Wurde 1417 die Moderne gefunden? In einem Kloster in Fulda? Und für zehn Cent wiederentdeckt?

Heute bekommt Stephen Greenblatt für sein Buch „The Swerve“ (Die Wende) den mit 10 000 Dollar dotierten Pulitzer Prize verliehen (in der Sparte Sachbuch). Er kann nicht persönlich in New York sein, weil er am Wissenschaftskolleg in Berlin ist (Hier ein Interview). Das obige Foto zeigt Greenblatt mit dem Motiv der Lukrez-Ausgabe, die er als Student kaufte, und die ihn Zeit lebens faszinierte. Sein Buch beginnt so:

„Als ich noch Student war, besuchte ich gegen Ende des Schuljahres regelmäßig den Yale Co-op und schaute, was ich für den Sommer zu lesen fand. Mein Taschengeld war knapp, doch die Buchhandlung schlug alljährlich ihre alten Ladenhüter los, zu lächerlich kleinen Preisen. Die Bücher wurden in Wühlkästen gestopft, und ohne feste Absichten machte ich mich darüber her, wartete einfach ab, was mir ins Auge fiel. Auf einem dieser Beutezüge stieß ich auf ein Taschenbuch mit einem äußerst seltsamen Cover, aufmerken ließ mich ein Ausschnitt aus einer Zeichnung des Surrealisten Max Ernst. Unter einer Mondsichel hoch über der Erde waren zwei Beinpaare – die Körper fehlten – mit etwas beschäftigt, das wohl ein himmlischer Beischlaf sein sollte. Das Buch – eine Prosaübersetzung von Lukrez‘ zweitausend Jahre altem Gedicht „De Refum Natura“ (Von der Natur) – war herabgestzt auf zehn Cent, und wie ich gestehen muss, hatte ich es eher auf den Umschlag abgesehen als auf die klassische Darstellung des Kosmos und seiner Ausstattung.“

Und weiter:  „Antike Physik ist nicht ganz das, was man sich unter Ferienlektüre vorstellt, doch irgendwann in diesem Sommer, in einer müßigen Stunde, nahm ich das Buch in die Hand und begann zu lesen. Und stieß schon in den ersten Versen auf eine mehr als hinreichende Rechtfertigung für die erotische Umschlagillustration. Lukrez setzt ein mit deinem glühenden Hymnus an Venus, die Göttin der Liebe, deren Erscheinung im Frühling das Gewölk vertreibt, den Himmel mit Licht füllt und die ganze Welt mit rasendem sexuellem Begehren:

Kaum nämlich ist die Pforte des Frühlings aufgesprungen und es wirkt, plötzlich befreit, die Brise des Zephyr, da, Göttin, künden die Vögel dich an, ins Herz getroffen von deinen mächtigen Pfeilen. Dann toben das Wild und das Vieh über üppige Wieden, schwimmen durch wilde Ströme: Von deinem Zauber gefangen, begierig folgen sie alle dir, willig, wohin du sie führst. Dann senkst du verführerische Liebe ins Herz aller Kreaturen, die leben in den Meeren und Bergen und fließenden Strömen und in der Vögel belebtem Dickicht, auf grünenden Fluren; den leidenschaftlichen Trieb senkst du in sie, ihre Art zu vermehren!

Fasziniert von der Intensität dieses Auftakts la sich wieter, kam zur VIsion des in Venus‘ Schoß ruhenden Kriegskottes Mars – „bezwungen on ver nie heilenden Wunde der Liebe, den Nacken zurückgeworfen, schaut er in Liebe begierig dich an“ (…)“

(Stephen Greenblatt: „Die Wende – Wie die Renaissance begann“. Siedler, 2012, S. 9)


In seinem Buch „The Swerve“ erzählt Greenblatt über die Wiederentdeckung des Lehrgedichtes „De rerum natura“ von Lukrez, das ein atomistisches, atheistisches Weltbild besang, ohne Götter, ohne Leben nach dem Tod, ohne ewige Seele, ohne Hölle – und damit (angeblich) eine Grundlage des kritischen Denkens der Aufklärung wurde. Greenblatt schreibt:

IN THE WINTER of 1417, Poggio Bracciolini rode through the wooded hills and valleys of southern Germany toward his distant destination, a monastery reputed to have a cache of old manuscripts. As must have been immediately apparent to the villagers looking out at him from the doors of their huts, the man was a stranger.

Der Lukrez-Text war nicht der einzige, nach dem gefahndet wurde:

ITALIANS HAD BEEN book-hunting for the better part of a century, ever since the poet and scholar Petrarch brought glory on himself in the 1330s by piecing together Livy’s monumental History of Rome and finding forgotten masterpieces by Cicero, Propertius, and others. Petrarch’s achievement had inspired others to seek out lost classics that had been lying unread, often for centuries.

Was man sich in Zeiten von Project Gutenberg und Wikipedia kaum vorstellen kann: Poggio Bracciolini musste monatelang zu Fuß umherwandern, um einzelne Texte aufzuspüren:

Poggio and the other humanists on the trail of lost classics knew all this. Having already sifted through many of the monastic libraries in Italy and having followed Petrarch’s lead in France, they also knew that the great, uncharted territories were Switzerland and Germany. But many of those monasteries were extremely difficult to reach—their founders had built them in deliberately remote places, in order to withdraw from the temptations, distractions, and dangers of the world.

Greenblatt deutet an, dass Poggio das Dokument schließlich in der Benediktinerabtei von Fulda gefunden haben könnte, in der

Benedictine Abbey of Fulda. That abbey, in a strategic area of central Germany, between the Rhône and the Vogelsberg Mountains

Ein Indiz: Fulda war die Stadt des Rabanus Maurus, der im 9. Jahrhundert
als Abt des Klosters einen Text verfasst hatte, der sich, so scheint es, auf Lukrez beziehen könnte:

He (Poggio Bracciolini, d. Red.) could have done so by initiating a discussion of one of Fulda’s most celebrated figures, Rabanus Maurus, who had served as abbot for two decades, from 822 to 842. Rabanus Maurus was a prolific author of biblical commentaries, doctrinal treatises, pedagogical guides, scholarly compendia, and a series of fantastically beautiful poems in cipher. Most of these works Poggio could easily have seen in the Vatican Library, along with the vast tome for which Rabanus was best known: a work of stupefying erudition and dullness that attempted to bring together in its twenty-two books all of human knowledge. Its title was De rerum naturis—“On the Natures of Things”—but contemporaries, acknowledging the scope of its ambition, called it “On the Universe.”

Nichts Genaues weiß man nicht. Poggio Bracciolini fand damals irgendwo in Deutschland den Text.

Und jetzt die Preisfrage: Gibt es weitere Hinweise, dass Lukrez‘ Text „De rerum natura“ wirklich in Fulda gefunden wurde? Gibt es Bemühungen in Fulda, dieser Anekdote nachzugehen? Gibt es vielleicht alte Bibliotheksverzeichnisse, mit denen sich belegen ließe, dass Poggio hier fündig wurde? Das würde Fulda sozusagen zur Mutter aller Mekkas der Moderne machen.

(HS)

Hier noch eine Buchbesprechung aus der New York Times.

Hier ein paar meiner Unterstreichungen aus dem Buch über das Lesernetzwerk Readmill.

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