Cern: Eine Kathedrale der Physik

Seit dem 30. März läuft der Teilchenbeschleuniger am Cern. Mathias Kläui, Physiker in Konstanz, beschreibt im Buch seine Arbeit an diesem Mekka der Moderne – und die Probleme, die ein Erfolg der LHC-Experimente in der Gelehrtenrepublik aufwerfen könnten:

„Im Erdgeschoss steige ich in einen Fahrstuhl, aber es geht nicht aufwärts, sondern abwärts, über hundert Meter hinab in einem Schacht, so tief wie 40 Stockwerke. Ich schlucke gegen den Druck auf den Ohren, als säße ich in einer Seilbahn. Unten angekommen, verschlägt es mir den Atem, ich stehe in einer Halle, in der mehrere Häuser Platz hätten.Vor mir, über mir ein Koloss aus Metall, ein riesiger Detektor, so schwer wie 12.000 Autos. Ich bin zum ersten Mal angekommen in einer der unterirdischen Experimentierhallen am Forschungszentrum Cern am Fuße des Jura bei Genf. Im Con- seil Européen pour la Recherche Nucléaire, so der frühere franzö- sische Name. Es ist eine andere Welt hier unten: ein Tunnel von 27 Kilometern Länge, durch den die Elementarteilchen fast mit Lichtgeschwindigkeit gejagt werden, ein gigantischer Aufwand, um die kleinsten Teile zu erhaschen, unsichtbar, bislang unmessbar und nur mathematisch vorhergesagt.

»Die größte unterirdische Kathedrale der Physik« nannte Hans Magnus Enzensberger diese Hallen. Hier unten sind einige der größ- ten Magneten der Welt installiert. Wenn man mit Leitern und Trep- pen durch das Gewölbe dieser Kathedrale klettert und dem Detektor zu nahe kommt, stockt einem nicht nur der Atem vor Staunen. Auch die Armbanduhr bleibt stehen. Die Anzeige des Magnetfeldes auf einem Computerbildschirm wird durch die großen Magnetfelder derartig stark verzerrt, dass die Spezialisten aus den verbogenen Linien fast die Stärke des Magnetfeldes abschätzen können, und den genauen Zahlenwert auf dem Schirm gar nicht mehr ablesen müs- sen. Wenn die Experimente laufen und die Magnete mit maximaler Stärke laufen, müssen alle Menschen den Tunnel verlassen, um ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Die Experimente werden fern- gesteuert von oben, oder auch von irgendwo auf einem anderen Kontinent, die Höhlenlandschaft wird zur größten Geisterbahn der Welt, um das Wesen von spukhaften Teilchen zu ergründen.

(….)

„Die Forschung geht oft verschlungene Wege, teils werden sogar ungeplante Nebeneffekte in der Öffentlichkeit stärker wahrgenom- men als das eigentliche Forschungsziel selbst. Da am Cern an jedem »Messtag« viele Terabyte Daten anfallen, was einem CD-Stapel
von einem Kilometer Höhe entspricht, entwickelten einige Forscher einen Datenaustausch über ein Computer-Netzwerk. Sie nannten es World Wide Web. Ende 1990 wurde die weltweit erste Webseite im Cern aufgesetzt, um den Physikern untereinander die Kommunikation zu erleichtern. Mittlerweile gibt es über einhundert Millio- nen Webserver auf der ganzen Welt. Eine Erfindung, die nicht mehr wegzudenken ist. Heute wird am Cern unter anderem so etwas wie das Hochleistungs-Internet der Zukunft erforscht, das sogenannte Grid Computing, bei dem nicht nur Daten sondern auch Rechenleistung dezentral auf der ganzen Welt verteilt sind.“

(….)

Das Higgs-Boson, jenes spukhafte Masseteilchen, nach dem hier geforscht wird, macht sich so rar, dass man manchmal an seiner Existenz zu zweifeln beginnt. Und selbst wenn eines nachts der haushohe Detektor im Tunnel, hundert Meter unter dem Erdboden, die Spuren des geisterhaften Partikels aufzeichnen sollte, würde das erhebliche Folgeprobleme für die Gelehrtenrepublik mit ihren Arbeitsgruppen mit oft über hundert Mitarbeitern aus aller Welt aufwerfen: Der Physik-Nobelpreis wird maximal an eine Gruppe von drei Forschern vergeben.“

(HS)

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