Gagarin unter Palmen: Impressionen zum Raketenstart am 20. Oktober

Captain Fish öffnet versonnen eine Flasche Bier mit der Klinge seiner Machete. Er hat einen guten Riecher, er weiß genau, wo ein guter Fang lockt, auf dem Meer und an Land.

„Wir waren acht Tage auf See in der Karibik“, sagt er, „wir haben 300 Fische gefangen, die haben wir gerade für 200 Euro verkauft.“ Die speckigen fünf-Euro-Noten hat er mit seiner Mannschaft geteilt, die fünf sitzen trinkend und verschwitzt auf dem rostigen Kutter am morschen Holzsteg von Sinnamary und feiern ihr Glück bei 32 Grad im Schatten, Zigaretten und Flaschen machen die Runde durch schwielige Hände.

Captain Fish, so nennen ihn seine Jungs, eigentlich heißt er Vishal Singh. Er kommt aus der ehemaligen britischen Kronkolonie Guyana, einem von drei Dschungel-Ländern zwischen Amazonas und Karibik. Aber er verkauft lieber hier im Nachbarland Französisch-Guayana, weil das wohlhabend ist, ein Außenposten der EU, ein vollwertiges Département von Frankreich, eine Exklave der Baguettes und Escargots zwischen Kokospalmen, wo im Radio für die Normandie Regenwetter angekündigt wird, 7000 Kilometer über den Atlantik.

Ausgerechnet Sinnamary, das verschlafene Kaff an einer schlammigen Flussmündung, erlebt gerade einen bescheidenen Boom – das Geld fällt buchstäblich vom Himmel. Denn in der Nähe wird eine neue Raketenbasis aufgebaut, von der aus die Satelliten des neuen Navigationssystems Galileo ins All geschossen werden sollen.

(Eine kurze Durchsage: Im aktuellen „Spiegel“-Heft berichte ich darüber auf Seite 134, eine Übersetzung steht auf der englischsprachigen Seite. Hier daher nur ein paar weitere Impressionen und Fotos.)

„Galileo is great“, sagt Captain Fish, und steigt in die schummrige Kajüte mit vier schmuddeligen Kojen, einem Steuerrad – und keiner einzigen Seekarte. „Wir brauchen keine Karten“, sagt Captain Fish, „wir haben doch GPS“ – das globale Positionssystem, das die USA seit den Sechziger Jahren aufgebaut haben. Nun soll es Konkurrenz bekommen, und die Fischer sind begeistert. „Auf Galileo“, grölen sie, „auf das Feuerwerk“. Sie meinen den nächsten Raketenstart. Nicht nur sie erhoffen sich davon viel.

Ein paar Kilometer außerhalb des Ortes liegt mitten in der Savanne die neue Raketenbasis der Russen, abgeriegelt durch drei Lagen Nato-Stacheldraht, Checkpoints, Wachmannschaften, Videokameras, Elektrozäune, in denen sich immer mal wieder ein Faultier verfängt.

Am 20. Oktober um 7 Uhr 34 und 29 Sekunden soll sich das haushohe Ungetüm donnernd auf eine Feuerschweif erheben, 300 Tonnen rohe Gewalt, die sich wie eine Palme aus Rauch majestätisch in Richtung Karibik neigen, dann weiter über den Atlantik, bis schließlich zwei Ssatelliten in der Erdumlaufbahn von 50 000 Kilometern ausgesetzt werden.

60 Tonnen Treibstoff, 300 Tonnen Gesamtgewicht? „Das ist viel“, sagt Mimine und fingert an ihrem Rosenkranz. Gerade hat sie ihren 110. Geburtstag gefeiert, die Zeitung gratulierte der ältestn Einwohnerin des Landes. Ihr Name im Geburtsregister ist Eudoxie Baboul, aber jeder hier nennt sie nur Mimine.

Die Dame mit dem schlohweißen Haar sitzt in einem Hüttchen in Sinnamary rund 10 Kilometer von der Sojus entfernt, draußen wuchern Vanille und Bananen wie Unkraut. Als sie 1901 geboren wurde, war Französisch-Guyana berüchtigt als Strafkolonie, fünf Jahre zuvor war Alfred Dreyfuss aus der Verbannung von der Teufelsinsel zurückgekommen. Vom Strand sieht man sie 10 Kilometer entfernt vor der Küste. Die Strafkolonie galt als „Trockene Guillotine“, ein Großteil der Gefangenen starb an den mörderischen Bedinungen, wie es auch der Film „Papillon“ erzählt. Erst 1948 wurde das Zuchthaus geschlossen.

Das Wettrennen ins All änderte alles. Als Frankreich 1954 mit der Unabhängigkeit Algeriens auch seine Startbasen in der nordafrikanischen Wüste verlor, suchte es verzweifelt nach einer Alternative. Tests mit der Rakete „Europa“ scheiterten im australischen Woomera. 14 Standorte wurden geprüft, der Zuschlag ging an Kourou, einen Ort zwischen Sinnamary und der Hauptstadt Cayenne gelegen. Der Vorteil: Keine Vulkane, keine Erbeben, keine Wirbelstürme, keine politschen Unruhen. Das gesamte Land, ein Dschungel  von der Größe Österreichs, hatte damals 34 000 Einwohner – soviele wie vielleicht in einer einzigen Pariser Straße. „Unterentwicklung wurde zum Standortvorteil, wenn die Öffentlichkeit unerwünscht ist“, schreibt der Anthropologe Peter Redfield von der University of North Carolina ein seinem Buch „Space in the Tropics“ erklärt (hier ein Aufsatz zum Thema).

Ähnliche Effekte lassen sich an anderen Weltraumbahnhöfen wie Baikonur oder, in abgeschwächter Form, in Cape Canaveral beobachten. Hier ein Kapitel über Baikonur aus dem Buch „Mekkas der Moderne“, hier eines von Peter Glaser über Cape Canaveral. Diese entlegenen, weltweit verstreuten Orte, haben viel gemeinsam, eine eigenartige Sozialgeografie, als „Frontier“ und Ende der Welt zu gelten.

1968 gründete das Centre National des Etudes Spatiales (Cnes) in Kourou, einem Dorf mit damals 650 Einwohnern. Heute sind es rund 15 000. Sogar die Inseln der ehemaligen Strafkolonie kaufte die Cnes, weil sie in der Flugbahn der Raketen liegen und sich gut als Beobachtungsstation eignen. Das war genau am 20. Oktober vor vierzig Jahren.

Die Cnes katapultierte den Dschungel von der Steinzeit ins Weltraumzeitalter, baute Flughafen, Straßen, Ampeln, Brücken, ein Hotel, Treibstofffabriken, Kraftwerke und wurde zum wichtigsten Entwicklungsmotor. 1300 Mitarbeiter aus ganz Europa arbeiten heute im Weltraumzentrum, eine Art Internationale Raum-Station. Neuerdings kommen noch rund 300 Russen dazu.

1979 startete die erste Ariane, eine ultramoderne Rakete, die nicht mit Kerosin, sondern mit tiefgekühltem, flüssigem Wasserstoff betankt wird, das Aushängeschild der Europäischen Raumfahrt mit heute über 180 Starts.

Die neue Zusammenarbeit ist der Höhepunkt eines lang anhaltenden, globalen Pokerspiels. Russland bemüht sich schon lange um eine tropische Startrampe, um mit der zusätzlichen Schubkraft des Äquators die Raketenleistung zu steigern. Um das Jahr 2000 herum plante man, die Sojus von den australischen Weihnachtsinseln zu starten, das schreckte Arianespace auf.

In einem fieberhaften Verhandlungsmarathon kam ein komplexer Kuhhandel zustande, der den Dschungel ringsum geradezu als übersichtlich erscheinen lässt. Ein Teil des Deals: Russland kaufte Airbus-Flugzeuge und bekam dafür seine tropische Raketenbasis.

So kommt es, dass ausgerechnet die französische Firma Arianespace nun Sojus-Starts vermittelt, die doch in direkter Konkurrenz zur eigenen Ariane 5 stehen. Das direkte Nebeneinander der Startrampen von Kourou und Sinnamary ist in etwa so, als würde man beim Finale der Fußball-WM die beiden Mannschaften zusammen in eine einzige Kabine stecken.

All das hat Mimine miterlebt in 110 Jahren, ist Großmutter und Urgroßmutter geworden, und sitzt zufrieden in ihrer Hütte in Sinnamary. Was ist das Geheimnis ihrer Langlebigkeit? „Das liegt am Willen Gottes“, sagt Mimine, und präzisiert: „Und natürlich an gutem Essen wie Karotten, Wildschwein, Gürteltier, Fisch.“

Der Raketenstart ist auch ein soziales Experiment. Auf einzigartige Weise beginnen die in Sinnamary stationierten Russen, den Ort zu erkunden. An der Pizzeria und im Restaurant Kaffrine tauchen Speisekarten in kyrillischen Lettern auf. Und Bilder des säkulären Heiligen St. Gagarin an den Wänden. Technikfrömmigkeit trifft auf Katholizismus. Man darf gespannt sein, wie sich das Sojus- und Galileo-Experiment nicht nur im Orbit, sondern auch am Boden weiter entwickelt.

Hier zur Einstimmung auf den Start noch etwas Musik der Elektro-Jazzband Komanti aus Kourou.

Hilmar Schmundt

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Eingeordnet unter Aufbruch, Ausflüge, Expeditionen, Postkoloniale Aufbrüche

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