„Die Zeit“ über Auroville: „Stadt der Morgenröte“

Iris Radisch hat die Idealstadt Auroville besucht und schreibt in „Die Zeit“ (5. 1. 2011, S. 53):

Seit Jahren schon wünsche ich mir, nach Auroville zu fahren. Ein Flecken Erde am Golf von Bengalen, aus dem Nichts gebaut, an dem in den siebziger Jahren eine Handvoll Menschen nach den Ideen von Mirra Alfassa versuchten, das Leben noch einmal zu erfinden. Eine neue Stadt zu bauen, eine Gesellschaft zu gründen ohne Konkurrenzkampf, ohne Geld, ohne Egoismus, ohne Examen, ohne Strafen, ohne Autos, ohne Werbung, ohne Schlachthäuser, ohne Hurenhäuser, ohne Schulzwang, ohne Drogen, ohne Fleisch und ohne Alkohol.

Tief in der Nacht erreiche ich das Paradies, 150 Kilometer südlich von Chennai, 7500 Kilometer von Hamburg entfernt, nach zehn Stunden Flug und einer dreistündigen Autofahrt durch schlafende Dörfer, in denen frei herumlaufende Kühe die Durchfahrt versperren. Im Paradies ist es um drei Uhr nachts leer, dunkel und heiß, hier und da sitzen Paradieswächter auf weißen Plastikstühlen an den Weggabelungen und winken uns freundlich weiter.“

Die „Universal City in the Making“, so die Selbstbeschreibung des Projekts, ist an universalistischen Idealen ausgerichtet. Auroville folgt der Selbsterzählung der Urbarmachung einer Wüste, wie sie von der Gründung von Boston („City on a Hill“) bis zum Kibbuz bekannt ist. Radisch schreibt:

„Als sich in den frühen siebziger Jahren die ersten europäischen Aussteiger und Indienfahrer, die im Aschram bei Mirra Alfassa im benachbarten Puducherry hängen geblieben waren, in Auroville ansiedelten, war hier noch Ödnis. Mirra Alfassa entwarf gemeinsam mit dem Pariser Architekten Roger Anger auf dem Reißbrett eine futuristische Stadt in Form eines galaktischen Spiralnebels. Man baute ein paar Hütten, deckte die Dächer mit Bambus und Palmwedeln, schichtete Dämme auf, um den Monsunregen zu kanalisieren, machte die Landschaft fruchtbar und pflanzte Bäume.“

Am erstaunlichsten erscheint das Bildungskonzept, völlig frei von Zwang. Und angeblich sehr erfolgreich und anerkannt:

„Was soll ich mir in Paris die Gesichter in der Metro ansehen?“, sagt Jean-Yves, Ende fünfzig, barfuß, Pferdeschwanz, im früheren Leben Manager, in Auroville Weltgeschichtslehrer an der Last School (fünfzehn Schüler, zehn Lehrer), an der es keine Noten und keine Abschlüsse gibt und jeder Schüler seinen Stundenplan selber zusammenstellen kann. Um seine Schüler, sagt er, reiße man sich überall auch ohne förmliche Abschlüsse, weil die völlig verschulten Kinder des westlichen Leistungssystems für die postindustrielle Arbeitsgesellschaft, in der immaterielle Werte immer wichtiger würden, viel schlechter ausgerüstet seien.“

Auroville polarisiert anscheinend. Andere Berichte klingen eher skeptisch, so etwa der von Tibor Bozi in „Merian“:

„Aus dem Ashram wurde Auroville, das Projekt einer universellen Stadt, in der Menschen aller Nationen, Rassen, Religionen und jeglichen Alters friedlich zusammenleben. An der offiziellen Eröffnungszeremonie 1968 der „Stadt der Morgenröte“ nahmen Vertreter von 126 Nationen teil, heute sind in Auroville gerade mal noch 36 davon vertreten. Die geplante 50 Hektar fassende Modellsiedlung sollte 50.000 Menschen Platz zum Leben bieten, etwa 2000 Personen sind übrig geblieben. Exakte Zahlen werden von der Leitung nicht mitgeteilt.

Auf dem Besucherparkplatz von Auroville stehen neben gelangweilt wirkenden Rikschafahrern auch einige Touristenbusse herum. Macht hin, sagt einer der Fahrer, zu uns: Pünktlich um neun Uhr wird in der Informationshalle ein Film gezeigt, wer den nicht gesehen hat, erhält keinen Besucherausweis für den Ashram. Also sehen wir uns in einem postmodernen Betongebäude „The World of Divine“ an. Einen Streifen, der sämtliche Klischees einer heilen Welt bedient.“

Tibor Bozis Fazit: „Ich versuche es mit meinem Presseausweis und werde aufgefordert, einen ausführlichen Fragebogen auszufüllen. Der werde geprüft heißt es, kann dauern. Dann heißt es, heute sei niemand da, der über die „Himmelwelt“ Auskunft geben könne. „Das Video hat doch sowieso alles Wissenswerte erklärt“, sagt die ältere, sichtlich genervte Inderin. Weshalb macht sich eine liebevolle, offene Gemeinde so unsichtbar? Was gibt es hier zu verbergen? „

Wie lebt es sich in Auroville? Gibt es Leser, die eigene Erfahrungen oder Fotos aus der internationalen Idealstadt mitgebracht haben?

* * *

Zum Weiterlesen: Im Buch „Mekkas der Moderne“ werden diverse Idealstädte mit jeweils unterschiedlicher Programmatik vorgestellt, unter anderem die Fuggerei in Augsburg (die älteste Sozialsiedlung der Welt), das Cern bei Genf, die Wissenschaftsstadt Dubna bei Moskau, das Shoppingparadies Dubai und natürlich Brasilia.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Ausblicke, Gesellschaft

2 Antworten zu “„Die Zeit“ über Auroville: „Stadt der Morgenröte“

  1. Thomas Merkel

    Auroville ist sicherlich eine Reiseerfahrung wert. Wie Iris Radisch schreibt haben hier viele Konzepte einer neuen, anderen Welt ihr Versuchslaboratorium gefunden. Ich selbst war lange an Auroville interessiert und habe eine wirklich gut gemachte, informative Einführungsreise nach Auroville mit Neue Wege, http://www.neuewege.com ,dem einzigen Anbieter von Aurovillereisen, erlebt.
    Wer also wissen will, ob die Visionen heute noch ihren Reiz haben, sollte selbst mal hin fahren, die Reise lohnt in jedem Fall.

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