Das Buch

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Herausgegeben von Hilmar Schmundt, Milos Vec, Hildegard Westphal

„Mekkas der Moderne“, Böhlau Verlag 2010, ca. 424 Seiten, 24,90 Euro

Gestaltung: Elmar Lixenfeld

Redaktion: Rainer Rutz

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Angefangen hat alles mit einem Salonspiel zwischen Forschern, Schriftstellern und Journalisten: Was sind die Pilgerstätten der Wissenschaft?

Welche Orte laden ein zum Entdecken und Verharren, zum Schauen, Staunen und Begreifen?Gibt es so etwas wie Mekkas der Moderne? Wir diskutierten per E-Mail, Skype und über ein Onlineforum. Als wollten wir die Frage nach realen Orten des Wissens von Anfang an ad absurdum führen. Doch dann geschah etwas Überraschendes. Je mehr Argumente wir gegen reale Pilgerorte der Moderne auflisteten, desto mehr Erlebnisse fielen uns ein, die nicht durch Datenleitungen passen: das erwartungsvolle Strahlen von Schulkindern, die mit Schlafsäcken unterm Arm durch das British Museum eilen, um bei den Mumien zu übernachten; das seltsame Gefühl, gemeinsam mit Geologen aus aller Welt am Strand von Stevns Klint genau die fingerdicke Tonschicht zu berühren, die entstand, als die Dinosaurier ausstarben; die Lust, in Bologna, der vielleicht ältesten Universitätsstadt Europas, ein fettes Fleischragout zu löffeln; das Frösteln, das sich an Palmenstränden des Bikiniatolls einstellt, wenn man an die Bombenversuche denkt. Ziel dieses Buches ist es nicht, den einen kanonischen Ort zu finden oder zu erfinden. Die Mekkas der Moderne – falls sie existieren – kann es nur im Plural geben. Aber das geht anderen Weltanschauungen ähnlich und den großen Religionen sowieso: Das Christentum bietet seinen Anhängern nicht nur Rom zur Pilgerreise an, sondern auch Wittenberg, die Wartburg oder den Jakobsweg. Selbst Mekka ist nicht das einzige Zentrum des Islam, denn da waren immer auch Medina und der Felsendom in Jerusalem.

Was also sind die Mekkas der Moderne? Wenn es sie gibt, welche Funktionen erfüllen sie?

Auf den Spuren dieser Fragen lädt das Buch ein zu einer Weltreise im Flugzeug, zu Fuß oder einfach beim Lesen auf der Couch.

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Eine Publikation der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina

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„Mekkas der Moderne“ in Endrunde zum Wissenschaftsbuch des Jahres in Österreich.

„Mekkas der Moderne“ hat es in die Endrunde zum Wissenschaftsbuch des Jahres in Österreich geschafft. Die Jury hat im Auftag des österreichischen Wissenschaftsministeriums die besten Bücher des Jahres vorausgewählt. Nun entscheiden die Leser darüber, wer den Publikumspreis gewinnt.

Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Stimme abzugeben unter www.wissenschaftsbuch.at

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„Mekkas der Moderne“ ausgezeichnet beim Wettbewerb „Wissenschaftsbuch des Jahres“

von „bild der wissenschaft“

Die Jury von „bild der wissenschaft“ stellt im aktuellen Heft ihre Auswahl vor. „Mekkas der Moderne“ kam dabei auf den 2. Platz in der Kategorie „Überraschung – das Buch, das ein Thema am originellsten anpackt“. Der erste Preis ging an Arthur Bremers „Die Welt in 100 Jahren“. Auf Platz drei steht Christoph Drössers Buch „Hast du Töne – warum wir alle musikalisch sind“. Glückwunsch an alle beteiligten Autoren (bei unserem Buch allein sind es über 50)! Und einen herzlichen Dank an die Jury für ihre Arbeit als Trüffelsucher auf dem unübersichtlichen Buchmarkt.

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Auf keiner Stätte ruhn: Ein „Wo ist Wo?“ der Wissenschaftsgeschichte

An diesen Orten kam es zu Sternstunden der Wissenschaft: Mit 76 Stätten weltweit stellt »Mekkas der Moderne« die Plätze vor, die Forscher verschiedener Disziplinen mit Ehrfurcht betreten.

Die Essays erklären, warum ein Ort für einen Wissenschaftszweig so bedeutsam ist und welche Querverbindungen zu anderen Orten und Gelehrten bestehen. Einige sind Klassiker: Darwins Galapagos-Inseln, Schliemanns Troja und selbstverständlich das Pantheon in Paris mit dem foucaultschen Pendel.

Doch auch der Belesenste findet Überraschungen: Etwa San Millán de la Cogolla — den Ort, an dem die ersten Zeugnisse spanischer Sprache gefunden wurden. Ein Mönch des 11. Jahrhunderts hatte dort spanische Randnotizen zu lateinischen Heiligenviten verfasst.

Der Aufbau des Bands trägt der im Titel erwähnten Moderne Rechnung: Der Leser kann sich entweder von vorne bis hinten durcharbeiten, sich über eine Weltkarte selbst den Ort der nächsten »Landung« aussuchen — oder aber einer vorgeschlagenen Route folgen. Es scheint, als hätte Julio Cortäzars nach demselben Prinzip verfasster Roman »Rayuela« Pate gestanden.

Die Autorenliste schmücken einige berühmte Schreibende, etwa Ulrich Ladurner und Ilija Trojanow. Aber auch die Texte unbekannterer Autoren bestechen. Im Unterschied zu vielen typischen Aufsatzbänden trübt die stilistische Vielfalt dieses Buchs den Lesegenuss nicht. im Gegenteil, es lebt davon. Den drei Herausgebern gelang eine so gute Auswahl, dass fast alle der drei- bis achtseitigen Essays ein gleichermaßen hohes stilistisches und inhaltliches Niveau haben. Ein Minus: Keines der Bilder trägt eine Bildunterschrift, obwohl es an vielen Stellen nötig wäre.

Die Liste der Gedächtnisorte der Moderne kann nicht vollständig sein, viel zu sehr hängt sie vom jeweiligen Standpunkt ab, Das wissen auch die Herausgeber. Doch ihre Bestandsaufnahme lohnt sich: Was unsere Urenkel wohl in 100 Jahren über sie denken werden?

Claudia Reinert ist Kulturwssenschaftlerin und lebt in Meßkirch.

Aus: EPOC 1/2011

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Bibliotheksnachrichten: „So reist man gleichsam durch einen faszinierenden Kosmos, der insgesamt ein rundes und stimmiges Bild der Wissensgesellschaft und damit der Geistesgeschichte liefert.“

Besondere Orte des Wissens – ein Streifzug durch die Geistesgeschichte.

In einer globalisierten Welt gibt es nicht nur religiöse Pilgerstätten, sondern auch eine Unzahl von Orten, wo fiir die Menschheit bedeutsame Entdeckungen gemacht wurden oder aufsehenerregende Entwicklungen stattfinden. Solchen Orten widmet das Buch breiten Raum. In fünf Kapiteln werden uns insgesamt 76 „Mekkas“ vorgestellt, jedes ein Beispiel für die Freiheit des Geistes.

In einer großen Bandbreite und Fülle werden die Zentren des Wissens und Forschens, des Denkens undPhilosophierens fast wie in einem Kaleidoskop vorgeführt. Es gibt kaum eine Materie, die ausgelassen wird, ob es sich um Geologie, CERN oder auch um „Google“ handelt, für jeden ist hier etwas dabei, in alle Bereiche werden Einblicke geliefert, zu allem gibt es Hintergründe zu lesen. So reist man gleichsam durch einen faszinierenden Kosmos, der insgesamt ein rundes und stimmiges Bild der Wissensgesellschaft und damit der Geistesgeschichte liefert. Besonders erwähnt sei in diesem Sinn der Artikel zu dem Thema „Wissen als politische Macht“ über die Bibliothek von Alexandria mitsamt ihrem Neubau aus dem Jahr 2002. Das Buch liefert eine Fülle an Anregungen zum Nachdenken über unsere Welt. Breite Empfehlung!

Heinrich Klingenberg, bn – Bibliotheksnachrichten 2010/4, S. 673

Österreichs führendes Medium im Bereich bibliothekarischer Buchkritik

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Perspektiven für die weitere Fruchtbarmachung des ‚spatial turn‘

‚Mekkas der Moderne‘, so die Herausgeber des Bandes, könne es, falls sie existieren, nur im Plural geben (S. 9). Anstelle einer programmatischen Einleitung betonen sie deshalb auch die Offenheit und den Projektstatus ihres Buches.

Was die modernen Pilgerstätten ausmacht, soll aus 76 durchschnittlich fünfseitigen Artikeln, die vereinzelt bereits in verschiedenen Printmedien erschienen sind. deutlich werden. Zum zentralen Prinzip werden dabei die räumliche Erfahrung und die örtliche Begehung erhoben. Leser/innen sehen sich damit, neben der Frage nach den Eigenarten der Moderne‚ mit der Frage konfrontiert, wo e zeitlich wie räumlich — die ‚Mekkas der Modeme‘ liegen. ln zeitlicher Sicht ist diese Frage leicht zu beantworten: Die Beiträge des Bandes verfechten einen breiten Begriff der Moderne, der von der Bibliothek Alexandrias über das reformatorische Wittenberg und die Fugger bis in die Gegenwart von ‚Second Life‘‚ Genfer Kernforschungszentrutn und Einkaufszentren in Dubai reicht.

Als das herausragende Merkmal der Moderne präsentiert der Band die internatonale wissenschaftliche Kooperation und zeichnet somit eine Erfolgsgesehichte der sich internationalisierenden Wissenschaft.

Ein Fünftel der Beiträge befasst sich mit international orientierten Forschungszentren im 20. Jahrhundert. Ein frühes Beispiel hierfür liefert Karin Nickelsen in ihrem Artikel zur 1873 von dem deutschen Naturforschcr Anton Dohrn in Neapel begründeten Stazione Zoologiea. Sie wurde im späten 19. Jahrhundert zum meeresbiologischen ‚Mekka‘, das bis 1909 2.000 Gastwissenschaftler/inne/n unterschiedlicher Nationalität Forsehungsmöglichkciten bot.

lm 20. Jahrhundert, dies legen zumindest die Beiträge des Bandes nahe, stieg zudem die Bedeutung von Forschungszentren als Konferenzorten. S0 wurde beispielsweise Oberwolfach zur ‚Pilgcrstätte‘ für Mathematiker, Cold Spring Harbor, Long Island, für Biologen oder Aspen, Colorado, für Physiker.

Aufgrund der Vielzahl spannender Beiträge. die nicht alle im einzelnen aufzuzählen sind, sei nur exemplarisch auf Hilmar Schmundts Artikel zum Matterhorn als alpintouristischem Mekka verwiesen. Der „Gipfel der Moderne“ symbolisiert: eine technische und ethische Perspektive auf die Moderne (S. 308). Am Beispiel des Erstbesteigers Edward Whymper illustriert Schmundt die Auflockerung der aristokratischen ‚Grand Tour‘ des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig stehe die technische Aufrüstung des Bergsteigers für eine internalisier te industrielle Revolutiom in deren Folge „der Kletterer (zur) Menschmaschine“ werde (S. 301). Daneben sei der Berg, im Sinne des zweiten Bergpioniers und Physikers John Tyndall, Austragungsort einer postreligiösen Ethik geworden.

Eine räumliche Herangehensweise, um zum zweiten Aspekt der Ausgangsfrage zu kommen, offenbart die ‚ Mekkas der Moderne‘ als europäisches oder westliches Phänomen: Knapp die Hälfte der Pilgerorte liegen in Europa, dazu zwölf in Nordamerika — dem stehen jeweils vier in Südamerika und Afrika gegenüber. Außereuropäische Mekkas dienen schlicht als Standort westlicher Wissenschaft, wie im Fall der europäischen Südsternwarte in Chile. Andere geraten zu Objekten westlicher Wissenschaft, von Alexander von Humboldts Ecuador über Margaret Meads Samoa bis zum Bikini-Atoll.  Schließlich werden Schattenseiten der Modeme, wie planloses Städtewuchern oder hemmungsloser Konsum, ins gegenwärtige Shanghai und Dubai verlegt.

Die teils reportageartigen Beiträge des Bandes beleuchten schlaglichtartig eine große Fülle spannender Orte einer Wissensgeschichte der Moderne. Der Erkenntnisgewinn wird durch den durchgängigen Verzicht auf Fußnoten, Bildunterschriften und Register etwas geschmälert. Dennoch zeigt die schiere Breite der Beiträge und ihr bisweilen innovatives methodisches Vorgehen — so führen Harald Lesch und Hilmar Schmundt beispielhaft eine Verknüpfung räumlicher und machtstrategiseher Analysen anhand einer Begehung des Goethehauses in Weimar vor — eine Fülle von Perspektiven für die weitere Fruchtbarmachung des ‚spatial turn‘ in der Wissensgeschichte.

 Pascal Schilling

(Aus: „Technikgeschichte„, Bd. 78, 2011, S. 169 f.)

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Forschung Frankfurt: „Spätestens an diesem Punkt fragt man sich: Wo wollen wir hin?

Ein lesenswerter »Reiseführer« zu den Mekkas der Moderne

Was sind die Pilgerstätten der »Wissenschaft?« – Die Antworten auf diese Frage müssen notwendigerweise verschieden ausfallen, je nachdem, ob man einen Mathematiker, einen Germanisten oder einen Flugzeugingenieur fragt. Sie könnten lauten: Oberwolfach, das Goethehaus in Weimar oder Cape Canaveral, Florida. Weitere Antworten kommen hinzu, wenn – wie im vorliegenden Buch – nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Autoren und Journalisten zu Wort kommen.

Zu den bedeutenden historischen und geografischen Orten, etwa der Bibliothek in Alexandria oder den Galapagos-Inseln, gesellen sich dann auch solche, die in erster Linie die gesellschaftliche Inszenierung von Wissenschaft im Blick haben: das Pantheon in Paris, das Beratungszimmer des Nobelkomitees in Stockholm oder das Redaktionsbüro der Zeitschrift »Nature«. Virtuelle Orte (Google, Second Life) werden ebenso genannt wie Möbelstücke (Freuds Couch). Genauso interessant wie die Nennung der Orte ist die Reflexion darüber, warum sie für die Wissenschaft wichtig sind oder waren.

Oft haben sie eine besondere emotionale Qualität und geben gerade deshalb weitreichende Einblicke in den Wissenschaftsbetrieb. Damit ist nicht nur die Arbeit im Labor berühmter Forschungseinrichtungen gemeint, sondern auch die Bedeutung und Funktion von Wissenschaft in der Gesellschaft. Da ist beispielsweise das heute geschlossene „Pantheon der Gehirne“ in Moskau, in dem einst das Gehirn Stalins und andere sogenannte russische Elitegehirne erforscht wurden, um die Überlegenheit des Sozialismus in einer Verbindung von Hagiografie und Biopolitik zu demonstrieren.

Andere Orte spiegeln die Sehnsüchte von Wissenschaftlern; zum Beispiel Margret Meads Traum vom glücklichen Wilden auf Samoa. Wie heute bekannt ist, spielte ihre Überzeugung, dass der Mensch vor allem durch sein soziales Umfeld geprägt werde, eine entscheidende Rolle beim Design und der Interpretation ihrer Feldforschung. in ihre 1928 veröffentlichten Studie „Coming of Age in Samoa“ schilderte sie die Pubertät der jungen Mädchen als eine Zeit, in der sie unverkrampft erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Das Buch wurde zum Bestseller und fehlte in keiner WG der 1968er Jahre. Zweifel und Kritik der Samoaner wurden lange ignoriert.

Ein Sinnbild für die Hybris des Menschen, der immer wieder meint, die Naturgewalten durch seine Erfindungsgabe bezwingen zu können, ist der Bericht des Spiegel-Autors Hilmar Schmundt. In einer Mischung aus Erlebnisbericht und historischen Rückblicken reflektiert er die Besteigung des Matterhorns. Dem Gefühl von Macht und Überlegenheit steht in anderen Berichten die Erfahrung von Ohnmacht gegenüber: Der Autor David Wagner erlebt sich in der Berliner Charité als „Patient und Forschungsobjekt zugleich“. Die Schwester nimmt seinen Arm beim Pulsfühlen, »als wäre es ihrer, sie hat alle Zugriffsrechte«. Übertroffen wird dieses traurige Szenario des modernen Theatrum anatomicum noch durch die Tiefkühltruhen der Firma Phoenix in Arizona, in denen »Kryoniker« ihre Leichname konservieren lassen, bis die Medizin der Zukunft eine Therapie für ihre Leiden gefunden hat.

Spätestens an diesem Punkt fragt man sich: Wo wollen wir hin? Denken Wissenschaftler darüber nach, wenn sie sich in den modernen Wissensschmieden für neue Ideen begeistern? Haben sie dafür noch Zeit, wenn sie an den Universitäten von administrativer Tätigkeit und einem Übermaß an Arbeit erstickt werden? Welche Rolle spielen dabei Wissenschaftsjournalisten, die einen wesentlichen Teil der insgesamt 76 Autoren des Buches stellen?

Unweigerlich kommt einem ein anderer in dem Buch geschilderter Ort in den Sinn: das Urwaldhospital Albert Schweitzers in Gabun. Der Journalist Felix Grigat interpretiert Schweitzers Rückzug dorthin als einen radikalen Bruch mit der Hybris einer Wissensgesellschaft, »die Moral dereguliert und meint, ethisches Denken und Handeln an Kommissionen, Organisationen oder ‚Experten‘, delegieren zu können«. Vielleicht liegt die Lösung des Problems in ähnlichen Ansätzen, wie sie auch am Anfang dieses Buches standen. Der Austausch zwischen Wissenschaftlern, Autoren und Journalisten begann als eine Art Salonspiel, das über E-Mail, Skype und Internetforen geführt wurde, »Je mehr Argumente wir gegen reale Pilgerorte der Moderne auflisteten, desto mehr Erlebnisse fielen uns ein, die nicht durch Datenleitungen passen.« Gerade diese Erlebnisse, die nicht durch Datenleitungen passen, ziehen den Leser in das Buch hinein, lassen ihm keine Ruhe und regen an, auch über das eigene Verhältnis zur Wissenschaft nachzudenken. Dazu lädt auch die Webseite zum Buch ein: http://www.mekkasdermoderne.de

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Reiseführer zu Orten der globalen Wissenschaft zu lesen – sei es über Querverweise im Text, thematisch zusammengestellte Routen, oder die Weltkarte im Vorsatzpapier, auf der die Orte mit den zugehörigen Kapitelnummern markiert sind. Einer der wichtigsten Orte für den modernen Menschen ist am Schluss des Buches genannt: Der geografisch nicht genau definierbare „Unerreichbarkeitspol der Erde“, an dem kein Mobiltelefon und kein Internet funktioniert und man noch das Gefühl hat, »sein Leben im Griff zu haben, einhalten zu können«.

Dr. Anne Hardy, Forschung Frankfurt

Zitate aus dem Buch

Abwärts, über hundert Meter hinab in einem Schacht, so tief wie 40 Stockwerke. Ich schlucke gegen den Druck auf den Ohren, als säße ich in einer Seilbahn. Unten angekommen, verschlägt es mir den Atem, ich stehe in einer Halle, in der mehrere Häuser Platz hätten. Vor mir, über mir ein Koloss aus Metall, ein riesiger Detektor, so schwer wie 12.000 Autos. Ich bin zum ersten Mal angekommen in einer der unterirdischen Experimentierhallen am Forschungszentrum Cern.

-Das Cern bei Genf: Eine Kathedrale der Physik


Üppiges Dschungel-Grün. Eine helle Kirche. Herab gefallene Kokosnüsse. Wieder eine Kirche. Eine Fale, eines der luftigen, allseitig offenen Wohnhäuser. Keine weggeworfenen Dosen. Kein wehendes Altpapier. Kein Schmutz. Der Fahrer telefoniert leise. Es klingt, als ob er singt. Jedes Wort im Samoanischen endet auf einen Vokal, und es erscheint absolut unmöglich, in dieser Sprache Beschimpfungen oder Aggressionen zu formulieren. Bilder und Töne fügen sich zu einem Film. Er sagt: Gute Menschen. Heile Welt.

-Samoa: Der Traum vom glücklichen Wilden


Jeden Donnerstag um fünf treffen sich die Achtzehn. Man redet sich mit förmlichen Titeln an, was in Schweden beinahe komisch wirkt. Es herrschen feste Sitzordnung und strenges Protokoll. Jeder Beschluss wird vom Direktor mit dem Schlag eines Silberhämmerchens besiegelt, in dessen Griff der Wahlspruch der Akademie eingraviert ist: „Snille och Smak“, Geist und Geschmack.

-Nobelpreiskomitee, Stockholm: Mythos und Narrenspiel

Schaudern überrieselt uns, wenn wir die Hand auf die Kalkbank Nummer 27 legen: Stirb und werde. Der Ringfinger liegt auf dem Perm und damit dem Paläozoikum, mit seinen fremdartigen Urahnen, den Riesenlibellen und säugetierähnlichen Reptilien. Der Mittelfinger berührt bereits das Erdmittelalter, und damit die Zeit unserer näheren Verwandten. Dazwischen, nur einen Millimeter breit, die Spur des größten Massensterbens der Erdgeschichte. „Et in Arcadia ego“, so lautete an antiken Grabstätten die Inschrift – eine Mahnung an die Lebenden, dass auch sie einst sterben müssen.

-The Golden Spike, Meishan: Die Zeit festnageln

Die ersten Schritte in der Antarktis: So hell, so kalt, so unvergleichlich ist dieser erste Moment, dass der Geist versucht, die Situation zu begreifen. Zunächst einmal ohne Erfolg.

-Antarktis: Flucht ins Eis

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Auch Bücher brauchen Gesellschaft. Laut Amazon wird „Mekkas der Moderne“ von Leuten gekauft, die auch „Klimaschock“ von Günther Michler gekauft haben, „Die Wissenschaftslüge“ von Ben Goldacre und „Atlas der Abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky“

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Wordcloud: Die häufigsten Wörter in „Mekkas der Moderne“

INHALTSVERZEICHNIS:

Inhalt

I      AUFBRUCH – Meilensteine und Wegweiser

1 Cape Canaveral, Florida: Das Kap der hohen Hoffnung (Peter Glaser)

2 Das Goethehaus in Weimar: Odyssee am Frauenplan (Harald Lesch, Hilmar Schmundt)

3 Der Nuvvuagittuq-Grünsteingürte, Québec: Fundament der Tiefenzeit (Jürgen Schönstein)

4 Mona Lisa, Paris: Digitale Bilderverehrung und delegiertes Erleben (Lars Blunck)

5 Galápagos: Labor der Evolution (Irenäus Eibl-Eibesfeldt) ______

6 Nobelpreiskomitee, Stockholm: Mythos und Narrenspiel (Stephan Maus)

7 Solferino und Castiglione: Die Geburt des humanitären Völkerrechts (Ulrich Ladurner)

8 Malo Sa’oloto Tuto’atasi oSamoa: Der Traum vom glücklichen Wilden (Peter Sandmeyer)

9 Freuds Couch: Liege der Lust (Lydia Marinelli)

10 Bologna: Völlerei und Phantasie (Rainer Maria Kiesow)

11 Das Cern bei Genf: Eine Kathedrale der Physik (Mathias Kläui)

12 British Museum, London: Tempel der Aufklärung (Hilmar Schmundt)

13 Santa Fe Institute, New Mexico: Der hl. Glaube ans Fachübergreifende (Stefan Bornholdt)

14 Die Bibliothek von Alexandria: Wissen als politische Macht (Bernd Musa)

15 Google: Der Schlitz (Peter Glaser)

16 Antarktis: Flucht ins Eis (Gerald Traufetter)

II      EXPEDITIONEN – Lokale Globalität

17 Bikini-Atoll, Marshall Islands:   Drei schwarze Sterne auf der Flagge (Maik Brandenburg)

18 Schanghai: Der Wirtschaftswunderwahnsinn (Jakob Strobel y Serra)

19 Bristlecone-Kiefern, White Mountains:     Wie man (fast) jede Krise übersteht (Martin Wilmking)

20 Brasília:     Wenn die Moderne träumt (Philipp Elsner)

21 Rift Valley, Kenia:     Die Wiege der Menschheit (Julia Fischer)

22 United Nations University, Tokio:     Gelehrtenrepublik und neues Atlantis (Hilmar Schmundt)

23 Kantiana in Königsberg:     Aus Ehrfurcht vor dem Denken (Eva-Maria Engelen)

24 Lambaréné, Gabun:     Albert Schweitzers ethisches Korrektiv (Felix Grigat)

25 West Madison Street, Chicago:     Bühne des unsteten Lebens (Jürgen Kaube)

26 Bauhaus in Dessau:     Relikt der Utopien (Friedrich von Borries)

27 Bangalore:     Heiliges Mosaik aus Steinen und Mikrochips (Ilija Trojanow)

28 Wittenberg:     Wiege und Themenpark der protestantischen Ethik

(Michael Rutschky)

29 Die Apple-Garage:     Die Legenden des Rocky Raccoon Clark (Steve Wozniak)

30 Miraikan, Tokio:     Humanoide hinterm Absperrband (Charlotte Kroll)

31 Baikonur, Kasachstan:     Himmelfahrt in der Steppe (Hilmar Schmundt)

32 Die Oase Essakane, Mali:     Wurzeln und Stamm der Weltmusik (Peter Pannke)

33 YIVO, New York:     Die untergegangene Welt des Ostjudentums (Sabine Koller)

34 Mauna Loa, Hawaii:     Eine Kurve verändert die Welt (Christopher Schrader)

35 Ibn Battuta Mall, Dubai:     Schaufenster einer anderen Aufklärung

(Hilmar Schmundt)

III      EINKEHR – Paradiese des Geistes

36 F-67075 Strasbourg:     Das jüngste Gericht (Uwe Wesel)

37 Plettenberg:     Der Ort als Gesetz (Dirk van Laak)

38 Lyme Regis, Dorsetshire:     Fossiliensammeln am Strand des Lebens

(Martina Kölbl-Ebert)

39 Oberwolfach:     Der Welt entrückt im Paradies der Mathematiker

(Christian Fleischhack)

40 Cold Spring Harbor, Long Island:     Wohnzimmer mit Wissenschaft

(Ernst Peter Fischer)

41 La Stazione Zoologica di Napoli:     Wo die Seeigel ihre Eier legen

(Kärin Nickelsen)

42 Nature, Crinon Street 4, London:     Plaudern, Rauchen, Picheln

(Hilmar Schmundt)

43 Eichstätt:     Mit Schwanz und Krallen in kirchliche Obhut (Oliver Rauhut)

44 Kernforschungszentrum Dubna, Russland:     Atom rabotschij

(Meinhard Stalder)

45 San Millán de la Cogolla:     Wiege der spanischen Sprache (Jakob Strobel y Serra)

46 Stevns Klint, Dänemark:     Der Ort, an dem die Welt unterging

(Hildegard Westphal)

47 Troia:     Schauplatz einer dichterischen Phantasie (Justus Cobet)

48 Das Bohrkernlager in Bremen:     Lesen wie in einem Buch

(Hildegard Westphal)

49 Institute for Advanced Study, Princeton:     Ein Eden auf Zeit

(Anna Wienhard)

50 Senior Common Room, Oxford:     Dinner zwischen Disziplinen

(Matthias Klatt)

51 Kiriwina, Papua-Neuguinea:     Verschont die Trobriander! (Jürgen Kaube)

52 Europäische Südsternwarte, Chile:     Nach den Sternen greifen

(Dirk H. Lorenzen)

53 Sieben Häuser am Wolfgangsee.     Schwänzeltanz der Bienen (Jürgen Tautz)

54 Sir John Soane’s Museum, London:     Melancholie des Sammelns

(Kurt W. Forster)

55 Aspen, Colorado:     Gipfelstürme der Physik (Ulrich Schollwöck)

IV      AUSFLÜGE – Überraschungen für Fortgeschrittene

56 Matterhorn:     Vertikale Pilgerreise (Hilmar Schmundt)

57 Fuggerstadt Augsburg:     Geld und Glaube (Guido Komatsu)

58 Straße der Vulkane, Ecuador:     Humboldt vermisst die Anden

(Jakob Strobel y Serra)

59 Porthcurno, Cornwall:     Die lange Leitung(Simone Müller)

60 Bahnhofkühlhaus, Basel:     Wie man lagert, so liegt man (Monika Dommann)

61 Deutschland:     Kraftwerk Autobahn (Erhard Schütz)

62 Bureau International des Poids et Mesures, Sèvres:     Der Welt Standard (Milos Vec)

63 Päpstliches Geheimarchiv, Vatikan:     43 Kilometer Geschichte (Arne Karsten)

64 Kriminalmuseum, Graz:     Der praktische Blick am Tatort (Peter Becker)

65 Charité, Berlin:     theatrum anatomicum (David Wagner)

66 Summerhill School, Leiston:     Die Weltverbesserungsanstalt (Fiona Ehlers)

V      AUSBLICKE – Erinnerungen an die Zukunft

67 Panthéon, Paris:     Zentralheiligtum und Zankapfel (Hilmar Schmundt)

68 Internationaler Suchdienst, Arolsen:     Wider die Macht des Nichterzählten (Wilfried F. Schoeller)

69 The Golden Spike, Meishan:     Die Zeit festnageln (Alexander Nützel)

70 Moskau 1929:     Das Pantheon der Gehirne (Michael Hagner)

71 Phoenix, Arizona:     Der kühle Kult der Kryonik (Gundolf S. Freyermuth)

72 Röcken bei Leipzig:     Nietzsches trautes Dörflein (Holger Dambeck)

73 Hier und Jetzt:     Auf keiner Stätte ruhn (Kenichi Moriya)

74 Mars:     Krieg der Welten (Karlheinz und Angela Steinmüller)

75 Second Life:     Der Niedergang (Andreas Rosenfelder)

76 Der Unerreichbarkeitspol der Erde (Martin Wilmking)

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Interview zum Buch im österreichischen Rundfunk ORF

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DER BUCHGESTALTER ELMAR LIXENFELD

Elmar Lixenfeld, geboren 1963, studierte visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, Diplom 1987, und an der Accademia di Belle Arti in Rom. Stipendiat des Cusanuswerks. Seit 1988 freiberuflich. 1998 bis 2002 Dozent an der Universität Frankfurt am Main. Arbeitet typografisch, zeichnerisch, fotografischplastisch, schriftentwerferisch, musikalisch. Hauptsächlich Buchgestaltung.

Das Buch „Mekkas der Moderne“ zeichnet sich unter anderem durch die vielen möglichen Lesepfade aus. Neben dem Inhaltsverzeichnis leiten aufwändige Karten durch alternative Kapitelabfolgen, seitlich ist auf jeder Seite das jeweilige Kapitel in Rubriken charakterisiert. Ein Lesezeichen bietet Orientierung beim Hin- und Herspringen.

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„Deutschlandradio“ über unseren Redakteur Rainer Rutz und sein Buch „Signal – eine deutsche Auslandsillustrierte als Propagandainstrument im Zweiten Weltkrieg„:

Werbebotschaften für Groß-Deutschland

Buch über die NS-Propaganda-Illustrierte „Signal“

Nur relativ beiläufig hat sich die Geschichtswissenschaft bislang um das Thema NS-Auslandspropaganda gekümmert, besonders im Bereich der Printmedien. Weitgehend übersehen wurde dabei zum Beispiel die Zeitschrift „Signal“, die während des Krieges in den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern Europas eine millionenfache Leserschaft hatte. Manuel Gogos stellt das Buch „SIGNAL. Eine deutsche Auslandsillustrierte als Propagandainstrument im Zweiten Weltkrieg“ vor.

Im Frühjahr 1940 taucht an zehntausenden Kiosken in ganz Europa eine Illustrierte auf, das „Signal“: Mit ihren großspurigen Titel, der professionellen Aufmachung, dem großzügigen Umfang und den spektakulären Farbaufnahmen von sportlichen Wehrmachtssoldaten und schicken deutschen Blondinen ist sie unzweifelhaft ein Eye-Catcher. Im Jahre 1943 können europaweit 2,4 Millionen Menschen nicht widerstehen, ein Exemplar des Propagandablattes im Hochglanzformat käuflich zu erwerben.

„1943, auf dem Höhepunkt der Verbreitung, gab es ‚Signal‘ in allen Teilen Europas, die von der Wehrmacht oder ihren Verbündeten zu erreichen waren. Von Tromsö bis Thessaloniki, von den Kanal-Inseln bis Sizilien, überall konnte man ‚Signal‘ kaufen. Das Besondere an ‚Signal‘ ist ja, dass für alle oder für fast alle europäischen Verbreitungsgebiete Ausgaben in den jeweiligen Landessprachen früher oder später produziert wurden.“

Das Magazin schlägt ein wie eine Bombe, meint Rainer Rutz, der junge Wissenschaftler von der Berliner Humboldt-Universität, der „Signal“ für die Geschichtswissenschaften wiederentdeckt hat. Dabei ist er auf eine der größten Presse-Erfolgsgeschichten im Zweiten Weltkrieg gestoßen. Der Autor versteht es, in seinem Buch eine durchaus kriminologische Spannung zu erzeugen: Eine kleine Gruppe junger Ethnologen entwickelt in einer Propaganda-Abteilung der Wehrmacht den Plan, der von Goebbels vernachlässigten Auslandspropaganda mit einer Imagekampagne in Form einer Hochglanzillustrierten auf die Beine zu helfen.

„Die neue Zeitschrift gibt die Möglichkeit, eindrucksvoll Kraft, Stärke und Leistung der deutschen Wehrmacht dem Ausland vor Augen zu führen und darüber hinaus, Begriffe über die politische Zielsetzung und über das Wesen des Nationalsozialismus in einer unaufdringlichen Form zu übermitteln, die sich von den üblichen Propagandaflugschriften völlig abhebt.“

Der ambitionierte Stab um den Spezialisten für psychologische Kriegsführung, Dr. Albrecht Blau, und den Werbefachmann Fritz Solm, einen Absolventen der Columbia-Universität, ist überaus erfolgreich. Nach dem Balkanfeldzug ist „Signal“ bald auch in Athen und Bukarest zu haben, der Russlandfeldzug wir durch eine russische Ausgabe flankiert. Rutz bezeichnet die Einführung des „Signal“ deshalb als „publizistischen Nachvollzug“ der militärischen Besetzung, der besonders die Wehrmacht entsprechend in Szene setzen sollte.

„Das Bild des Soldaten vor allen Dingen in den ersten Jahren war natürlich ein durchaus eindimensionales: Dem deutschen Soldaten, so die Haupt-Botschaft, gelinge einfach alles, und nichts und niemand kann ihn aufhalten. Der Krieg war ein Kinderspiel; untereinander haben die deutschen Wehrmachtssoldaten Kameradschaft hochgehalten, sie waren edel zu ihren Gefangenen, edel zu ihren Gegnern, das waren so die Bilder der ersten Jahre.“

Es geht darum, mitten im Krieg Verständnis für Deutschland in der Welt zu entwickeln. So wird Europa zum wichtigsten Slogan, „Europas Jugend“, „Europas Zukunft“, „Einheit Europas“, „Befreiung der Europäischen Völker“ lauten die Schlagzeilen. Die Wehrmachtssoldaten spielen dabei die Rolle der wahren Europäer. Zweifellos: Sie kommen herum. Folgt man „Signal“, kann man in den Soldaten so etwas wie Pioniere des modernen Tourismus sehen:

„Wie im tiefsten Frieden sitzen die Pariser vor den Kaffeehäusern der Champs-Elysées und trinken ihren Aperitif. Zwischen ihnen sieht man deutsche Soldaten, an deren Anblick man sich bereits gewöhnt zu haben scheint. Es ist angenehm, geeisten Vermouth zu trinken und, den glatten Geschmack im Halse, sich mit geschlossenen Augen zurückzulehnen, um nur noch diese Geräusche des Friedens zu hören.“

Die plakativen Werbebotschaften für Groß-Deutschland evozieren ein Reich des Fortschritts, der Menschlichkeit und Fürsorglichkeit, und im tiefsten Inneren der Friedfertigkeit. So soll der tief sitzende Schock der Blitzkriege durch Zukunftsbilder einer „Pax Germania“ flankiert werden. Als der Russlandfeldzug stagniert und die deutschen Soldaten von Bolschewisten und Westalliierten in die Zange genommen werden, da muss „Signal“ seine propagandistische Rhetorik anpassen: Nun kämpft man im Namen der Völker Europas gegen die kulturlosen Banditen im Westen und die Horden aus dem Osten einen „Heiligen Krieg“:

„Da wurde natürlich auch das Bild des deutschen Soldaten umgestellt. Jetzt gab es die Parole Männer statt Masse, und so ging es dann in erster Linie darum, Husarenstücke zu zeigen. Es wurden immer häufiger einzelne Soldaten herausgegriffen, einzelne Kompanien, die jetzt heroisiert wurden.“

Gleichzeitig geht die deutsche Frau entlang der verlängerten „Heimatfront“ auf Entdeckungsreise, oder sie bewahrt unbeugsam Contenance. Die Frauen werden in „Signal“ ausgesucht attraktiv und bestechend blond ins Bild gerückt.

„Folgt man ‚Signal‘, so ließ sich in Deutschland sehr gut leben. Die Frauen waren sozusagen das Sinnbild der Heimatfront, und da lief es gut. Das heißt, man fuhr in Urlaub an die Ostsee und räkelte sich in der Sonne, oder ‚Signal‘ zeigte laszive Ski-Haserl, das ganze war auf freizügig getrimmt, natürlich auch, um die Leserschaft zu animieren. Und das ging auch auf.“

„Signal“ erweist sich in Rutz‘ luzider Lesart als Fundgrube von Selbst- und Wunschbildern des NS-Staates, seine Autopsie der Zeitschrift seziert unablässig phantasmatische Deutschlandbilder der damaligen Zeit: Die Waffentechnik bedient Modernitätswillen, gleichzeitig wird Traditionalismus und Bodenständigkeit bedient, der Augenblick der höchsten Not an der Front und das Ostseeidyll, niemand kann so gut töten wie die deutschen Kampfflieger, und niemand so gut hören wie die deutschen Musiker. Der Geist und das Material sind Meister aus Deutschland. Kurz vor Kriegsende findet der Klüngel der „Signal“-Produzenten Mittel und Wege, sich aus dem umkämpften Berlin in ein entlegenes fränkisches Dorf abzusetzen, um die Produktion massenkompatibler Sehnsuchtsbilder dort bis ins Absurde hinein fortzuführen.

„Das heißt, dass die Beiträge immer stärker von der Realität abgekoppelt wurden. Natürlich hatte man keine Lust, zum Volkssturm eingezogen zu werden und hat deswegen dieses große Illusionstheater produziert, andererseits weil es eben auch darum ging, die Bewerbungsmappen für die Post-NS-Zeit zu füllen.“

Durch die großzügigen Entnazifizierungsmaßnahmen können die ehemaligen Mitarbeiter des „Signals“ schon bald wieder in die Redaktionen einrücken und sogar zu Gründungsvätern von großen bundesdeutschen Illustrierten und Wochenzeitungen avancieren:

„Gerade den Fotografen gelang der Anschluss an die neue Zeit außerordentlich schnell. Genannt sei nur Hans Hubmann. Der Krieg war ein paar Wochen vorbei, da bekam er schon die ersten Aufträge von amerikanischen Illustrierten. Auch im Osten gab es das, Helmut Eggert, ein großer Zeichner, hat noch 1945 bei der ‚Neuen Berliner Illustrierten NBI‘ in Ostberlin angefangen. Wieder getroffen haben sie sich dann später 1948/49 alle bei der aktuellen Illustrierten ‚Quick‘.“

Der Autor Rainer Rutz leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Elitenkontinuität im Deutschland der Nachkriegszeit. Ihm kommt das Verdienst zu, „Signal“ als wichtige Primärquelle der „Mentalitätsgeschichte“ des Nationalsozialismus erschlossen zu haben. Das Buch ist für eine wissenschaftliche Publikation ungewöhnlich pointiert und packend geschrieben. Man möchte Rutz gern als Vertreter einer neuen Generation von Geschichtswissenschaftlern verstehen, die am Schnittpunkt von NS-Geschichte und Populärkultur vielleicht gerade darum neue Entdeckungen machen, weil sie ihre Disziplin den Kulturwissenschaften öffnen.

Rainer Rutz: SIGNAL. Eine deutsche Auslandsillustrierte als Propagandainstrument im Zweiten Weltkrieg
Klartext Verlag, Essen 2007
446 Seiten, 34 Euro

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Zu Elmar Lixenfelds Plastiken im Band „Gesichter der Wissenschaft


ABDRUCKE IN ANDEREN MEDIEN

„Mekkas der Moderne“ versteht sich als Diskussionsforum in elektronischer und analoger Form: Buch, Zeitschriftenbeitrag, Blog, Videobeitrag, Videointerview sind alles Spielformen einer Diskussion, die sich seit 2007 abspielt. Internet, Zeitschriften und Buch ergänzen sich dabei. Das Buch bietet dabei ganz eigene Vorteile. Es ist aufwändig gestaltet, mit Karten, Fotos, Querverweisen, alternativen Lesepfaden – und natürlich 76 Kapiteln. Außerdem eignet es sich zum Verschenken (und zum berühmten „Lesen in der Badewanne“). Im Internet, Zeitungen und Zeitschriften („Der Freitag“, „Damals“, „Telepolis“, „Satt.org“, „Courrier International“, „Legal Tribune“, „Spiegel Online“, „Zeit Online“, „Scinexx“, „Science Garden“, „Das Schema“ u. a.) präsentieren wir ausgewählte Kapitel. All diese Publikationsformen sind eigentlich zweitrangig. Im Zentrum steht die Frage: Was wären Ihre persönlichen Mekkas der Moderne? Und gibt es sie überhaupt?

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Abdrucke einzelner Kapitel in folgenden Publikationen:

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Abdrucke einzelner Kapitel in folgenden Publikationen:


Cape Canaveral, FloridaDas Kap der hohen Hoffnung (Peter Glaser)

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Das Goethehaus in WeimarOdyssee am Frauenplan (Harald Lesch, Hilmar Schmundt)

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Der Nuvvuagittuq-Grünsteingürte, QuébecFundament der Tiefenzeit (Jürgen Schönstein)

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GalápagosLabor der Evolution (Irenäus Eibl-Eibesfeldt)

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Solferino und CastiglioneDie Geburt des humanitären Völkerrechts (Ulrich Ladurner)

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Malo Sa’oloto Tuto’atasi o Samoa: Der Traum vom glücklichen Wilden (Peter Sandmeyer)

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Freuds CouchLiege der Lust (Lydia Marinelli)

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10 Bologna: Völlerei und Phantasie (Rainer Maria Kiesow)

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12 British Museum, LondonTempel der Aufklärung (Hilmar Schmundt)

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14 Die Bibliothek von AlexandriaWissen als politische Macht (Bernd Musa)

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16 AntarktisFlucht ins Eis (Gerald Traufetter)

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18 Schanghai: Der Wirtschaftswunderwahnsinn (Jakob Strobel y Serra)

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21 Rift Valley, Kenia:     Die Wiege der Menschheit (Julia Fischer)

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22 United Nations University, Tokio:     Gelehrtenrepublik und neues Atlantis (Hilmar Schmundt)

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28 Wittenberg:     Wiege und Themenpark der protestantischen Ethik

(Michael Rutschky)

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29 Die Apple-Garage:     Die Legenden des Rocky Raccoon Clark (Steve Wozniak)

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36.          F-67075 Strasbourg:     Das jüngste Gericht (Uwe Wesel)

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31 Baikonur, Kasachstan:     Himmelfahrt in der Steppe (Hilmar Schmundt)

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35 Ibn Battuta Mall, Dubai:     Schaufenster einer anderen Aufklärung (Hilmar Schmundt)

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37 Plettenberg:     Der Ort als Gesetz (Dirk van Laak)

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39 Oberwolfach:     Der Welt entrückt im Paradies der Mathematiker

(Christian Fleischhack)

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Plus ein Nachdruck aus Telepolis in Courrier International (Paris)

42 Nature, Crinon Street 4, London:     Plaudern, Rauchen, Picheln

(Hilmar Schmundt)

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46 Stevns Klint, Dänemark:     Der Ort, an dem die Welt unterging

(Hildegard Westphal)

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47 Troia:     Schauplatz einer dichterischen Phantasie (Justus Cobet)

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50 Senior Common Room, Oxford:     Dinner zwischen Disziplinen

(Matthias Klatt)

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51 Kiriwina, Papua-Neuguinea:     Verschont die Trobriander! (Jürgen Kaube)

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52 Europäische Südsternwarte, Chile:     Nach den Sternen greifen

(Dirk H. Lorenzen)

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55 Aspen, Colorado:     Gipfelstürme der Physik (Ulrich Schollwöck)

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56 Matterhorn:     Vertikale Pilgerreise (Hilmar Schmundt)

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59 Porthcurno, Cornwall:     Die lange Leitung(Simone Müller)

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61 Deutschland:     Kraftwerk Autobahn (Erhard Schütz)

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Ausgabe 6/2010

63 Päpstliches Geheimarchiv, Vatikan:     43 Kilometer Geschichte (Arne Karsten)

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64 Kriminalmuseum, Graz:     Der praktische Blick am Tatort (Peter Becker)

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65 Charité, Berlin:     theatrum anatomicum (David Wagner)

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70 Moskau 1929:     Das Pantheon der Gehirne (Michael Hagner)

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71 Phoenix, Arizona:     Der kühle Kult der Kryonik (Gundolf S. Freyermuth)

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„Mekkas der Moderne“ wurde auch in Österreich als Wissenschaftsbuch des Jahres nominiert. Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Stimme abzugeben unter www.wissenschaftsbuch.at


 

2 Antworten zu “Das Buch

  1. Pingback: Stuttgarter Zeitung: „mal persönlich, mal historisch, mal kurz und mal assoziativ“ « Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft

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