Literaturnobelpreis für Mario Vargas Llosa: Stephan Maus über die Rituale des Preisgerichts

Stephan Maus berichtet im 6. Kapitel von „Mekkas der Moderne“ über „de aderton“, die Preisjury der „Achtzehn“, die in Stockholm den Gewinner des Literatur-Nobelpreises festlegt:

(….) „Die Beschlüsse im Bereich Literatur sind jedes Jahr umstritten – sehr viel umstrittener als in allen anderen Sparten des Nobelpreises. Gleich der erste Preisträger war ein Skandal: Als die alten Herren der Akademie 1901 den Preis an Sully Prudhomme und nicht an Leo Tolstoi vergaben, schickten 42 schwedische Schriftsteller und Künstler, unter ihnen auch August Strindberg und Selma Lagerlöf, eine öffentliche Solidaritätsadresse an den Russen. Seitdem schlägt die Wahl der Stockholmer Mandarine regelmäßig Skandalwellen.

Der Schriftsteller Eckhard Henscheid beschreibt das Nobelpreisphänomen als »säkularen Massenwahn samt Rückfall in den dunkelsten Mythos«. Nein, nicht so sehr ihrem glücklichen Händchen bei der Wahl der Preisträger verdankt die Akademie ihre Autorität, sondern einem komfortablen Vermögen von geschätzten 100 Millionen Euro, zu denen jährlich noch 1,1 Millionen Euro aus der Nobelstiftung kommen, die als Preisgeld ausgelobt werden.

Diesen Reichtum veredeln die Achtzehn mit einem geradezu mythischen Glanz. Indem Alfred Nobel das Auswahlverfahren für seinen Literaturpreis der Schwedischen Akademie überließ, versah er ihn mit aristokratischem Prestige. Der wichtigste Literaturpreis der Welt erscheint wie der Traum eines Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert. Dieser Traum wird so pfleglich poliert wie die sakralen Geräte der Akademie: Kelche, Medaillen, Tintenfässer. Ihre Riten wurden von ihrem königlichen Stifter, dem burlesken Theaternarren Gustav III., in einem Ordnungsbuch festgelegt. Diese szenischen Regieanweisungen werden noch heute minutiös befolgt. Gustav wurde 1792 auf einem Maskenball in der Oper ermordet, seine akademische Kulturmaskerade überlebte. Der Monarch nahm sich die Pariser Académie française als Vorbild für seine Literaturloge.

Noch immer schweben die französischen »Unsterblichen« den Schweden als Modell vor. Man ist stolz auf den akademischen Pomp. Seinen Höhepunkt findet er am 20. Dezember, wenn die Akademie ihre Jahresversammlung unter den wohlwollenden Augen ihres Schutzherrn, des schwedischen Königs, zelebriert. Dann thronen die königlichen Kulturhüter in ihren alten Kostümen im Großen Festsaal des alten Börshuset. Ein imposantes Arrangement: 18 Stühle aus dem 18. Jahrhundert, bezogen mit hellblauer Seide. Die Rückenlehnen zeigen die Nummer des jeweiligen Mitgliedes in römischen Goldziffern. Vor jedem Platz stehen nur ein Wasserglas und eine Kerze – eine brennende vor jedem lebenden Mitglied, eine erloschene vor den verwaisten Plätzen der im vergangenen Jahr verstorbenen. Lorbeerkränze allüberall: in Sitzflächen gestickt, in Armlehnen geschnitzt, in Türstürze gebeitelt. (….)

Auch der gewöhnliche Akademiealltag strahlt aristokratische Würde aus. Jedes Mitglied hat sein Amt auf Lebenszeit inne. Niemand kann aus eigenen Stücken austreten. Nur im Todesfall beruft die Akademie ein neues Mitglied. Die Wahl wird vom schwedischen König bestätigt.

Jeden Donnerstag um fünf treffen sich die Achtzehn. Man redet sich mit förmlichen Titeln an, was in Schweden beinahe komisch wirkt. Es herrschen feste Sitzordnung und strenges Protokoll. Jeder Beschluss wird vom Direktor mit dem Schlag eines Silberhämmerchens besiegelt, in dessen Griff der Wahlspruch der Akademie eingraviert ist: »Snille och Smak«, Geist und Geschmack. Dieses Motto findet sich auch auf der Silbermünze im Wert von 20 Euro, die jedes Akademiemitglied als einzigen Lohn am Ende einer Sitzung erhält. Nur der Vorsitzende bezieht ein Gehalt.

Abgestimmt wird in der Akademie per Stimmzettel, die in einem 200 Jahre alten Silberkrug eingesammelt werden. Auf allen Stühlen im Versammlungsraum liegen orthopädische Sitzkissen: Das Durchschnittsalter der Akademie beträgt 71 Jahre. Die Mitglieder sind Schriftsteller, Kritiker, Linguisten, ein Jurist und ein Sinologe. Nur fünf Frauen finden sich unter ihnen. (….)

Die Auslese der Nobelpreiskandidaten ist ein langer Prozess. Bis zum 1. Februar sammelt die Akademie Kandidatenvorschläge aus aller Welt. Aus Deutschland kommen mit die meisten Empfeh- lungen. Vorschlagsberechtigt sind Literaturprofessoren, Akade- mien und ehemalige Preisträger. Auch aus Frankreich kommen viele Vorschläge, ebenso wie aus Osteuropa. Und sogar aus Ostasien. Jedes Jahr gehen circa 200 Vorschläge ein, aus denen das fünfköpfige Nobelkomitee, der innerste Zirkel der Akademie, bis April eine Longlist aus 15 bis 20 Kandidaten destilliert. Diese Liste reduziert das Nobelkomitee bis Ende Mai noch einmal auf eine Shortlist mit fünf Kandidaten. Jedes Komiteemitglied schlägt einen Favoriten vor und verfasst eine Werkanalyse. Diese Shortlist wird den restlichen Akademiemitgliedern vorgelegt, die nun den ganzen Sommer lang das Werk der fünf Kandidaten lesen sollten. Mitte September trifft die Akademie wieder zusammen, um in mehreren Sitzungen den Preisträger zu bestimmen, der die absolute Mehrheit der Stim- men auf sich vereinen muss und an einem Donnerstag im Oktober verkündet wird. An welchem, wird erst 48 Stunden zuvor bekannt gegeben. Der Preisträger muss schon einmal auf der Shortlist gestanden haben. Dank dieser sogenannten Lex Buck soll eine so unüberlegte Entscheidung vermieden werden, wie sie 1938 zur Preisträgerin Pearl S. Buck führte, die heute als unwürdig betrachtet wird. (….)

Presse und restliche Akademiemitglieder versammeln sich unter den zwölf Kristalllüstern im Festsaal, und um 13 Uhr wird der Name des Laureaten verkündet. Feierlich verliehen wird der Preis zusammen mit vier anderen Nobelpreisen an Nobels Todestag, dem 10. Dezember, im Stockholmer Rathaus. Alle Informationen über Diskussionen, Long- und Shortlist unterliegen einer 50-jährigen Sperrfrist. Horace Engdahl wird von Akademieromantik ergriffen, wenn er den Moment der Entscheidung beschreibt: »Wenn die Nobeldiskussion Ende September anfängt, wissen weder ich noch jemand anders in der Akademie, wie es ausgehen wird. Es gibt dann immer einen Augenblick, wo jeder seine Position verlässt und alles offen ist. In diesem Moment

wird ein Gesamtgeist in der Diskussion spürbar. Fast so etwas wie eine überpersönliche Vernunft. Es hat nichts mit Macht zu tun. Man fühlt sich in eine gewisse Richtung gezogen und spürt, dass dort am Ende eine vernünftige Wahl liegt.«

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