucht nach der technischen Perfektibilität der Gesellschaft gemäß der kalifornischen Ideologie, wie sie etwa von „Wired“ zelebriert wird. Bletchley Park blickt nicht nach vorne, sondern zurück. Im Zentrum steht ein nostalgischer Patriotismus, der eine einst große Nation feiert, vereint durch die Kriegsanstrengung. Gerne wird in Bletchley Park geheiratet. Weil alles so schön altmodisch wirkt. Als sei damals die Welt noch heil gewesen. Der Andenkenschop quillt über von süßlichen Nostalgieprodukten: Keksen aus Bletchley Park und natürlich auch Tee mit dem Logo des Museums, garniert mit dem Spruch: „You can’t beat a cuppa in a crisis“.

In 10 Minuten zum Experten: Hier der „Instant Expert“ zum Thema Turings Erbe, zusammgengestellt vom „New Scientist“.

 

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Wurde 1417 die Moderne gefunden? In einem Kloster in Fulda? Und für zehn Cent wiederentdeckt?

Heute bekommt Stephen Greenblatt für sein Buch „The Swerve“ (Die Wende) den mit 10 000 Dollar dotierten Pulitzer Prize verliehen (in der Sparte Sachbuch). Er kann nicht persönlich in New York sein, weil er am Wissenschaftskolleg in Berlin ist (Hier ein Interview). Das obige Foto zeigt Greenblatt mit dem Motiv der Lukrez-Ausgabe, die er als Student kaufte, und die ihn Zeit lebens faszinierte. Sein Buch beginnt so:

„Als ich noch Student war, besuchte ich gegen Ende des Schuljahres regelmäßig den Yale Co-op und schaute, was ich für den Sommer zu lesen fand. Mein Taschengeld war knapp, doch die Buchhandlung schlug alljährlich ihre alten Ladenhüter los, zu lächerlich kleinen Preisen. Die Bücher wurden in Wühlkästen gestopft, und ohne feste Absichten machte ich mich darüber her, wartete einfach ab, was mir ins Auge fiel. Auf einem dieser Beutezüge stieß ich auf ein Taschenbuch mit einem äußerst seltsamen Cover, aufmerken ließ mich ein Ausschnitt aus einer Zeichnung des Surrealisten Max Ernst. Unter einer Mondsichel hoch über der Erde waren zwei Beinpaare – die Körper fehlten – mit etwas beschäftigt, das wohl ein himmlischer Beischlaf sein sollte. Das Buch – eine Prosaübersetzung von Lukrez‘ zweitausend Jahre altem Gedicht „De Refum Natura“ (Von der Natur) – war herabgestzt auf zehn Cent, und wie ich gestehen muss, hatte ich es eher auf den Umschlag abgesehen als auf die klassische Darstellung des Kosmos und seiner Ausstattung.“

Und weiter:  „Antike Physik ist nicht ganz das, was man sich unter Ferienlektüre vorstellt, doch irgendwann in diesem Sommer, in einer müßigen Stunde, nahm ich das Buch in die Hand und begann zu lesen. Und stieß schon in den ersten Versen auf eine mehr als hinreichende Rechtfertigung für die erotische Umschlagillustration. Lukrez setzt ein mit deinem glühenden Hymnus an Venus, Weiterlesen

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DFG-Tagung über Gründungsorte der Moderne: Historical events have to take place

„Sechs Jahre lang beschäftigte sich das interdisziplinäre Kollektiv aus Wissenschaftlern verschiedenster Sparten mit der Epochenschwelle um 1900. Nun fand das letzte internationale Symposium zum Thema ‚Gründungsorte‘ im Amerika Haus München statt“, schreibt Amelie Bornstein in der SZ: „‚Historical events have to take place‘ – mit diesen Worten begann Mitchell Weiterlesen

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Nutzloses Faktoid: Dieses Blog wurde seit Februar aus 37 Ländern abgerufen

WordPress bietet eine Weltkartenfunktion, mit der sich die mutmaßlichen Herkunftsländer der IP-Adressen zeigen lassen (auch wenn die Geolokation nicht immer so ganz präzise ist – außerdem gibt es ja auch noch HideMyAss et al.). Die Rangfolge der Abrufe sieht wie folgt aus: Deutschland (920), Österreich (191), Schweiz (76), USA (28). Und dann die Überraschung: Philippinen (22). Wie kann das sein? Spambots? Ein einzelner Fan? Kennen andere Blogger denselben Effekt? Sachdienliche Hinweise erwünscht. Weiterlesen

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Ein säkulärer Pilger über den Jakobsweg: „Backpackers, fops and dandies“

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Dürfen säkuläre Reisende sich einfach so unter die frommen Pilgerer mischen, um etwas zu erleben, das fragt ein Blog der New York Times den Autor Gideon Lewis-Kraus zu seinem neuen Buch „A Sense of Direction„. In dem Buch berichtet er über seine Pilgerreisen nach Santiago de Compostella, in die Ukraine und auf die japanische Tempelinsel Shikoku.

Was also können atheistische Pilger auf einer religiösen Pilgerreise überhaupt erleben, fragt da Blog:

Lewis-Kraus:  „One of the points of the book is ultimately to reject these distinctions, but it takes me a few trips over a few hundred pages to make the case. When my friend Tom and I started out on the Camino, we got really swept up in feeling as though we were pilgrims and not mere tourists, but once you begin to press this distinction it just falls apart. Some of the people on the Camino, and some armchair commenters, love to talk about how this used to be this Serious Religious Thing, and now it’s just for “dissipated” study-abroad students or backpackers or a whole cast of frivolous fops and dandies. But, as I said, this was always just a pretext to leave home, even when the understanding was that it was semi-obligatory. And now, even if you’re inclined to look at some of the pilgrims as “dissipated” for whatever reason, it’s still an inescapably ascetic, and often unpleasant, practice. It’s not like your blisters hurt any less because you’re studying abroad.“

Auch zur Motivation klassischer prämoderner Pilgerreisen hat er eine eigene Theorie: als Auszeit von der überwältigenden Autorität und Enge.Die Dynamik und Freiheit der Pilgerreise wirke dadurch stabilisierend, die Auszeit Autorität versöhne mit ihr:

„These might have been people in crisis, but … they suffered from a surfeit of authority, not a lack of one. These were pilgrims who had a perfectly good idea what their lives looked like at home; their hours were micromanaged by scriptural obligation from sunrise to sleep. In fact, one of the things about ultra-observant Jews is that there is no gray area: unless you are explicitly commanded to do something, you are actually prohibited from doing it. They were here to go beyond the fields for three days a year, to take a short and uniquely authorized break from the responsibilities of home, such that they might return to their seamlessly circumscribed lives with renewed vigor in compliance.“

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