New York Times: Verhindern Twitter und Facebook die Demokratisierung?

Wieder einmal geistert diese These durch die Zeitungen: Das Internet, insbesondere Twitter und Facebook, seien bei Demokratisierungsprozessen nicht hilfreich. Sondern sie stören vielleicht sogar.

Das zumindest behauptet Noam Cohen in der „International Herald Tribune“ vom 30. August (S. 15):

Online tools may distract possible participants -until they’re taken away

The mass media, including interactive social networking tools, make you passive, can sap your initiative and leave you content to watch the spectacle of life from your couch or smartphone. Apparently even during a revolution.

That is the provocative thesis of a new paper by Navid Hassanpour, a political science graduate student at Yale, titled „Media Disruption Exacerbates Revolutionary Unrest.“ Using complex calculations and vectors representing decision-making by potential protesters, Mr. Hassanpour, who already has a doctorate in electrical engineering from Stanford University in California, studied the recent uprising in Egypt.

His question was, How smart was the decision by the government of President Hosni Mubarak to shut down the Internet and cellphone service completely Jan. 28, in the middle of the crucial protests in Tahrir Square in Cairo? His conclusion was, not so smart, but not for the reasons you might think.„Full connectivity in a social network sometimes can hinder collective action,“ he writes.“

Diese These ist nicht neu. Jewgenij Morosow trägt ein ähnliches Argument vor in seinem Buch „The Net Delusion“.

Allerdings lohnt es sich, genau hinzusehen auf die Methodik bei der Herleitung dieser Thesen. Hassanpours Argument scheint dies zu sein: Wer offline ist, demonstriert engagierter, denn schließlich protestierten die Regimekritiker besonders intensiv, als das Netz abgeschaltet wurde vom Mubarak-Regime. Hassanpour schreibt in seinem Paper:

„Conventional wisdom suggests that lapses in media connectivity – for example, disruption of Internet and cell phone access – have a negative effect on political mobilization. I argue that on the contrary, sudden interruption of mass communication accelerates revolutionary mobilization and proliferates decentralized contention. Using a dynamic threshold model for participation in network collective action I demonstrate that full connectivity in a social network can hinder revolutionary action. I exploit a decision by Mubarak’s regime to disrupt the Internet and mobile communication during the 2011 Egyptian uprising to provide an empirical proof for the hypothesis. (….) The evidence is corroborated using historical, anecdotal, and statistical accounts.“

Allerdings könnte man aus dieser Anekdote auch den gegenteiligen Schluss ziehen: Die Demonstranten wurden um so engagierter, weil ihnen mit dem Netz ein wichtiger Teil ihrer Informations-Infrastruktur genommen wurde. Was ist Henne, was ist Ei?

Philip Howard hat sich die Mühe gemacht, die Internetnutzung und die (oft zaghaften) Demokratisierungs- und Öffnungsprozesse in 75 islamischen Ländern zu untersuchen. Howard lehrt an der University of Washington in Seattle. Für Aufsehen sorgte er mit seinem Buch „The Digital Origins of Dictatorship and Democracy“, in dem er die Bedeutung des Internet für die Demokratisierung der arabischen Länder vorhersagte. Sein Ergebnis ist eindeutig, wie er uns in einem Interview für den „Spiegel“ erklärt hat:

SPIEGEL: Ihr aus Weißrussland stammender Kollege Jewgenij Morosow von der Universität Stanford hält das Internet als Demokratisierungsinstrument für überschätzt. Sie dagegen kommen zum gegenteiligen Ergebnis.

Howard: Ich habe die Internetnutzung in über 75 Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung untersucht. Danach gibt es einen großen Schub für die Demokratisierung. Parteien und Organisationen drängen ins Netz, lösen Debatten aus, versuchen, Anhänger zu gewinnen. Deshalb stellen sich gerade radikale Parteien im Internet eher gemäßigt dar. Aber auch die Regime nutzen das Netz zur Gegenoffensive. Teheran hat in einer ersten Gegenwehr zehntausende regimetreue Blogger aus den Reihen der Bassidsch, der Freiwilligenmiliz angeheuert, die das Netz mit islamistischer Propaganda fluten, die allerdings sehr schlicht und durchschaubar ist.

Howards Buch ist das bislang wohl umfangreichste soziologische Werk zum Thema, allerdings verzichtet er auf billige Zuspitzungen nach dem Muster: Soziale Netzwerke bringen nichts für die Demokratisierung. Er sieht selbst den gescheiterten Volksaufstand in Iran als einen Teilerfolg, als einen kleinen Schritt zu einer größeren Öffnung des Landes. Obwohl die Führung derzeit die Abschottung des Landes plant:

SPIEGEL: Iran hat angekündigt, die Verbindung ins Internet ab Ende August schrittweise zu kappen. Ist das realistisch? Howard: Dass die Regierung in Teheran dazu prinzipiell in der Lage ist, hat sie schon einmal gezeigt. Nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Juni 2009 war das Land für rund 24 Stunden vom Rest der Welt abgeschnitten. Aber eine dauerhafte Abkopplung wäre das Eingeständnis großer Verzweiflung.

SPIEGEL: Vollständig offline war das Land auch vor zwei Jahren nicht.

Howard: Die Machthaber blockierten da-mals nur die großen Internetanbieter. Sie hatten nicht daran gedacht, dass das Netz dynamisch aufgebaut ist und sich solche Eingriffe umgehen lassen: Die Informationspakete werden automatisch über noch funktionierende Verbindungen geleitet. Außerdem besaßen einige Oppo-sitionelle das Know-how, um über ihre Mobiltelefone kleine Datenmengen ins weltweite Netz zu übertragen.

* * *

(Hier ein Video-Interview, in dem Howard über sein Buch spricht: „Countries with high rates of technology diffusion are most likely to develop strong democratic institutions,“ Howard explained. „The recipe for democratization 50 years ago had other ingredients such as radio, television and newspapers. Today, the recipe must include the Internet.“

(Das „Spiegel-Interview“ ist im aktuellen Heft auf Seite 124 zu finden, in 2 Wochen auch online. Das Gespräch haben wir über Skype geführt.)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Denkort, Gesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s