Bangalore: Willkommen im Inder-Net

Bangalore, das indische Hightech-Mekkas, ist Schauplatz einer neuen Fernsehserie in einem neuen Format, die am 16. November beginnt. „Dark Fibre“ heißt die halbdokumentarische Internet-Serie (sagt man das: Internet-Serie?), die über das Videonetzwerk http://www.babelgum.com exklusiv per Internet „ausgestrahlt“ wird („ausgestrahlt“?).

Der Regisseur Jamie King („Steal this Video“) folgt dabei den Mitarbeitern einer kleinen Kabelfernsehfirma in Bangalore, die nachts als „Cable wallahs“ illegal DVDs ins Netz speisen und tags die morschen Kabelstränge reparieren – und dabei wie durch Zufall in die finsteren Machenschaften eines Unternehmers verstrickt werden. Als Gastkommentator tritt niemand anders auf als Noam Chomsky, der umstrittene Linguist vom MIT, der immer wieder durch politische Fundamentalkritik auf sich aufmerksam macht.

Das einzigartige Nebeneinander von Internet-Träumen und traditioneller Mystik beschreibt auch Ilija Trojanow in dem Buch „Mekkas der Moderne“ .

(WERBEUNTERBRECHUNG: „Mekkas der Moderne“ hat es übrigens gerade auf die Shortlist als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ geschafft. Nun dürfen die Leser abstimmen im Netz.)

Danke. Hier nun also Trojanows Kapitel, frei herunterladbar, verteilbar, empfehbar, ganz im Sinne der Cable Wallahs aus „Dark Fibre“.

* * *

Kapitel 26: Heiliges Mosaik aus Steinen und Mikrochips

Ilija Trojanow

Schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Bangalore erfährt der indienerfahrene Reisende angesichts glatter Alleen, leuchtender Laternen und begehbarer Bürgersteige einen Kulturschock. Zu beiden Seiten des dichten Verkehrs wird eifrig gebaut: Luxushotels, Appartementblocks mit imposanten Namen wie Akropolis und Säulen, die bis in den zehnten Stock hinaufreichen, sowie Einkaufszentren wie das bizarre Kemp Fort – einem Neuschwanstein unter den Shopping Malls, das sich uns schon am Flughafen mit einer in Zellophan eingewickelten Rose empfahl.

Trotz jüngster Unkenrufe von Übersiedlung und Verwahrlosung: der Großraum Bangalore wird seinem Namen als Silikon-Plateau weiterhin gerecht. Immer noch entscheiden sich viele internationale Investoren für diesen Standort, obwohl mit Hyderabad in den letzten Jahren ein ernsthafter Konkurrent um ihre Gunst herangewachsen ist. Die Sieben-Millionen-Metropole rüstet sich für die Zukunft: Planierraupen ebnen den Weg für eine zweispurige Ringautobahn; die Stadtväter planen eine Hochbahn, und am Stadtrand glänzt die blaue Glasfassade des kurz vor der Jahrtausendwende eröffneten »International Tech Park«.

Wer das Gelände betritt, verlässt das gemeine Indien. Mehrere Bauten, um einen frisierten Rasen gruppiert und unterirdisch miteinander verbunden, bekennen sich in ihrer Nomenklatura zu einer postmodernen Trinität: Entdecker – Schöpfer – Erfinder. Die so benannten Büropaläste haben ein wahres »Who is Who« der zeitgenössischen IT-Wirtschaft angelockt.

Der überwiegende Teil der hier niedergelassenen Firmen stammt aus dem Ausland, darunter auch SAP und Siemens. Die etwa 24.000 Mitarbeiter hingegen werden – von einigen Geschäftsführern abgesehen – allesamt vor Ort angeworben. Denn vier renommierte Hochschulen in Bangalore bringen eine beachtliche jährliche Ernte an qualifizierten, ambitionierten Fachkräften hervor, die sich gewiss glücklich schätzen, in diesem »technischen El Dorado« (laut Prospekt) arbeiten zu dürfen.

Tatsächlich erscheint einem der schicke Technopark wie aus einer Märchenwelt, wie eine von hohen Mauern umfasste Insel der Glückseligen mit eigener Stromversorgung und eigener Kanalisation, auf der man sich im Fitnessstudio oder bei Billard von seinen Aufgaben erholt (»Arbeiten-Leben-Spielen«, laut Prospekt). Bank, Bar, Krankenhaus sowie diverse Läden greifen schon auf die zweite Baustufe vor, bei der auch ein Wohnkomplex entstehen soll, um die Entwicklung zur autarken High-Tech-Station erfolgreich abzuschließen. Eigentlich fehlt dem golfplatzgroßen Gelände nur eines: ein Tempel.

Religiöse Abhilfe findet sich im nahe gelegenen Ashram Brindavan. Hausherr Sai Baba, dem zum 75. Geburtstag vor ein paar Jahren ein Stadion voller Anhänger gratulierte, nennt sich ohne falsche Bescheidenheit Bhagwan – der Noble, der Heilige, der Erhöhte, kurzum: Gott. Kein Wunder, dass er sich selbst zu Ehren einen Tempel mit klassizistisch-orientalischen Kuppeln hat errichten lassen (wer als Gott neben ihm steht, kümmert Sai Baba wenig, weswegen Menschen aller Konfessionen zu ihm pilgern). Der Ashram ist so streng bewacht wie der Tech-Park. In beiden Fällen obliegt die Verantwortung für die Sicherheit pensionierten Offizieren der indischen Armee, steifschlanke Asketen, die in einem merkwürdigen Gegensatz zu den barocken architektonischen Manifestationen ihrer jeweiligen Arbeitgeber stehen.

Sai Baba dürfte der politisch einflussreichste Guru Indiens sein. Zum Geburtstag wartete ihm eine Galerie von Ministern und Philistern auf. Obwohl der Wunderwirker schon mehrfach des Betrugs entlarvt worden ist – seine Materie-ist-Energie-Philosophie offenbart sich durch billige Zaubertricks – ist er erst neuerdings in unrühmliche Schlagzeilen geraten. Eine Reihe ehemaliger Verehrer haben ihn des sexuellen Missbrauchs bezichtigt und Medien in Australien, Schweden, London und München orale Details anvertraut. Der Skandal sickerte – wie so oft – zuerst ins Internet. Für wahre Gläubige kein Grund zur Skepsis, denn der Guru lehrt, dass »wir nicht ins Internet, sondern ins innere Netz blicken sollten«. Zudem sei jede Handlung des Babas ein »Lehren« – was Unverständigen falsch oder verwerflich erscheinen mag, wird zweifellos seinen rechten Grund und Sinn haben.

Dem Erfolg des aus ärmlichen Verhältnissen in die Sinnstiftungselite aufgestiegenen Sektenführers wird diese Kontroverse wenig anhaben können. Das gerade fertig gestellte Shri Sai Baba Institute of Higher Learning, ein gigantischer »When-Xanadu- met-Stalin«-Bau, setzt den Errungenschaften des Heiligen ein philanthropisches Denkmal. Sai Baba scheint die okkulten Bedürfnisse der Ersten Welt ebenso effizient zu befriedigen wie der Tech-Park die professionellen.

Hinter Bangalore, nachdem man die National Aerospace Laboratories, das Indian Satellite Research Center und die Hindustan Aeronautics Limited hinter sich gelassen hat, fällt man durch die Zeit und landet irgendwo im Mittelalter. Der Strom der Moderne erweist sich als urbanes Binnenmeer ohne Ausflüsse. Die Menschen leben in Lehmhütten mit Palmdächern, die Frauen tragen Wasserkrüge zum Brunnen, trennen die Spreu vom Weizen, indem sie das Getreide aus vollen Tellern in den Wind hinein werfen. In einem seltenen Zugeständnis an die Technologisierung breiten sie das Korn über die Straße aus und bedienen sich der Autoreifen zum Dreschen.


5 Kommentare

Eingeordnet unter Ausblicke, Ausflüge, Expeditionen, Freistil, Postkoloniale Aufbrüche, Technik

5 Antworten zu “Bangalore: Willkommen im Inder-Net

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis von „Mekkas der Moderne“: An 76 Orten um die Welt « Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft

  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis von „Mekkas der Moderne“: An 76 Orten um die Welt | Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft

  3. Pingback: Weltmusik aus Mali: „Ihr kennt die Zweige, wir haben den Stamm“ | Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft

  4. Pingback: Inhaltsverzeichnis von “Mekkas der Moderne”: An 76 Orten um die Welt « Hilmar Schmundt

  5. Pingback: Am Anfang war Bologna: Wider den modular-molekularen Stundenplan. Für das Ragù.. | Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s