„Spiegel“ und „Stern“ und der Keks mit der eigenen Website: Brauchen wir Spam-Filter für die Realität?

 

 

September 2012: Mittlerweile sind QR-Codes so allgegenwärtig, dass es sich nicht mehr lohnt, neue Beispiele zu dokumentieren. Eher könnte ich dazu übergehen, Produkte zu fotografieren, die keinen QR-Code bieten. Auch der „Stern“ ist mittlerweile vom aufwändigen AR-System mit 3D-Darstellung zum Feld-Wald-und-Wiesen-QR zurückgekehrt.

Wer sich absetzen will von der allgemeinen QR-Seligkeit, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Die Berliner Band „Seed“ zum Beispiel verzichtet gleich ganz auf Buchstaben auf den aktuellen Plakaten. Wer braucht das Alphabet, wenn es doch QR gibt?

 

 

August 2011: „Spiegel“ und „Stern“ erscheinen in der kommenden Woche in digital erweiterter Form. Statt DVD auf das Cover zu pappen, sind einige der Artikel mit „Augmented Reality“ aufgebohrt. Lese-App herunterladen, auf Bilder oder Codes halten, schon erscheinen zusätzliche Videos oder Fotos.

Der „Stern“ kündigt seine nächste Ausgabe so an:

Hier ein Video, das die AR-Inhalte des „Stern“ demonstriert.

Der „Spiegel“  bietet in der Ausgabe vom 29. 8. zusätzlich zur Titelgeschichte über Loriot den Sketch „Das Bild hängt schief“ als Video an:

Dieser zweidimensionale Code steht letztendlich einfach für die Adresse einer Website mit Videoinhalt, zum Beispiel (abhängig vom Betriebssystem des Smartphones): http://video.spiegel.de/flash/1145571_iphone.mp4

Der QR-Code steht dabei für dies Adresse (wenn man ein iPhone hat): http://video.spiegel.de/flash/1145698_iphone.mp4

Während der „Stern“ mit Bildererkennung arbeiten will (das Heft erscheint am Donnerstag, Thema ist der 11. September), bei der man das Smartphone auf ein Foto richtet, um weitere Inhalte abzurufen, setzt der „Spiegel“ auf die Lowtech-Variante, die guten alten QR-Codes, wie sie auch in der „Welt kompakt“ schon lange verwendet werden. Der Vorteil: man ist nich angewiesen auf AR-Anbieter wie Wikitude, Layar, Metaio, die den Nutzern ihre Bedingungen diktieren können. Diese AR-Browser-Firmen kämpfen derzeit erbittert um Marktanteile. Ein bisschen erinnert es an die Browser-Kriege der Neunziger: Microsoft IE gegen Netscape Navigator und so weiter. Die üblichen Revierkämpfe in der Frühzeit einer Technologie, bevor die große Marktbereinigung einsetzt durch Verdrängung und Schlucken.

Das Thema heizt die Fantasie vieler Spekulanten an. Google sieht die Konjunktur des Modethemas AR folgendermaßen: Das Thema ist nicht neu. Die Augmented Reality ist älter als das Internet, schon Anfang der 1960er wurden die ersten AR-Brillen entwickelt Seit ein paar Jahren tauchen QR-Codes immer wieder als Graffiti auf, als Sticker, für andere Formen des viralen Marketing. Selbst auf dem Herrenklo des Kater Holzig oder im Impala Café an der Schönhauser in Berlin trifft man auf viralen QR-Spam. Wer dumm genug ist, sein Handy rauszukramen, und diese digitalen Ostereier zu suchen, wird meist auf plumpe Kommerzsites (Partnertausch, Herrenmode, Shoppingmals) weitergeleitet. Brauchen wir bald einen Spam-Filter für die Realität?

Nun also entdecken immer mehr Buchverlage und Zeitschriften die Segnungen der Augmented Reality, zumindest ihrer Schrumpfform in zwei Dimensionen. Für die Papieausgaben steckt dahinter ein intensiver iPad-Neid: Papierprodukte sehnen sich nach einem bisschen Touchscreen. Doch zunächst muss man das Handy aus der Tasche kramen, eine Software herunterladen, ein Bild machen. Dann ist oft die Ladezeit der jeweiligen Videos oder Fotos erheblich, und bis schließlich ein Videoschnipsel übers Telefon läuft, hat man schon etliche Seiten weiter geblättert. Ahem. Verbessert das das Lese-Erlebnis, oder nervt das eher? Das lässt sich diese Woche praktisch im Selbstversuch testen.

Insbesondere bei der „Welt kompakt“ lässt sich studieren, wie man es nicht machen sollte. Eine der Triebkräfte hinter der QR-PR scheint der Sparzwang zu sein. QR ermöglicht das aufpeppen schwacher Recherche durch wahllos zusammengeklickte Inhalte, die kostenlos sind, aber wohl irgendeinen Anschein von Innovation vermitteln sollen. Nur ein Beispiel: Zu einer ohnehin schon auf wenige Sätze zusammengeschrumpfte Buchempfehlung wird einfach das Werbevideo des Verlages gestellt, und dann auch noch ein ausgesprochen nichtssagendes:

http://www.youtube.com/watch?v=5ykRcmP4qgw

Das mediale Aufpeppen schwacher Printprodukte nimmt bisweilen epidemische Züge an. Der Berliner Kurier etwa wirbt derzeit mit einer 3D-Ausgabe, eine plumpe Werbeaktion eines Elektronikmarktes, welche die Leser dazu drängt, sich eine Narrenpappe vor den Kopf zu halten, wie in eine Parodie der bekannten FAZ-Werbung. Auch wenn es sich dabei nicht um AR handelt, scheint diese mediale Übersprungshandlung ebenfalls zum Cargo-Kult der Printbranche zu gehören, die glaubt, durch die Nachahmung oberflächlicher Merkmale der Computerwelt ließe sich auch ihr Erfolgsgeheimnis beschwören:

Schlechte AR ist eine Lösung auf der Suche nach einem Problem. Aber Augmented Reality wollte schon immer mehr sein als nur eine Spielerei für Verleger oder Werber. Die AR-Branche reichert ihre eigene, oft prosaische Realität als Datenschubser gerne mit philosophischem und literarischem Bedeutungsüberschuss an. „Am Strand zwischen dem Land der Atome und dem Meer der Bits stellt sich heute die Aufgabe, unsere doppelte Staatsbürgerschaft in der digitalen und der realen Welt miteinander zu versöhnen“, fabuliert Hiroshi Ishii, Direktor am Media Lab des MIT bei Boston: „Unser Ziel ist es, die Grenzen zwischen Körper und Cyberspace zu verwischen.“ Der philosophische Arm der AR-Bewegung verspricht nichts Geringeres als die Vermählung von Geist und Körper, Kultur und Natur. Hier seine Ode an die ditigal aufgemotzte Realität:

„Where the sea meets the land, life has blossomed into a myriad of unique forms in the turbulence of water, sand, and wind. At another seashore between the land of atoms and the sea of bits, we are now facing the challenge of reconciling our dual citizenships in the physical and digital worlds. Windows to the digital world are confined to flat square screens and pixels, or „painted bits.“ Unfortunately, one can not feel and confirm the virtual existence of this digital information through one’s body.“

 Tangible Bits, our vision of Human Computer Interaction (HCI), seeks to realize seamless interfaces between humans, digital information, and the physical environment by giving physical form to digital information and computation, making bits directly manipulable and perceptible. The goal is to blur the boundary between our bodies and cyberspace and to turn the architectural space into an interface.

 Die AR-Branche verspricht nichts Geringeres als die technische Verbesserung des Menschen, die Verfeinerung seiner Sinne, die Erweiterung seines Wissens – „The Extensions of Man“, wie es Marshal McLuhan einst nannte. „Wir wollen alt und jung davor bewahren, sich vor ihren Bildschirmen zu verlieren“, schwärmt Ori Inbar, ein ehemaliger SAP-Manager, der heute in New York den Branchenverband Augmented Reality Consortium leitet: „Indem wir echte Objekte mit interaktiven Erzählmustern verbinden, helfen wir den Menschen, die Welt neu zu entdecken.“ Kurzum: AR soll die Wirklichkeit wirklicher machen. Die Marktorschungsfirma Gartner ist weniger enthusiastisch. Sie sehen Augmented Reality auf der Höhe eines Hype-Cycles, der unweigerlich demnächst vom Graben der Enttäuschung gefolgt wird. Der Hype-Cycle lässt sich nun sogar schmecken. Eine Firma bietet Kekse mit eigener Website an, zum Selberbacken. Die mitgelieferten QR-Codes sind mit Lebensmittelfarbe gedruckt, angeblich essbar (sie schmecken süß). Sie lassen sich auch auf Frühstücks-Pfannkuchen kleben. Mjam. „Die Grenze zwischen Körper und Cyberspace“ – echt lecker.

 P.S.: Hier für alle, die kein eigenes Heft haben, hier die weiteren QR-Codes aus dem aktuellen „Spiegel“

http://video.spiegel.de/flash/1145571_iphone.mp4

Obiger Code steht für diese Adresse: http://video.spiegel.de/flash/1142016_iphone.mp4

Clemens Höges‘ Video unter dieser Adresse: http://video.spiegel.de/flash/1145723_iphone.mp4

(Nachtrag im Mai 2012: Der „Stern“ ist nun doch umgeschwenkt auf die guten alten QR-Codes. Die 3d-AR ist einfach noch sehr aufwendig, langsam, teuer, fehleranfällig.)

4 Kommentare

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4 Antworten zu “„Spiegel“ und „Stern“ und der Keks mit der eigenen Website: Brauchen wir Spam-Filter für die Realität?

  1. Pingback: Hacker am Stellpult: Der Tech Model Railroad Club am MIT, Mekka des kreativen Umgangs mit Technik | Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft

  2. Pingback: | Die Raummaschine

  3. Ich bin mir nicht sicher, ob man einen solchen Post eher mit Schweigen strafen sollte oder ob er kommentiert werden sollte.
    Ich habe mich für das Kommentieren entschieden.
    Der Autor sollte sich vielleicht umbenennen von Mekka in Mecker, denn dieser Artikel zeigt, dass der Autor eine sehr einseitige Sichtweise hat.
    Wer die aktuellen Beispiele im Spiegel und im Stern ausprobiert, wird schnell erkennen, dass Ladezeiten heute nicht mehr das Problem sind.
    Sicherlich sind nicht alle Augmented Reality Kampagnen gut durchdacht gewesen. Es ist eine junge Technik und nicht jeder hat Verstanden, welchen Zweck AR haben sollte.

    Ich glaube, dass AR durchaus eine sehr hohe Daseinsberechtigung hat, weil es dem mobilen Internet hilft, schneller und gezielter an mehr Informationen zu kommen. Ich glaube aber auch, dass der Begriff Augmented Reality schnell im mobilen Internet verloren geht. Die Nutzung der Sensoren von Smartphones zur besseren Navigation durch die digitale Welt, und nichts anderes ist Augmented Reality, bestimmt das zukünftige mobile Internet.
    Viele müssen erst noch verstehen, auch von den Augmented Reality Fachleuten, dass AR kein Selbstzweck ist, sondern nur sinnvoll einzusetzen ist, wenn man über den Tellerrand hinaus blickt.
    AR sollte stets dazu dienen, bestehende Lücken zu schließen und dem Menschen im täglichen Leben zu helfen.

    Die am einfachsten zu verstehenden Beispiele sind sicherlich im Kulturbereich die Museen und der Tourismusbereich. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass mir zu wenig Informationen dort zur Verfügung stehen, wo ich sie aber gerne hätte.
    Beim Betreten einer fremden Stadt könnte mir AR helfen, mich zu orientieren und zurecht zu finden. Ich würde die wichtigsten Sehenswürdigkeiten un Attraktion besser finden und vielleicht könnte ich auch eine Navigation durch die öffentliche Verkehrswelt finden.
    In Museen kann AR helfen, mir zusätzliche Informationen zur Verfügung zu stellen, für die so kein Platz vorhanden wäre. Jungen Menschen könnte spielerich das Medium Kultur erschlossen werden.
    Mir fallen noch eine Menge andere Anwendungsfälle ein, aber ich will es hiermit erst einmal belassen.

    Martin Adam

    • Hallo Herr Adam, erst einmal Glückwunsch zu „Wohnmap“. Das zählt für mich zu den Systemen, wo AR hervorragend funktioniert. Davon gibt es einige, ein paar davon zähle ich auch in meinem „Spiegel“-Artikel auf. Den Nachthimmel erklärt bekommen mit AR? Großartig. Rein aus Neugier: Welches sind denn aus Ihrer Sicht die gelungensten AR-Apps derzeit?

      Ihre Begeisterung kann ich verstehen – schließlich arbeiten Sie in der AR-Branche. Ich auch zum Teil, schließlich haben wir uns beim „Spiegel“ ja auch für so etwas wie eine abgespeckte Old-School-AR-Lösung entschieden mit den QR_Codes, die allerdings sehr konkret auf Zusatzinhalte verweisen. Das unterscheidet „Spiegel“ und „Stern“. Mich würde Ihre Einschätzung der beiden Hefte interessieren. Der „Stern“ brilliert dabei mit spielerischer Überblendung, zum Beispiel kann man Udo Lindenberg in 3D über der Seite schweben sehen. Was halten Sie davon? Ich denke, man kann dies Thema immer am konkreten Beispiel am besten diskutieren. Vor allem würde mich Ihr Eindruck der Ladezeiten beim „Stern“ interessieren. Sie fanden diese mindestens fünf, teils zehn Sekunden vom Starten des Junaio-Players kurz? Und die Notwendigkeit, das Handy im richtigen Winkel und Abstand zum Heft zu halten? Und wenn man das Handy falsch hält, verschwindet zum Beispiel diese Fotostrecke zur Buchbesprechung eines Buches über Voodoo? Anscheinend haben Sie ganz andere Erfahrungen als ich gemacht. Oder sind Sie einfach aus professionellen Gründen etwas euphorisiert? Was zum Beispiel würden Sie zur Einschätzung der Gartner-Wirtschaftsberater sagen, die AR auf dem Höhepunkt des Hype sehen? Sind das auch Mekkerer der Moderne?

      Hilmar Schmundt

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