Archiv der Kategorie: Postkoloniale Aufbrüche

Gagarin unter Palmen: Impressionen zum Raketenstart am 20. Oktober

Captain Fish öffnet versonnen eine Flasche Bier mit der Klinge seiner Machete. Er hat einen guten Riecher, er weiß genau, wo ein guter Fang lockt, auf dem Meer und an Land.

„Wir waren acht Tage auf See in der Karibik“, sagt er, „wir haben 300 Fische gefangen, die haben wir gerade für 200 Euro verkauft.“ Die speckigen fünf-Euro-Noten hat er mit seiner Mannschaft geteilt, die fünf sitzen trinkend und verschwitzt auf dem rostigen Kutter am morschen Holzsteg von Sinnamary und feiern ihr Glück bei 32 Grad im Schatten, Zigaretten und Flaschen machen die Runde durch schwielige Hände.

Captain Fish, so nennen ihn seine Jungs, eigentlich heißt er Vishal Singh. Er kommt aus der ehemaligen britischen Kronkolonie Guyana, einem von drei Dschungel-Ländern zwischen Amazonas und Karibik. Aber er verkauft lieber hier im Nachbarland Französisch-Guayana, weil das wohlhabend ist, ein Außenposten der EU, ein vollwertiges Département von Frankreich, eine Exklave der Baguettes und Escargots zwischen Kokospalmen, wo im Radio für die Normandie Regenwetter angekündigt wird, 7000 Kilometer über den Atlantik.

Ausgerechnet Sinnamary, das verschlafene Kaff an einer schlammigen Flussmündung, Weiterlesen

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Blues aus Mali: „Ihr kennt die Zweige, wir haben den Stamm“

Heute Artikel in der SZ:

Die Tuareg-Band und Grammy-Gewinner „Tinariwen“, deren Musik in den Ausbildungslagern der libyschen Armee entstand, geht auf Welttournee – ohne ihren Frontmann. Ibrahim Ag Alhabib ist in seiner Heimat Mali verschollen.

(….)

„Derzeit touren Tinariwen wieder durch die USA. Ihr jüngstes Album „Tassili“ hat den Grammy in der Kategorie Weltmusik gewonnen. Ihre Heimat Mali versinkt in einem Bürgerkrieg, mehr als 300.000 Menschen sind auf der Flucht. Der wortkarge FrontmannIbrahim Ag Alhabib blieb diesmal bei seiner Familie. Vielleicht hatte er auch keine Lust auf Talkshows, jedenfalls kam er nicht mit.

Nun ist er verschollen. Seit Wochen hat die Band keinen Kontakt zu ihm. „Man weiß nicht, ob er noch lebt. Es geht sogar das wilde Gerücht um, er könnte sich der Rebellion angeschlossen haben“, sagt Sedryk, Gründer des kleinen französischen Labels Reaktion, das sich auf die Sahara-Musik spezialisiert hat.“

* * *

Am 29. Juli 2011 traten Tinariwen aus Mali im Berliner Haus der Kulturen der Welt auf.

Videoclip 1

Videoclip 2

Peter Pannke berichtet zu diesem Thema in „Mekkas der Moderne“. Er schreibt über die Wurzeln des Blues in Westafrika:

Wenn man Timbuktu in Richtung Nordwesten verlässt, passiert man am Stadtrand, kurz bevor die Wüste beginnt, eine riesige Betonsäule. Steil ragen ihre Arme in den Himmel, in den Sockel sind verrostete, ausgebrannte Gerippe von Maschinengewehren eingegossen. Flamme de la Paix heißt dieses Denkmal, das daran erinnern soll, dass die Tuareg im März 1996 an dieser Stelle vor den Augen von Präsident Alpha Oumar Konaré und der versammelten Stammesführer 3000 Gewehre verbrannten, um den fragilen Frieden zu besiegeln, den sie mit dem Staat Mali geschlossen hatten.

»Die malische Armee hat ihre Waffen damals nicht mit ins Feuer geworfen«, murmelte der Tuareg, der mich zum Festival au désert in die Oase Essakane mitnahm, zwischen den Zähnen. Der Friedensschluss hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Etwa eine Million Tuareg verteilen sich über ein riesiges Gebiet, Weiterlesen

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Ebo Taylor: Der Weg aus der Kolonialisierung der Musik war der Funk

Stefan Franzen besucht für die taz Ebo Taylor in Ghana, der in Berlin ein neues Album aufgenommen hat. Wie „verwestlicht“ ist die Ghanaische Musik? Franzen schreibt:

„Taylor geht 1962 nach London.“Ich diskutierte dort oft mit Fela Kuti darüber, wie wir den Highlife weiterentwickeln könnten. Irgendwann realisierte ich, dass unsere Musik seit der Kolonialisierung sehr nach Dur klang, ganz im Gegensatz zu der unserer Vorfahren. Ein Weg, da wieder rauszukommen, war der Funk.“ Ihn koppelt Taylor – zurück in Ghana – als Bandleader und Solist mit der alten Musik der Küstendörfer und Weiterlesen

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China Mobile: Diskussion und Fotos aus Peking und Schanghai

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Fotos: Hilmar Schmundt (Peking und Schanghai, 2007)

Jakob Strobel y Sera bringt sein Kapitel aus „Mekkas der Moderne“ über den Wirtschaftswunderwahnsinn in China auf Zeit Online. Er schreibt:

„Eine Schimäre aus Stahlbeton oder doch das, was die Besucher schon nach den ersten rauschhaften Augenblicken in der Megalopolis schaudernd glauben wollen: der aufregendste Ort der Welt, das pochende Herz des 21. Jahrhunderts; das gereckte Haupt des chinesischen Drachens, eine Fortschrittsphantasmagorie aus Stein und Stahl, die Erschaffung einer neuen Stadt aus sich selbst, errichtet von zwei, drei, vier Millionen Wanderarbeitern für fünfzehn, zwanzig, dreißig Millionen Menschen – eine Stadt im permanenten Quantensprung, die jeden Morgen mit einem anderen Gesicht aufwacht, weil sie nachts nicht schläft, sondern wächst, die sich in die Höhe schleudert und in die Tiefe bohrt, die Schnellstraßen in ihr eigenes Fleisch schneidet, ohne vor Schmerz mit der Wimper zu zucken, die ganze Stadtteile mit einem Federstrich auslöscht ohne Weiterlesen

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Mekka als Mekka der Moderne

Fotos: „Der Spiegel“

Mekka ist zukunftshungrig und bauwütig, sozusagen ein Mekka der Moderne – allerdings nur für die rund 1,57 Milliarden Muslime, die aus aller Welt dort anreisen dürfen. Nichtmuslime müssen leider draußen bleiben. Auch dies Verbot mag ein Grund sein, warum die Modernität Mekkas kaum wahrgenommen wird außerhalb der Weiterlesen

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„The Economist“: Chinesen auf Kavalierstour durch Europa

Der „Economist“ schreibt unter dem Titel „A new Grand Tour“ über eine neue Tourismusgeografie, die durch chinesische Besucher entsteht. Zur den Orten der klassischen Kavalierstour (Vatikan! Venedig! Louvre!) kommen neue Pilgerziele dazu: Bonn (Beethoven), Trier (Marx), Metzingen (Hugo Boss), Cambridge (Xu Zimho) und Brüssel (Nato):

„When the bamboo curtain lifted a generation ago, the first contact many Chinese had with the outside world was in the form of imported goods, whose foreign fame Weiterlesen

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Bangalore: Willkommen im Inder-Net

Bangalore, das indische Hightech-Mekkas, ist Schauplatz einer neuen Fernsehserie in einem neuen Format, die am 16. November beginnt. „Dark Fibre“ heißt die halbdokumentarische Internet-Serie (sagt man das: Internet-Serie?), die über das Videonetzwerk http://www.babelgum.com exklusiv per Internet „ausgestrahlt“ wird („ausgestrahlt“?).

Der Regisseur Jamie King („Steal this Video“) folgt dabei den Mitarbeitern einer kleinen Kabelfernsehfirma in Bangalore, die nachts als „Cable wallahs“ illegal DVDs ins Netz Weiterlesen

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