China Mobile: Diskussion und Fotos aus Peking und Schanghai

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Fotos: Hilmar Schmundt (Peking und Schanghai, 2007)

Jakob Strobel y Sera bringt sein Kapitel aus „Mekkas der Moderne“ über den Wirtschaftswunderwahnsinn in China auf Zeit Online. Er schreibt:

„Eine Schimäre aus Stahlbeton oder doch das, was die Besucher schon nach den ersten rauschhaften Augenblicken in der Megalopolis schaudernd glauben wollen: der aufregendste Ort der Welt, das pochende Herz des 21. Jahrhunderts; das gereckte Haupt des chinesischen Drachens, eine Fortschrittsphantasmagorie aus Stein und Stahl, die Erschaffung einer neuen Stadt aus sich selbst, errichtet von zwei, drei, vier Millionen Wanderarbeitern für fünfzehn, zwanzig, dreißig Millionen Menschen – eine Stadt im permanenten Quantensprung, die jeden Morgen mit einem anderen Gesicht aufwacht, weil sie nachts nicht schläft, sondern wächst, die sich in die Höhe schleudert und in die Tiefe bohrt, die Schnellstraßen in ihr eigenes Fleisch schneidet, ohne vor Schmerz mit der Wimper zu zucken, die ganze Stadtteile mit einem Federstrich auslöscht ohne einen Gedanken der Wehmut, weil sie keine Wurzeln hat wie Peking, keine Gründungspfeiler der Vergangenheit, sondern keinen anderen Daseinstreibstoff als das Hoffnungsversprechen der Zukunft.“

Um diesen Beitrag hat sich eine Debatte entsponnen. Hier einige Wortmeldungen:

„was ist denn so toll am monströsen in rekordzeit gebautem stahl und beton konglomerat? das herz einer stadt sind doch immer noch die menschen und ihre geschichten, die ihr ein gesicht geben.“

„Mein Vater war ein leidenschaftlicher Sammler der Readers Digest Magazine. Da habe ich mir immer gerne die Bilder angesehen, vor allem die, auf denen über das Ausehen der Welt im Jahr 2000 plus x spekuliert wurde. Das Foto oben kommt dem ziemlich nahe, fehlen eigentlich nur die fliegenden Autos, die auf den Abbildungen zwischen den Wolkenkratzern zu Hunderten herum geschwirrt sind.“

„Nicht nur Kleinbauernbanken, auch die Wohnviertel der sogenannten „kleinen Leute“ mussten der Expansionswut der Megalopolis weichen – Ankündigung oft per angenageltem Zettel an der Wohnungstür. Wer sich weigerte zu gehen, wurde in nicht wenigen Fällen von der Abrissbirne überrascht. Warum ist denn der Film „Avatar“ in China einfach abgesetzt worden? Weil er nämlich bei vielen Chinesen unliebsame Erinnerungen an das Thema „Vertreibung durch Immobilienspekulation“ wachrief. Schade, dass der Autor kein Wort über die Wohnungsbaupolitik der chinesischen Behörden verliert, sondern lediglich bemerkt, dass es „keine Wehmut schüre, dieses (alte) Shanghai verschwinden zu sehen“. Da hat er sich wohl doch ein bisschen zu sehr von der Wunderwelt der glitzernden Fassaden blenden lassen.“

„Schöner, fast lyrisch bunter Text mit passendem Foto.“

„Es ist sehr interessant und faszinierend. Nach dem Lesen möchte man Shanghai sofort besuchen. Der Autor übertreibt leider aber eindeutig. Der andere Artikel bei „Zeit“ gefällt mir viel besser: http://www.zeit.de/lebensart/2010-04/lebensgefuehl-shanghai-berlin

„…Megalopoliswahn des Kapitalismus. Überall auf der Welt zu beobachten, in der es keinen adäquaten Stadt-Land-Ausgleich gibt und damit massenhafte Landflucht einsetzt. China hat es dabei geschickt gemacht und mit viel Geld eine Art New-Manhatten produziert. Meines Wissens scheut man dafür keine Mühe und karrt die Obdachlosen und Bettler in die Vorstädte. In Indien und Afrika sehen die Millionenstädte schon auf den ersten Blick viel depremierender aus.

Und machen wir uns nichts vor: diese Städte gibt es nicht deswegen, weil die Leute gerne in Hochhäusern wohnen, sich gerne gegenseitig auf die Füße treten, gerne im Verkehrschaos stecken, gerne in überfüllten U-Bahnen fahren, gerne schlechte Luft atmen. Diese Städte sind kapitalistisch gesehen
effizient. So eine Art Käfighaltung für Menschen. Kurze Strecken, viel Arbeitskräfteauswahl, hohe Kapitalkonzentration, ständiges Wachstum dank Zuwanderung.

Nur deshalb gibt es solche unerfreulichen Moloche, umso mehr je turbokapitalistischer ein Land ist. Klar toll da mal als Tourist vorbeizufahren, aber ich bezweifle, dass der Autor dort gerne wohnen würde.“

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Überholspur, Gesellschaft, Postkoloniale Aufbrüche

Eine Antwort zu “China Mobile: Diskussion und Fotos aus Peking und Schanghai

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