Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Wurde 1417 die Moderne gefunden? In einem Kloster in Fulda? Und für zehn Cent wiederentdeckt?

Heute bekommt Stephen Greenblatt für sein Buch „The Swerve“ (Die Wende) den mit 10 000 Dollar dotierten Pulitzer Prize verliehen (in der Sparte Sachbuch). Er kann nicht persönlich in New York sein, weil er am Wissenschaftskolleg in Berlin ist (Hier ein Interview). Das obige Foto zeigt Greenblatt mit dem Motiv der Lukrez-Ausgabe, die er als Student kaufte, und die ihn Zeit lebens faszinierte. Sein Buch beginnt so:

„Als ich noch Student war, besuchte ich gegen Ende des Schuljahres regelmäßig den Yale Co-op und schaute, was ich für den Sommer zu lesen fand. Mein Taschengeld war knapp, doch die Buchhandlung schlug alljährlich ihre alten Ladenhüter los, zu lächerlich kleinen Preisen. Die Bücher wurden in Wühlkästen gestopft, und ohne feste Absichten machte ich mich darüber her, wartete einfach ab, was mir ins Auge fiel. Auf einem dieser Beutezüge stieß ich auf ein Taschenbuch mit einem äußerst seltsamen Cover, aufmerken ließ mich ein Ausschnitt aus einer Zeichnung des Surrealisten Max Ernst. Unter einer Mondsichel hoch über der Erde waren zwei Beinpaare – die Körper fehlten – mit etwas beschäftigt, das wohl ein himmlischer Beischlaf sein sollte. Das Buch – eine Prosaübersetzung von Lukrez‘ zweitausend Jahre altem Gedicht „De Refum Natura“ (Von der Natur) – war herabgestzt auf zehn Cent, und wie ich gestehen muss, hatte ich es eher auf den Umschlag abgesehen als auf die klassische Darstellung des Kosmos und seiner Ausstattung.“

Und weiter:  „Antike Physik ist nicht ganz das, was man sich unter Ferienlektüre vorstellt, doch irgendwann in diesem Sommer, in einer müßigen Stunde, nahm ich das Buch in die Hand und begann zu lesen. Und stieß schon in den ersten Versen auf eine mehr als hinreichende Rechtfertigung für die erotische Umschlagillustration. Lukrez setzt ein mit deinem glühenden Hymnus an Venus, Weiterlesen

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New York Times: Verhindern Twitter und Facebook die Demokratisierung?

Wieder einmal geistert diese These durch die Zeitungen: Das Internet, insbesondere Twitter und Facebook, seien bei Demokratisierungsprozessen nicht hilfreich. Sondern sie stören vielleicht sogar.

Das zumindest behauptet Noam Cohen in der „International Herald Tribune“ vom 30. August (S. 15):

Online tools may distract possible participants -until they’re taken away

The mass media, including interactive social networking tools, make you passive, can sap your initiative and leave you content to watch the spectacle of life from your couch or smartphone. Apparently even during a revolution.

That is the provocative thesis of a new paper by Navid Hassanpour, a political science graduate student at Yale, titled „Media Disruption Exacerbates Revolutionary Unrest.“ Using complex calculations and vectors representing decision-making by potential protesters, Mr. Hassanpour, who already has a doctorate in electrical engineering from Stanford University in California, studied the recent uprising in Egypt.

His question was, How smart was the decision by the government of President Hosni Mubarak to shut down the Internet and cellphone service completely Jan. 28, in the middle of the crucial protests in Tahrir Square in Cairo? His conclusion was, not so smart, but not for the reasons you might think.„Full connectivity in a social network sometimes can hinder collective action,“ he writes.“

Diese These ist nicht neu. Jewgenij Morosow trägt ein ähnliches Argument vor in seinem Buch „The Net Delusion“.

Allerdings lohnt es sich, genau hinzusehen auf die Methodik bei der Herleitung dieser Thesen. Hassanpours Argument scheint dies zu sein: Wer offline ist, demonstriert engagierter, denn Weiterlesen

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China Mobile: Diskussion und Fotos aus Peking und Schanghai

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Fotos: Hilmar Schmundt (Peking und Schanghai, 2007)

Jakob Strobel y Sera bringt sein Kapitel aus „Mekkas der Moderne“ über den Wirtschaftswunderwahnsinn in China auf Zeit Online. Er schreibt:

„Eine Schimäre aus Stahlbeton oder doch das, was die Besucher schon nach den ersten rauschhaften Augenblicken in der Megalopolis schaudernd glauben wollen: der aufregendste Ort der Welt, das pochende Herz des 21. Jahrhunderts; das gereckte Haupt des chinesischen Drachens, eine Fortschrittsphantasmagorie aus Stein und Stahl, die Erschaffung einer neuen Stadt aus sich selbst, errichtet von zwei, drei, vier Millionen Wanderarbeitern für fünfzehn, zwanzig, dreißig Millionen Menschen – eine Stadt im permanenten Quantensprung, die jeden Morgen mit einem anderen Gesicht aufwacht, weil sie nachts nicht schläft, sondern wächst, die sich in die Höhe schleudert und in die Tiefe bohrt, die Schnellstraßen in ihr eigenes Fleisch schneidet, ohne vor Schmerz mit der Wimper zu zucken, die ganze Stadtteile mit einem Federstrich auslöscht ohne Weiterlesen

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„Die Zeit“ über Auroville: „Stadt der Morgenröte“

Iris Radisch hat die Idealstadt Auroville besucht und schreibt in „Die Zeit“ (5. 1. 2011, S. 53):

Seit Jahren schon wünsche ich mir, nach Auroville zu fahren. Ein Flecken Erde am Golf von Bengalen, aus dem Nichts gebaut, an dem in den siebziger Jahren eine Handvoll Menschen nach den Ideen von Mirra Alfassa versuchten, das Leben noch einmal zu erfinden. Eine neue Stadt Weiterlesen

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Hans Joas in „Die Zeit“: Weder Kirche noch Revolution erfanden die Menschenrechte

Wer hat die Menschenrechte erfunden – wer genau? War es die Kirche mit ihrem Kult des Mitleids? Oder war es die Französische Revolution, welche den Einfluss der Kirche zurückdrängte – und am 26. August 1789 die Menschenrechte verkündete? Der Soziologe Hans Joas schreibt dazu in der „Zeit“ (22.12.2010, S. 49):

„Für mich ist keine der beiden Positionen haltbar. Das säkular-humanistische Narrativ ist schon empirisch falsch und verzerrt Weiterlesen

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„The Economist“: Chinesen auf Kavalierstour durch Europa

Der „Economist“ schreibt unter dem Titel „A new Grand Tour“ über eine neue Tourismusgeografie, die durch chinesische Besucher entsteht. Zur den Orten der klassischen Kavalierstour (Vatikan! Venedig! Louvre!) kommen neue Pilgerziele dazu: Bonn (Beethoven), Trier (Marx), Metzingen (Hugo Boss), Cambridge (Xu Zimho) und Brüssel (Nato):

„When the bamboo curtain lifted a generation ago, the first contact many Chinese had with the outside world was in the form of imported goods, whose foreign fame Weiterlesen

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„Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert“. Das Verhältnis von Peer-Review-Journals und Blogs

Am 2. Dezember kündigte die Nasa wieder einmal eine Entdeckung groß an. Nicht mit einer Pressemitteilung, sondern gleich mit einer Pressekonferenz. Man habe so etwas wie außerirdisches Leben gefunden, nur eben auf der Erde: Bakterien, die Phosphor durch Arsen ernähren können, ein bislang unbekannter Prozess, möglicherweise der Hinweis auf eine verborgene „Schatten-Biosphäre“. Das Paper erschien im Wissenschaftsmagazin „Science“.

Christina Berndt schreibt in der SZ anlässlich dieser sensationellen Behauptung über die Schwächen des herkömmlichen Peer-Review-Prozesses:

„‚Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert‘, warnen manche Wissenschaftler. Deshalb wächst die Bedeutung von Blogs, die die Arbeit der Forscher kritisch begutachten.“

Die wichtigsten Einwände wurden nicht in „Science „oder „Nature“ veröffentlicht, sondern Weiterlesen

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