Tagesspiegel: „Urlaub in Tschernobyl“

Foto: aus dem Tagesspiegel (Aufnahme von AFP)

Das ukrainische Ministerium für Katastrophenschutz, in dessen Verantwortung das Katastrophen-Kraftwerk steht, hat ein Touristik-Unternehmen für Tschernobyl-Besucher gegründet, schreibt Elke Windisch im Tagesspiegel:

„Dieser Horrortrip ist ein wahres Schnäppchen. Und strapaziöse Langstreckenflüge müssen sich die Liebhaber des ultimativen Kicks künftig auch nicht mehr antun. Denn der Ort des Grauens liegt mitten in Europa, in der Ukraine: Tschernobyl, seit der Reaktorkatastrophe im April 1986 weltweit Synonym für die Risiken bei der Nutzung von Atomenergie. Pünktlich zum 25. Jahrestag der Tragödie soll der Unglücksort, den bisher nur Fachleute, Journalisten und einzelne Besuchergruppen besuchen durften, zum Mekka für den Massentourismus entwickelt werden.“

Das Programm für einen strahlenden Urlaub ist vielseitig, schreibt Elke Windisch:

„Für einen geringen Aufpreis kann man Angeln im einstigen Kühlwasserbecken des Unglücksreaktors dazu buchen. Auch Schutzkleidung. Obwohl man auf die nach Meinung des Veranstalters getrost verzichten kann: Selbst bei einer Vier-Tage-Tour durch die Zone wäre die Strahlenbelastung für Besucher geringer als bei einem Transatlantikflug. An Kinder, Hunde und Schwangere sollen dennoch keine Tschernobyl-Tickets verkauft werden.“

Es folgt der Logik der Erlebnigesellschaft, dass Pilgerreisen nicht nur zu Orten der Erbauung, sondern auch zu Orten des Schreckens einen Markt finden. Tschernobyl wäre insofern ein Mekka der reflexiven Moderne, in welcher der Diskurs über die spezifische Modernität negativ definiert ist. Mit ähnlichen Phänomenen befassen sich zwei Kapitel in „Mekkas der Moderne“: Solferino, eine Kleinstadt im Norden Italiens, gilt als Geburtsort des Roten Kreuzes und des humanitären Völkerrechts; und das Bikini-Atoll, wo ab 1946 Atombombentests eine ganze Region radiaktiv verstrahlten, wurde als Welterbe auf die Unesco-Liste – als Mahnmal. In der Begründung heißt es: „Through its history, the atoll symbolises the dawn of the nuclear age, despite its paradoxical image of peace and of earthly paradise.“

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Eingeordnet unter Ausflüge, Dystopien, Streitpunkte, Technik

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