Blues aus Mali: „Ihr kennt die Zweige, wir haben den Stamm“

Heute Artikel in der SZ:

Die Tuareg-Band und Grammy-Gewinner „Tinariwen“, deren Musik in den Ausbildungslagern der libyschen Armee entstand, geht auf Welttournee – ohne ihren Frontmann. Ibrahim Ag Alhabib ist in seiner Heimat Mali verschollen.

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„Derzeit touren Tinariwen wieder durch die USA. Ihr jüngstes Album „Tassili“ hat den Grammy in der Kategorie Weltmusik gewonnen. Ihre Heimat Mali versinkt in einem Bürgerkrieg, mehr als 300.000 Menschen sind auf der Flucht. Der wortkarge FrontmannIbrahim Ag Alhabib blieb diesmal bei seiner Familie. Vielleicht hatte er auch keine Lust auf Talkshows, jedenfalls kam er nicht mit.

Nun ist er verschollen. Seit Wochen hat die Band keinen Kontakt zu ihm. „Man weiß nicht, ob er noch lebt. Es geht sogar das wilde Gerücht um, er könnte sich der Rebellion angeschlossen haben“, sagt Sedryk, Gründer des kleinen französischen Labels Reaktion, das sich auf die Sahara-Musik spezialisiert hat.“

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Am 29. Juli 2011 traten Tinariwen aus Mali im Berliner Haus der Kulturen der Welt auf.

Videoclip 1

Videoclip 2

Peter Pannke berichtet zu diesem Thema in „Mekkas der Moderne“. Er schreibt über die Wurzeln des Blues in Westafrika:

Wenn man Timbuktu in Richtung Nordwesten verlässt, passiert man am Stadtrand, kurz bevor die Wüste beginnt, eine riesige Betonsäule. Steil ragen ihre Arme in den Himmel, in den Sockel sind verrostete, ausgebrannte Gerippe von Maschinengewehren eingegossen. Flamme de la Paix heißt dieses Denkmal, das daran erinnern soll, dass die Tuareg im März 1996 an dieser Stelle vor den Augen von Präsident Alpha Oumar Konaré und der versammelten Stammesführer 3000 Gewehre verbrannten, um den fragilen Frieden zu besiegeln, den sie mit dem Staat Mali geschlossen hatten.

»Die malische Armee hat ihre Waffen damals nicht mit ins Feuer geworfen«, murmelte der Tuareg, der mich zum Festival au désert in die Oase Essakane mitnahm, zwischen den Zähnen. Der Friedensschluss hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Etwa eine Million Tuareg verteilen sich über ein riesiges Gebiet, fünfmal so groß wie Deutschland, das sich über Marokko, Mauretanien, Algerien, Libyen, Mali, Burkina Faso und Niger erstreckt. Als verbindendes Element dient den heterogenen Gruppen einzig ihre gemeinsame Sprache Tamashek, und so nennen sie sich Kel Tamashek, »Sprecher des Tamashek«, oder Imazighen, »freie Menschen«.

Als in den Dürrekatastrophen der siebziger und achtziger Jahre der größte Teil ihrer Viehherden verdurstete, verschwand zusammen mit ihren Kamelen und Ziegen die Lebensgrundlage der nomadischen Bevölkerung, die in Touristenprospekten als »blaue Ritter der Wüste« verklärt werden. Sie selbst bezeichnen sich weder als »blaue Ritter« noch als Tuareg – das Wort ist ein arabisches Schimpfwort und bedeutet soviel wie »von Gott Verdammte«. Die Araber, mit denen sie über Jahrhunderte hinweg immer wieder Kriege führten, haben sie zwar islamisiert, aber nie unterworfen.

Die Sharia – das Wort bezeichnet ursprünglich einen Pfad durch die Wüste – brauchten sie nicht, denn die Sterne wiesen ihnen den Weg.

Als die Tuareg von der fortschreitenden Versteppung der Sahel-Zone immer weiter nach Süden gedrängt wurden, trafen sie auf die Herden der Peul oder anderer Gruppen, die ihre angestammten Wasserrechte verteidigten.

Im Laufe der Auseinandersetzungen wechselten zehntausende von jungen Tuareg über die Grenze nach Algerien und Libyen. »Ishumaren« wurden sie genannt, nach dem französischen »chômeur«, die Arbeitslosen. Fern von ihren Familien vertrieben sie sich die Zeit mit Gesängen, die von den legendären Kriegern der Vergangenheit erzählten. Taghreft Tinariwen – die erste Tuaregband, die zu elektrische Gitarren griff – führte ein neues Thema in den alten poetischen Kodex ein. »Taghreft« bezeichnet eine Baumannschaft, »Tinariwen« bedeutet Wüste oder »leerer Ort«. Die Wüste drohte sich nun auch im Inneren auszubreiten und die Menschen auszuhöhlen, ihre Songs waren von Hoffnung, Schmerz und Sehnsucht nach einem eigenen Land erfüllt.

Sie seien in einem libyschen Trainingslager entstanden, erzählte Tinariwen beim ersten Festival au désert, das 2001 in der Nähe von Kidal stattfand, westlichen Journalisten. Das Versprechen Ghaddafis, sie bei ihrem Kampf für ein autonomes Land der Tuareg zu unterstützen, erwies sich als trügerisch. Einige von ihnen gehörten zu der Gruppe, die im Juni 1990 einen Militärposten an der Grenze zu Niger überfiel und damit den zweiten Aufstand der Tuareg auslöste. Dass sie mit der Kalaschnikow in der einen und der E-Gitarre in der anderen Hand kämpften, wurde bald zur Legende, doch für Tinariwen stand nicht der Krieg, den sie mit traumatischen Erinnerungen verbanden, im Mittelpunkt, sondern die Reflexion über ihr Leben, das zwischen archaischem Erbe und desolater Moderne pendelte.

Traditionelle Nomadentreffen, auf denen getanzt und gesungen wurde, »Temakannit« genannt, hatten in der Sahara stattgefunden, solange die Bewohner zurück denken konnten, aber die Idee, diese Zusammenkünfte auch für Nicht-Tuaregs zu öffnen und Musikerinnen und Musiker aus dem merklich unterschiedlichen Süden des Landes dazu einzuladen, war neu. Die Inspiration, dass sich das zu einem regelrechten Weltmusikfestival auswachsen könnte, stammte von der französischen Musikerkommune Lo’Jo, die Tinariwen 1999 in der Hauptstadt Bamako trafen. Sie taten sich mit der Tuareg-Organisation EFES zusammen, die auf die bedrohte Lebenssituation ihres Volkes aufmerksam machen wollte.

Beim ersten Festival au désert waren gerade einmal dreißig Westler anwesend, aber die waren begeistert von den wilden Männern mit Turban und E-Gitarre, die den Sandhügel erklommen, der als improvisiertes Podium diente. Doch in den Norden Malis, wo sich immer noch bewaffnete Rebellen aufhielten, traute sich selbst das Militär kaum, und so wurde das nächste Festival auf die weißen Dünen von Essakane verlegt, wo man eher westliche Weltmusiktouristen anlocken konnte. Schnell machte die Kunde von den »Rolling Stones der Sahara« in Musikerkreisen die Runde.

2003 gesellte sich Robert Plant, der Sänger der Rocklegende Led Zeppelin, zu Tinariwen auf die Bühne. »Als ob man einem Tropfen lauscht, der in einen tiefen Brunnen fällt«, umschrieb er das Gefühl, das ihre Musik in ihm auslöste. Die CD mit dem Mitschnitt des Festivals gelangte in die World Music Charts und katapultierte Tinariwen zu internationalem Ruhm.

Im Januar 2004 verschaffte »das entlegenste Festival der Welt« bereits einigen hundert westlichen Besuchern Einblicke in die Härte des Nomadenlebens: Keine Duschen, Wasser war knapp, die Toilettenhäuschen, die eine ausländische Hilfsorganisation errichtet hatte, waren innerhalb weniger Stunden unbrauchbar. Aus ihren Schlafsäcken mussten die Besucher erst einmal die Skorpione her- ausschütteln, vor allem machte ihnen der feine Staub zu schaffen, der durch die kleinsten Ritzen drang. Schnell stellte sich heraus, dass der Tagoulmoust, der Gesichtsschleier der Tuareg, kein dekoratives Schmuckstück ist, sondern zur Überlebensausrüstung gehört.

Die Tuareg-Bands dominieren das Festival, der pan-malische Geist der Versöhnung der nördlichen und südlichen Landesteile fand auf einem Nebenschauplatz statt. Die Koraklänge der Griots von Mali bekamen die Weltmusiktouristen erst beim Festival au Niger zu hören, das in den folgenden Jahren nach dem Vorbild von Essakane in Ségou entstand. Aber auch das Festival au désert verzeichnet steigende Besucherzahlen, und es hat viel bewegt.

Das blinde Ehepaar Amadou & Mariam, das sich in der Blindenschule von Bamako kennen lernte und 2004 international noch wenig bekannt war, holte Herbert Grönemeier drei Jahre später nach Berlin, um gemeinsam mit ihnen die Fußballweltmeisterschaft zu eröffnen. Etran Finatawa, die »Sterne der Tradition« der Wodaabe-Nomaden aus Niger, die zwischen die Fronten der Tuareg und der Regierungssoldaten von Mali und Niger geraten waren, versöhnten sich in Essakane mit ihren ehemaligen Gegnern. »Desert Crossroads« heißt ihre 2005 erschienen CD. Die Gruppe tourt mittlerweile durch Europa, genau wie Tinariwen, die bisher 80.000 CDs verkauft haben. Der Tribut, den sie für ihre internationale Vermarktung zahlen müssen, kann man im Internet nachlesen. »Die romantischen Rocker aus der Wüste betören immer wieder, auch wenn sie diesmal etwas sehr produziert daher kommen«, wurde ihre letzte CD kritisiert, aber Carlos Santana holte sie 2007 zum Jazz-Festival von Montreux und versicherte ihnen, sie säßen an der Quelle, aus der Muddy Waters, Jeff Beck und Buddy Guy getrunken hätten.

Ähnliches sagte der 2005 verstorbene Ali Farka Touré, der zusammen mit dem amerikanischen Gitarristen Ry Cooder für »Talking Timbuktu« einen Grammy Award bekam. Vielleicht war es nur Höflichkeit, die ihn dazu brachte, die Frage nach der Herkunft des Blues, die ihm auf der Pressekonferenz von Essakane 2004 gestellt wurde, noch einmal zu beantworten. Der Blues? Was sollte das sein? Er hielt es für einen schlechten Witz, dass er gefragt wurde, ob er sein Gitarrenspiel bei John Lee Hooker gelernt habe.

Gewiss, er hatte ihn 1968 zum ersten Mal gehört und war tief beeindruckt – aber nicht, weil er seinen Meister gefunden hatte, sondern weil ihm schien, dass der amerikanische Bluessänger etwas spielte, was eigentlich aus Afrika stammte, vom Ufer des Niger. »Ihr kennt die Zweige, wir in Mali haben die Wurzeln und den Stamm. Ich weiß selber, was ich spiele, niemand braucht mir das zu erzählen«, beschied Ali Farka die weißen Journalisten. Ali Farka transportierte mit seiner Musik keine Klageschreie über die Sklavenarbeit auf den Baumwollplantagen, kein Stöhnen über Whiskey and Women – er war kein Underdog, sondern ein Grundbesitzer, der auf sein Land stolz war.

Nicht jeder in Europa scheint das begriffen zu haben. Die eigentliche Weltmusik werde von Madonna und den Beatles gemacht, erläuterte der neue Musikchef Detlef Diederichsen sein Programm, als im Herbst 2007 das frisch renovierte Berliner Haus der Kulturen der Welt wiedereröffnet wurde – Stammesgesänge aus Mali und peruanische Zupfinstrumente erklängen doch nur an der Peripherie. Die Botschafterin von Mali lachte nur, als sie den Artikel in der lokalen Stadtzeitung las: »Vielleicht sollte man diesen Mann einmal nach Mali einladen, damit er die Wiege kennen lernt, in der die Urgroßeltern der Weltmusik gelegen haben!«

Aus dem Buch „Mekkas der Moderne – Pilgerorte der Wissensgesellschaft“, einem Projekt der Jungen Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg. 

Weitere Kapitel zum Thema: 
Mekkas der Moderne in aller Welt – im Schnelldurchlauf als Film.
Dubai als Labor einer islamischen Renaissance.
Diskussion über den Modernisierungswahn in Shanghai.
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In 76 Kapiteln führen bekannte Schriftsteller, Forscher und Journalistenquer durch den Kosmos der globalisierten Wissensgesellschaft. Über 50 Kapitel davon lassen sich online nachlesen. Sie laden ein zum Entdecken und Genießen, zum Nachreisen oder Querlesen. Zum Mitdenken, zum Widerspruch und zu der Frage: Was wären denn eigentlich meine ganz persönlichen Mekkas der Moderne?

Mit Beiträgen von Irenäus Eibl-Eibesfeld, Peter Glaser, Steve Wozniak, Harald Lesch, Jürgen Kaube, Ernst Peter Fischer, Ilija Trojanow, Wilfried F. Schoeller, David Wagner, Jakob Strobel y Serra, Uwe Wesel, Michael Rutschky, Gundolf S. Freyermuth und anderen.

Inhalt

I      AUFBRUCH – Meilensteine und Wegweiser

Cape Canaveral, FloridaDas Kap der hohen Hoffnung (Peter Glaser)

Das Goethehaus in WeimarOdyssee am Frauenplan (Harald Lesch, Hilmar Schmundt)

Der Nuvvuagittuq-Grünsteingürte, QuébecFundament der Tiefenzeit(Jürgen Schönstein)

Mona Lisa, Paris: Digitale Bilderverehrung und delegiertes Erleben (Lars Blunck)

GalápagosLabor der Evolution (Irenäus Eibl-Eibesfeldt) ______

Nobelpreiskomitee, StockholmMythos und Narrenspiel (Stephan Maus)

Solferino und CastiglioneDie Geburt des humanitären Völkerrechts(Ulrich Ladurner)

Malo Sa’oloto Tuto’atasi o Samoa: Der Traum vom glücklichen Wilden (Peter Sandmeyer)

Freuds CouchLiege der Lust (Lydia Marinelli)

10 Bologna: Völlerei und Phantasie (Rainer Maria Kiesow)

11 Das Cern bei GenfEine Kathedrale der Physik (Mathias Kläui)

12 British Museum, LondonTempel der Aufklärung (Hilmar Schmundt)

13 Santa Fe Institute, New Mexico: Der hl. Glaube ans Fachübergreifende (Stefan Bornholdt)

14 Die Bibliothek von AlexandriaWissen als politische Macht (Bernd Musa)

15 Google: Der Schlitz (Peter Glaser)

16 AntarktisFlucht ins Eis (Gerald Traufetter)

II      EXPEDITIONEN – Lokale Globalität

17 Bikini-Atoll, Marshall Islands:   Drei schwarze Sterne auf der Flagge (Maik Brandenburg)

18 Schanghai: Der Wirtschaftswunderwahnsinn (Jakob Strobel y Serra)

19 Bristlecone-Kiefern, White Mountains:     Wie man (fast) jede Krise übersteht (Martin Wilmking)

20 Brasília:     Wenn die Moderne träumt (Philipp Elsner)

21 Rift Valley, Kenia:     Die Wiege der Menschheit (Julia Fischer)

22 United Nations University, Tokio:     Gelehrtenrepublik und neues Atlantis(Hilmar Schmundt)

23 Kantiana in Königsberg:     Aus Ehrfurcht vor dem Denken (Eva-Maria Engelen)

24 Lambaréné, Gabun:     Albert Schweitzers ethisches Korrektiv (Felix Grigat)

25 West Madison Street, Chicago:     Bühne des unsteten Lebens (Jürgen Kaube)

26 Bauhaus in Dessau:     Relikt der Utopien (Friedrich von Borries)

27 Bangalore:     Heiliges Mosaik aus Steinen und Mikrochips (Ilija Trojanow)

28 Wittenberg:     Wiege und Themenpark der protestantischen Ethik

(Michael Rutschky)

29 Die Apple-Garage:     Die Legenden des Rocky Raccoon Clark (Steve Wozniak)

30 Miraikan, Tokio:     Humanoide hinterm Absperrband (Charlotte Kroll)

31 Baikonur, Kasachstan:     Himmelfahrt in der Steppe (Hilmar Schmundt)

32 Die Oase Essakane, Mali:     Wurzeln und Stamm der Weltmusik (Peter Pannke)

33 YIVO, New York:     Die untergegangene Welt des Ostjudentums (Sabine Koller)

34 Mauna Loa, Hawaii:     Eine Kurve verändert die Welt (Christopher Schrader)

35 Ibn Battuta Mall, Dubai:     Schaufenster einer anderen Aufklärung

(Hilmar Schmundt)

III      EINKEHR – Paradiese des Geistes

36 F-67075 Strasbourg:     Das jüngste Gericht (Uwe Wesel)

37 Plettenberg:     Der Ort als Gesetz (Dirk van Laak)

38 Lyme Regis, Dorsetshire:     Fossiliensammeln am Strand des Lebens

(Martina Kölbl-Ebert)

39 Oberwolfach:     Der Welt entrückt im Paradies der Mathematiker

(Christian Fleischhack)

40 Cold Spring Harbor, Long Island:     Wohnzimmer mit Wissenschaft

(Ernst Peter Fischer)

41 La Stazione Zoologica di Napoli:     Wo die Seeigel ihre Eier legen

(Kärin Nickelsen)

42 Nature, Crinon Street 4, London:     Plaudern, Rauchen, Picheln

(Hilmar Schmundt)

43 Eichstätt:     Mit Schwanz und Krallen in kirchliche Obhut (Oliver Rauhut)

44 Kernforschungszentrum Dubna, Russland:     Atom rabotschij

(Meinhard Stalder)

45 San Millán de la Cogolla:     Wiege der spanischen Sprache (Jakob Strobel y Serra)

46 Stevns Klint, Dänemark:     Der Ort, an dem die Welt unterging

(Hildegard Westphal)

47 Troia:     Schauplatz einer dichterischen Phantasie (Justus Cobet)

48 Das Bohrkernlager in Bremen:     Lesen wie in einem Buch

(Hildegard Westphal)

49 Institute for Advanced Study, Princeton:     Ein Eden auf Zeit

(Anna Wienhard)

50 Senior Common Room, Oxford:     Dinner zwischen Disziplinen

(Matthias Klatt)

51 Kiriwina, Papua-Neuguinea:     Verschont die Trobriander! (Jürgen Kaube)

52 Europäische Südsternwarte, Chile:     Nach den Sternen greifen

(Dirk H. Lorenzen)

53 Sieben Häuser am Wolfgangsee.     Schwänzeltanz der Bienen (Jürgen Tautz)

54 Sir John Soane’s Museum, London:     Melancholie des Sammelns

(Kurt W. Forster)

55 Aspen, Colorado:     Gipfelstürme der Physik (Ulrich Schollwöck)

IV      AUSFLÜGE – Überraschungen für Fortgeschrittene

56 Matterhorn:     Vertikale Pilgerreise (Hilmar Schmundt)

57 Fuggerstadt Augsburg:     Geld und Glaube (Guido Komatsu)

58 Straße der Vulkane, Ecuador:     Humboldt vermisst die Anden

(Jakob Strobel y Serra)

59 Porthcurno, Cornwall:     Die lange Leitung (Simone Müller)

60 Bahnhofkühlhaus, Basel:     Wie man lagert, so liegt man (Monika Dommann)

61 Deutschland:     Kraftwerk Autobahn (Erhard Schütz)

62 Bureau International des Poids et Mesures, Sèvres:     Der Welt Standard(Milos Vec)

63 Päpstliches Geheimarchiv, Vatikan:     43 Kilometer Geschichte (Arne Karsten)

64 Kriminalmuseum, Graz:     Der praktische Blick am Tatort (Peter Becker)

65 Charité, Berlin:     theatrum anatomicum (David Wagner)

66 Summerhill School, Leiston:     Die Weltverbesserungsanstalt (Fiona Ehlers)

V      AUSBLICKE – Erinnerungen an die Zukunft

67 Panthéon, Paris:     Zentralheiligtum und Zankapfel (Hilmar Schmundt)

68 Internationaler Suchdienst, Arolsen:     Wider die Macht des Nichterzählten (Wilfried F. Schoeller)

69 The Golden Spike, Meishan:     Die Zeit festnageln (Alexander Nützel)

70 Moskau 1929:     Das Pantheon der Gehirne (Michael Hagner)

71 Phoenix, Arizona:     Der kühle Kult der Kryonik (Gundolf S. Freyermuth)

72 Röcken bei Leipzig:     Nietzsches trautes Dörflein (Holger Dambeck)

73 Hier und Jetzt:     Auf keiner Stätte ruhn (Kenichi Moriya)

74 Mars:     Krieg der Welten (Karlheinz und Angela Steinmüller)

75 Second Life:     Der Niedergang (Andreas Rosenfelder)

76 Der Unerreichbarkeitspol der Erde (Martin Wilmking)

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„Mekkas der Moderne“ hat es in die Endrunde zum Wissenschaftsbuch des Jahres in Österreich geschafft. Die Jury hat im Auftag des österreichischen Wissenschaftsministeriums die besten Bücher des Jahres vorausgewählt. Nun entscheiden die Leser darüber, wer den Publikumspreis gewinnt.

Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Stimme abzugeben unter www.wissenschaftsbuch.at

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Auf keiner Stätte ruhn: Ein „Wo ist Wo?“ der Wissenschaftsgeschichte

An diesen Orten kam es zu Sternstunden der Wissenschaft: Mit 76 Stätten weltweit stellt »Mekkas der Moderne« die Plätze vor, die Forscher verschiedener Disziplinen mit Ehrfurcht betreten.

Die Essays erklären, warum ein Ort für einen Wissenschaftszweig so bedeutsam ist und welche Querverbindungen zu anderen Orten und Gelehrten bestehen. Einige sind Klassiker: Darwins Galapagos-Inseln, Schliemanns Troja und selbstverständlich das Pantheon in Paris mit dem foucaultschen Pendel.

Doch auch der Belesenste findet Überraschungen: Etwa San Millán de la Cogolla — den Ort, an dem die ersten Zeugnisse spanischer Sprache gefunden wurden. Ein Mönch des 11. Jahrhunderts hatte dort spanische Randnotizen zu lateinischen Heiligenviten verfasst.

Der Aufbau des Bands trägt der im Titel erwähnten Moderne Rechnung: Der Leser kann sich entweder von vorne bis hinten durcharbeiten, sich über eine Weltkarte selbst den Ort der nächsten »Landung« aussuchen — oder aber einer vorgeschlagenen Route folgen. Es scheint, als hätte Julio Cortázars nach demselben Prinzip verfasster Roman »Rayuela« Pate gestanden.

Die Autorenliste schmücken einige berühmte Schreibende, etwa Ulrich Ladurner und Ilija Trojanow. Aber auch die Texte unbekannterer Autoren bestechen. Im Unterschied zu vielen typischen Aufsatzbänden trübt die stilistische Vielfalt dieses Buchs den Lesegenuss nicht. im Gegenteil, es lebt davon. Den drei Herausgebern gelang eine so gute Auswahl, dass fast alle der drei- bis achtseitigen Essays ein gleichermaßen hohes stilistisches und inhaltliches Niveau haben. Ein Minus: Keines der Bilder trägt eine Bildunterschrift, obwohl es an vielen Stellen nötig wäre.

Die Liste der Gedächtnisorte der Moderne kann nicht vollständig sein, viel zu sehr hängt sie vom jeweiligen Standpunkt ab, Das wissen auch die Herausgeber. Doch ihre Bestandsaufnahme lohnt sich: Was unsere Urenkel wohl in 100 Jahren über sie denken werden?

Claudia Reinert ist Kulturwssenschaftlerin und lebt in Meßkirch.

Aus: EPOC 1/2011


Max Planck Forschung: „brillante Essays, außergewöhnliches Konzept und optisch schöne Aufmachung mit Sepia-Fotografien“

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Technology Review: „stets so packend beschrieben, dass man mit dem Schmökern nicht aufhören will.“

„Was im Internet als Diskussion startete, liegt nun als eine Art Reiseführer durch die Wissensgesellschaft vor. Die Lese-Expedition hat kein Ziel, doch etliche Zwischenstationen wie das Nobelpreiskomitee in Stockholm oder den Mars, stets so packend beschrieben, dass man mit dem Schmökern sowieso nicht aufhören will.“

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Forschung Frankfurt: „Spätestens an diesem Punkt fragt man sich: Wo wollen wir hin?

Ein lesenswerter »Reiseführer« zu den Mekkas der Moderne

Was sind die Pilgerstätten der »Wissenschaft?« – Die Antworten auf diese Frage müssen notwendigerweise verschieden ausfallen, je nachdem, ob man einen Mathematiker, einen Germanisten oder einen Flugzeugingenieur fragt. Sie könnten lauten: Oberwolfach, das Goethehaus in Weimar oder Cape Canaveral, Florida. Weitere Antworten kommen hinzu, wenn – wie im vorliegenden Buch – nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Autoren und Journalisten zu Wort kommen.

Zu den bedeutenden historischen und geografischen Orten, etwa der Bibliothek in Alexandria oder den Galapagos-Inseln, gesellen sich dann auch solche, die in erster Linie die gesellschaftliche Inszenierung von Wissenschaft im Blick haben: das Pantheon in Paris, das Beratungszimmer des Nobelkomitees in Stockholm oder das Redaktionsbüro der Zeitschrift »Nature«. Virtuelle Orte (Google, Second Life) werden ebenso genannt wie Möbelstücke (Freuds Couch). Genauso interessant wie die Nennung der Orte ist die Reflexion darüber, warum sie für die Wissenschaft wichtig sind oder waren.

Oft haben sie eine besondere emotionale Qualität und geben gerade deshalb weitreichende Einblicke in den Wissenschaftsbetrieb. Damit ist nicht nur die Arbeit im Labor berühmter Forschungseinrichtungen gemeint, sondern auch die Bedeutung und Funktion von Wissenschaft in der Gesellschaft. Da ist beispielsweise das heute geschlossene „Pantheon der Gehirne“ in Moskau, in dem einst das Gehirn Stalins und andere sogenannte russische Elitegehirne erforscht wurden, um die Überlegenheit des Sozialismus in einer Verbindung von Hagiografie und Biopolitik zu demonstrieren.

Andere Orte spiegeln die Sehnsüchte von Wissenschaftlern; zum Beispiel Margret Meads Traum vom glücklichen Wilden auf Samoa. Wie heute bekannt ist, spielte ihre Überzeugung, dass der Mensch vor allem durch sein soziales Umfeld geprägt werde, eine entscheidende Rolle beim Design und der Interpretation ihrer Feldforschung. in ihre 1928 veröffentlichten Studie „Coming of Age in Samoa“ schilderte sie die Pubertät der jungen Mädchen als eine Zeit, in der sie unverkrampft erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Das Buch wurde zum Bestseller und fehlte in keiner WG der 1968er Jahre. Zweifel und Kritik der Samoaner wurden lange ignoriert.

Die Besteigung des Matterhorns als Sinnbild

Ein Sinnbild für die Hybris des Menschen, der immer wieder meint, die Naturgewalten durch seine Erfindungsgabe bezwingen zu können, ist der Bericht des Spiegel-Autors Hilmar Schmundt. In einer Mischung aus Erlebnisbericht und historischen Rückblicken reflektiert er die Besteigung des Matterhorns. Dem Gefühl von Macht und Überlegenheit steht in anderen Berichten die Erfahrung von Ohnmacht gegenüber: Der Autor David Wagner erlebt sich in der Berliner Charite als „Patient und Forschungsobjekt zugleich“. Die Schwester nimmt seinen Arm beim Pulsfühlen, »als wäre es ihrer, sie hat alle Zugriffsrechte«. Übertroffen wird dieses traurige Szenario des modernen Theatrum anatomicum noch durch die Tiefkühltruhen der Firma Phoenix in Arizona, in denen »Kryoniker« ihre Leichname konservieren lassen, bis die Medizin der Zukunft eine Therapie für ihre Leiden gefunden hat.

Spätestens an diesem Punkt fragt man sich: Wo wollen wir hin? Denken Wissenschaftler darüber nach, wenn sie sich in den modernen Wissensschmieden für neue Ideen begeistern? Haben sie dafür noch Zeit, wenn sie an den Universitäten von administrativer Tätigkeit und einem Übermaß an Arbeit erstickt werden? Welche Rolle spielen dabei Wissenschaftsjournalisten, die einen wesentlichen Teil der insgesamt 76 Autoren des Buches stellen?

Unweigerlich kommt einem ein anderer in dem Buch geschilderter Ort in den Sinn: das Urwaldhospital Albert Schweitzers in Gabun. Der Journalist Felix Grigat interpretiert Schweitzers Rückzug dorthin als einen radikalen Bruch mit der Hybris einer Wissensgesellschaft, »die Moral dereguliert und meint, ethisches Denken und Handeln an Kommissionen, Organisationen oder ‘Experten’, delegieren zu können«. Vielleicht liegt die Lösung des Problems in ähnlichen Ansätzen, wie sie auch am Anfang dieses Buches standen. Der Austausch zwischen Wissenschaftlern, Autoren und Journalisten begann als eine Art Salonspiel, das über E-Mail, Skype und Internetforen geführt wurde, »Je mehr Argumente wir gegen reale Pilgerorte der Moderne auflisteten, desto mehr Erlebnisse fielen uns ein, die nicht durch Datenleitungen passen.« Gerade diese Erlebnisse, die nicht durch Datenleitungen passen, ziehen den Leser in das Buch hinein, lassen ihm keine Ruhe und regen an, auch über das eigene Verhältnis zur Wissenschaft nachzudenken. Dazu lädt auch die Webseite zum Buch ein: vvww.mekkasdermoderne.de/

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Reiseführer zu Orten der globalen Wissenschaft zu lesen – sei es über Querverweise im Text, thematisch zusammengestellte Routen, oder die Weltkarte im Vorsatzpapier, auf der die Orte mit den zugehörigen Kapitelnummern markiert sind. Einer der wichtigsten Orte für den modernen Menschen ist am Schluss des Buches genannt: Der geografisch nicht genau definierbare „Unerreichbarkeitspol der Erde“, an dem kein Mobiltelefon und kein Internet funktioniert und man noch das Gefühl hat, »sein Leben im Griff zu haben, einhalten zu können«.

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DIE WELT: „Als Autoren wurden zahlreiche renommierte Wissenschaftler gewonnen, die hintergründige und lesenwerte Texte geschrieben haben“


Norbert Lossau schreibt in der WELT: „Mekkas der Moderne: Es gibt Orte auf diesem Planeten, die untrennbar mit großen Entwicklungen in Wissenschaft und Technik verknüpft sind. So steht Cape Canaveral in Florida beispielsweise für die Eroberung des Weltalls oder die Apple-Garage für den Beginn einer technischen Revolution. Die drei Herausgeber dieses Buches mit dem Untertitel „Pilgerstätten der Wissensgesellschaft“ haben 76 kurze Aufsätze über Orte dieser Erde versammelt, die zum Entdecken, Schauen, Staunen und Begreifen einladen. Dabei erheben sie nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Als Autoren wurden zahlreiche renommierte Wissenschaftler gewonnen, die hintergründige und lesenwerte Texte geschrieben haben.“

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FIGARO (mdr): „Mekkas der Moderne ist eine amüsante Reise zu jenen Orten, die Wissenschaftler ehrfurchtsvoll erstarren lassen, zugleich eine Wissenschaftsgeschichte in Episoden und Anekdoten“

„Auch im Zeitalter der Videokonferenzen und Emails gibt es Orte mit magischem Zauber. Orte, die auch angebliche nüchterne Naturwissenschaftler zum Staunen und Verharren einladen. 76 Mekkas der Moderne sind in diesem Buch versammelt. Erwartetes findet sich: Cape Canaveral, Dubna, Oxford und Princeton. Unerwartetes: Die ältesten Bäume der Welt, die Bristlecone Kiefern der White Mountains, die Oase Essakane als Wiege der Weltmusik, oder das dänische Stevns Klint, der Ort, an dem man sieht, wie die Welt der Dinosaurer unterging. Und unglaubliche Orte: Das Bahnhofkühlhaus in Basel, die deutschen Autobahnen oder die virtuelle Welt von „Second Life“.
Mekkas der Moderne ist eine amüsante Reise zu jenen Orten, die Wissenschaftler ehrfurchtsvoll erstarren lassen, zugleich eine Wissenschaftsgeschichte in Episoden und Anekdoten.“

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profil: „Ein fein selektierter Führer durch die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts“

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Interview zum Buch im österreichischen Rundfunk ORF


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falter: „Gute Idee, gelungene Mischung. Wissen ist eng mit dem Ort seiner Produktion verbunden.“

„Gute Idee, gelungene Mischung. In 76 kurzen und meist flott geschriebenen Texten besuchen fast ebenso viele Autoren unter anderem: das Genfer CERN, Cape Canaveral, das Santa Fe Institute in New Mexico, das Kriminalmuseum in Graz, die neue Bibliothek im ägyptischen Alexandria, aber auch das Evolutionslabor der Galápagos und virtuelle Orte wie den Google-Schlitz. Wissen ist zunächst einmal alles andere als universell, sondern eng mit dem Ort seiner Produktion verwoben. Wo sonst als auf dem Landsitz seiner Familie am Wolfgangsee hätte Karl von Frisch die Sprache der Bienen entschlüsseln können?“

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Forschung und Lehre: „eine anregende Entdeckungsreise, die neugierig macht und Lust zu eigenen Erkundungen weckt“

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Eingeordnet unter Aufbruch, Ausflüge, Expeditionen, Postkoloniale Aufbrüche

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