Archiv der Kategorie: Streitpunkte

Umstrittene Orte

Zwei Bildungseinrichtungen schließen in den Emiraten

In einem Buchkapitel berichtet „Mekkas der Moderne“ über den zaghaften Aufbruch einer arabischen Aufklärung in Dubai. Hier der Nachdruck auf der Site vom Handelsblatt:

„Die Europäer haben kein Copyright auf die Aufklärung“, sagte Hans-Magnus Enzensberger 2008 bei einem Besuch in Dubai: „Bei den zahlreichen Versuchen vieler Europäer, die Aufklärung für sich zu beanspruchen, handelt es sich in der Tat bestenfalls um Halbwahrheiten.“ Scheich Muhammed bin Raschid Al Maktoum, Regent von Dubai und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte zum „arabisch-deutschen Kulturdialog“ eingeladen, mit ausgerichtet von einem Verein namens „West-östlicher Diwan“, Enzensberger hielt den Eröffnungsvortrag.

Der Scheich dichtet selber gerne, und fördert die Künste wie ein aufgeklärter Renaissancefürst. Zehn Milliarden Dollar hat er aus seinem Privatbesitz einer Stiftung vermacht, die unter anderem die Übersetzung von 50 deutschsprachigen Büchern ins Arabische finanziert, darunter: Kant, Adorno, Habermas.

Es ist weiterhin offen, wie nachhaltig derlei Anzeichen einer Modernisierung und Öffnung sind. Derzeit allerdings scheinen die Machthaber nervös zu werden angesichts des arabischen Frühlings, berichtet der Economist:

But equally, many are perplexed by what appears to be a mounting campaign against even mild dissent. Consider, for instance, the fate of two of the country’s oldest civil-society institutions, the teachers’ and lawyers’ associations. On April 6th they issued a joint statement appealing for greater democracy. Within a month the government had dissolved both organisations’ elected boards and replaced them with state appointees. In June the Gulf Research Centre, a respected privately funded think-tank that has been based for more than a decade in Dubai, one of the UAE’s seven statelets, regretfully announced it was closing its offices owing to the government’s unexplained failure to renew an operating licence. Other academic and research bodies complain of increasingly intrusive government scrutiny, particularly of any activity related to political reform.

Dabei sahen die zaghaften Reformbemühungen noch vor vier Monaten gar nicht so schlecht aus, schreibt der Economist:

FOUR months ago some prominent citizens of the United Arab Emirates (UAE) addressed a petition to the country’s ruler, Sheikh Khalifa bin Zayed al-Nahyan. Couched in elaborate terms of courtesy, it noted that the UAE’s constitution calls for progress towards “a complete system of representative democracy”. Perhaps, they suggested, his highness might consider turning the Federal National Council (FNC), a legislative body with limited powers that is half appointed and half chosen by a select college of voters, into a real parliament elected by universal suffrage.

Good news soon followed, as government officials announced a tenfold expansion, from 7,000 to nearly 80,000, in the number of citizens who would be allowed to vote in elections for the FNC later this year. On June 27th came yet more happy news. The minister in charge of legislative affairs declared that by 2019 all Emirati citizens might have the right to vote.

Stattdessen stehen nun die Zeichen auf Repression, warnt der Bericht:

A recent report by the New York Times on an effort by Sheikh Muhammad bin Zayed, Abu Dhabi’s crown prince and the brother of its ruler, to create a crack battalion made up of foreign mercenaries has worried the reformers even more. An 800-man contingent is apparently to be trained in, among other things, crowd-control tactics against unarmed civilians.

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Ein dubioser Tschernobyl-Roman als Mythos der Moderne

Als „Augenzeuge“ und „Überlebender“ der Tschernobyl-Katastrophe tingelt der ehemalige KGB-Offizier Anatoly Tkachuk durch die Medien, lässt sich als Experte befragen. Tatsächlich steckt sein Buch „Ich war im Sarkophag von Tschernobyl“ voller Verschwörungstheorien.

Dennoch wird das Buch als Erlebnisbericht verkauft. Und akzeptiert. Der Autor darf in „Stern TV“ und bei verschiedenen Zeitungen als zuverlässiger Augenzeuge auftreten, sein Buch wird in der „Deutschen Ärztezeitung“ empfohlen. Tschernobyl als negatives Mekka der Moderne eignet sich durch seine Aura aus Gefahr, Geheimnis und Trauma in fast idealtypischer Weise für die Aufladung durch fantasievolle Heldenmärchen.

Hier ein Artikel zum Thema aus „Spiegel Online“

Hier eine kleine Presseschau zum Thema:

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„Geo Special“ über Tibet: „Licht des Fortschritts“

Fotos: Boris Joseph, Geo Special

„Der Fortschritt ist ein Zug“, schreibt der Autor Jörg-Uwe Albig im Sonderheft „Geo Special Himalaya„: „Seit 2006 verbindet er Beijing mit Tibets Hauptstadt Lhasa, hat Tibet billiges Mehl gebracht und ein Handelswachstum von 75 Prozent in den ersten zehn Monaten. Doch er bringt auch Chinesen mit, Hunderttausende. Weit aus mehr als die, die nach dem Einmarsch 1951 Straßen errichtet haben, Schulen und Krankenhäuser. Die später auch ihre Supermärkte und Hotels bauten, ihre Modegeschäfte und Banken.“

Albig erzählt von Konflikt und Verwerfungen zwischen Tradition und Moderne: „Immerfort leuchtet (…) das Licht des Fortschritts, als wäre es nie gedämpft worden. Das Blinken des Mobilfunkturms auf dem heiligen Berg Jakpori, einst Sitz des astrologischen Instituts; das Neonlicht der Ladenpassagen, Autohäuser und Fastfood-Ketten; die sonnige Welt des Weiterlesen

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Tagesspiegel: „Urlaub in Tschernobyl“

Foto: aus dem Tagesspiegel (Aufnahme von AFP)

Das ukrainische Ministerium für Katastrophenschutz, in dessen Verantwortung das Katastrophen-Kraftwerk steht, hat ein Touristik-Unternehmen für Tschernobyl-Besucher gegründet, schreibt Elke Windisch im Tagesspiegel:

„Dieser Horrortrip ist ein wahres Schnäppchen. Und strapaziöse Langstreckenflüge müssen Weiterlesen

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Eingeordnet unter Ausflüge, Dystopien, Streitpunkte, Technik

Mekka als Mekka der Moderne

Fotos: „Der Spiegel“

Mekka ist zukunftshungrig und bauwütig, sozusagen ein Mekka der Moderne – allerdings nur für die rund 1,57 Milliarden Muslime, die aus aller Welt dort anreisen dürfen. Nichtmuslime müssen leider draußen bleiben. Auch dies Verbot mag ein Grund sein, warum die Modernität Mekkas kaum wahrgenommen wird außerhalb der Weiterlesen

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Eingeordnet unter Ausflüge, Überholspur, Expeditionen, Freistil, Geheime Labyrinthe, Postkoloniale Aufbrüche, Rezensionen, Streitpunkte, Warenkreislauf

„Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert“. Das Verhältnis von Peer-Review-Journals und Blogs

Am 2. Dezember kündigte die Nasa wieder einmal eine Entdeckung groß an. Nicht mit einer Pressemitteilung, sondern gleich mit einer Pressekonferenz. Man habe so etwas wie außerirdisches Leben gefunden, nur eben auf der Erde: Bakterien, die Phosphor durch Arsen ernähren können, ein bislang unbekannter Prozess, möglicherweise der Hinweis auf eine verborgene „Schatten-Biosphäre“. Das Paper erschien im Wissenschaftsmagazin „Science“.

Christina Berndt schreibt in der SZ anlässlich dieser sensationellen Behauptung über die Schwächen des herkömmlichen Peer-Review-Prozesses:

„‚Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert‘, warnen manche Wissenschaftler. Deshalb wächst die Bedeutung von Blogs, die die Arbeit der Forscher kritisch begutachten.“

Die wichtigsten Einwände wurden nicht in „Science „oder „Nature“ veröffentlicht, sondern Weiterlesen

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Eingeordnet unter Ausblicke, Überblick über das Thema, Denkort, Gesellschaft, Streitpunkte

Online-Debatte über Sinn und Unsinnn der Suche nach Mekkas der Moderne

Das Erhabene, so scheint es, erlebt derzeit eine Konkunktur – diesmal nicht nur im Kontext der Kunst, sondern nun auch im Wissenschaftsdiskurs. Der Nobelpreisträger Roald Hoffmann hat einen Sammelband zum Thema zusammengestellt und erläutert, warum er Diskussionen über die Erhabenheit des Hämoglobins gerne in Chemielehrplänen verankern würde:

„Man fühlt sich einfach eins mit dem jeweiligen Lebewesen, diesem Molekül, mit dem Universum. Dieses Gefühl, das ist für mich das Erhabene. Ich wünschte, wir hätten Weiterlesen

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