Archiv der Kategorie: Überholspur

Happy Birthday, Johann Wolfgang von

Goethes Haus am Frauenplan lässt sich neu entdecken: als eine Art Forschungslabor der Naturwissenschaften. Vergesst das Junozimmer, geht in den Garten: Zwischen Gemüse und Blumen entwickelte Goethe eine Art Blaupause einer Evolutionstheorie der Pflanzen – und der Sterne. Nachts stellte er hier Teleskope auf. Die Entdeckung der Dunklen Materie durch Fritz Zwicky basiert auf Goethes Ansätzen. Ab in die Rabatten, Sterne gucken.

 Einer der Gartenpfade macht einen Umweg übers Weltall: Seit bald achtzig Jahren jagen Astronomen der Dunklen Materie hinterher, seit der schweizer Astrophysiker Fritz Zwicky 1933 den Begriff prägte. Der begeisterte Bergsteiger entdeckte 123 Supernovae und schoss für die Amerikaner 1957 das erste Objekt ins All. Das Werden und Vergehen von Sternen beschrieb er als lebendigen Prozess, wie ihn einst Goethe in der Morphologie der Pflanzen vorgeführt hatte. Lange Zeit stießen seine Ideen auf Ablehnung. Erst heute kommt man dem Rätsel der Dunklem Materie näher.

Aber wie kam Zwicky denn überhaupt auf den schrägen Einfall, das Universum bestehe zum großen Teil aus unsichtbarer Materie? Eine der Spuren führt eindeutig zum Goethehaus am Frauenplan. Weniger ins Junozimmer als in den Garten.

Goethes Haus ist angelegt als Forschungsmuseum, Privatakademie, Institute for Advanced Study. Auf dem Flügel im Junozimmer spielt der jugendliche Felix Mendelssohn. Der Salon als Weltausstellung im Kleinen. Antike und Tagespolitik, Exotik und Provinz sind hier auf kleinstem Raum versammelt. Er ist ein leidenschaftlicher Leser des Koran, fordert statt einer Nationalliteratur eine Weltliteratur und postuliert im “West-Östlichen Diwan”: “Wer sich selbst und andere kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen”.

Da es noch keine Fernleihe gibt zu seiner Zeit, kein Internet, müssen Salons wie die seinen herhalten als Kommunikationszentrale. Man liest sich Gedichte und diskutiert über den Zwischenkieferknochen, man spielt Theater und streitet sich über die Natur des Lichts. Ein gutes Argument, ein treffendes Bild, von irgendjemand in die Runde geworfen, taucht später oft in Goethes Gedichten oder Aufsätzen auf. Von wem etwas ist, wen kümmert’s, Plagiarismus, who cares. Ein Gräuel für heutige Urheberrechtsschützer und Patentanwälte. Manchmal weiß er selbst nicht mehr, ob ein Gedicht von ihm stammt oder nicht. Goethes Salon ist eine Sensation: Entertainment und Experiment, Forschung und Show. 

Der Streit ums Licht: wieder so ein Schauboxen ums Grundsätzliche. Als Widersacher sucht er sich erneut einen britischen Wissenschaftsstar aus: Isaac Newton. Der hatte hundert Jahre zuvor einen weißen Lichtstrahl mit Hilfe von Prismen zerlegt in einzelne Primärfarben. Goethe dagegen beschreibt in seiner “Farbenlehre” das Licht als sinnliche Erfahrung mit Wirkung auf die Seele. Dafür wird er heute oft belächelt. Dabei liegt er eigentlich nicht falsch, sondern nur anders. Newton beschreibt die Physik, Goethe die Physiologie. Aber er überreizt sein Blatt im theatralischen Duell mit einem Toten. Der Tote gewinnt, Goethe gilt heute in diesem Punkt als widerlegt.

Nachts stehen sie zwischen Spargel, Löwenzahn, Topinambur, Rapontica, Pastinake und beobachten den Mond: “Es erregt die merkwürdigsten Gefühle, wenn man einen so weit entfernten Gegenstandt so nahe gerückt sieht, wenn es uns möglich wird, den Zustand eines 50.000 Meilen von uns entfernten Körpers mit so viel Klarheit einzusehen.” Im April lädt er Schiller erneut zu einer astronomischen Partie ein. Er hat einen Frauenplan: “Es war eine Zeit, wo man den Mond nur empfinden wollte, jetzt will man ihn sehen. Ich wünsche, dass es recht viele Neugierige geben möge, damit wir die schönen Damen nach und nach in unser Observatorium locken.”

Ein kleines, barockes Gartenhaus: die mineralogische Sammlung. Das Herzstück des Museums – und daher verriegelt. Die über 160.000 jährlich eintreffenden Besucher würden die Sammlung nur durcheinanderbringen. Die Mineralogie war damals schwer in Mode, seit Goethe mit seiner Liebe zum “öden Steinreich” halb Weimar ansteckte.

Wie Paläontologen, die versteinerte Knochen studierten, um das Leben urzeitlicher Tiere zu rekonstruieren, kartieren Astronomen heute die fossile Hintergrundstrahlung, den Nachhall des Urknalls. Mit fliegenden Weltraum-Teleskopen vermessen Astrophysiker heute das Werden und Vergehen von Galaxien, die Geburt von schwarzen Löchern und den Sternentod. All das erscheint wie eine Fortsetzung von Goethes Vision einer atmenden, sich wandelnden Mitwelt. Selbst Albert Einstein hat mit derlei Dynamik anfangs Probleme. Er ist zunächst ein überzeugter Anhänger eines statischen Universums – und somit ein entschiedener Gegner eines aus einem Uratom gewachsenen Kosmos, wie ihn die Urknalltheorie annimmt. Erst 1930 lässt sich Einstein umstimmen und beschreibt die Hypothese eines Urknalls als schönste und beste Erklärung der Entstehungsgeschichte des Alls.

Spurenelemente seines Denkens finden sich jede Woche in der Zeitung: Sterngeburten und Sternentod, Epigenetik und Klimawandel. Die Wissenschaftszeitschrift “Nature” verdankt ihren Namen einem Gedicht von Goethe. Darin schreibt er über die Natur:

Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.

Twitter: @hilmarschmundt

(Eine längere Version  lässt sich nachlesen bei Telepolis).

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Eurovision Song Contest: Epidemic Bloc Voting? Study author says: „No.“ And: „That’s a pity, because I always liked trying to predict the winner.“

Derek Gatherer in 2006 wrote a pretty cool paper about the statistics behind the Eurovision Song Contest. At that time he was working as a lecturer in Molecular Genetics in Liverpool. His best guess is that voting blocs like the „Viking Bloc“ of Scandinavian countries can indeed sway a vote, but they are not stable and are partly just memes that come and go. It would be fascinating to read his take on the 2011 competition. Why will the next contest take place in Baku? Has Azerbaijan become part of the Eastern Voting Bloc that was able to swing the vote (apart from a lot of „noise“ from other countries)?

So what happened this year? Does bloc voting still play  an important role. My gut feeling says: Yes. But Derek, the author of that wonderful paper, was kind enough to reply to my e-mail. And to dampen my expectations.

„Since juries came back a couple of years ago, prediction has been very hard“, he writes: „Countries like Italy and Germany can now do quite well (even the UK are no longer always last).  I think the EBU are probably congratulating themselves on smoothing out some of the most obvious irregularities. This is a pity for me as I always enjoyed trying to predict the winner, but it is probably better for the contest as a whole.“

Anyway. It was nice while it lasted. And maybe there are some other effects hiddden in the 2011 vote date. So here are some excerpts from Derek Gatherer’s  paper from back in 2006 that still provides some good starting points for an analysis of the 2011 ESC:

In particular, the period since the mid-90s has seen the emergence of large geographical voting blocs from previously small voting partnerships, which initially appeared in the early 90s. On at least two occasions, the outcome of the contest has been crucially affected by voting blocs. The structure of these blocs implies that a handful of centrally placed countries have a higher probability Weiterlesen

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спасибо Gagarin, До свидания, Baikonur

Vor 50 Jahren erreichte der russische Jagdflieger Juri Gagarin als erster Mensch das Weltall. Der Jahrestag markiert einen Umbruch in der Raumfahrtgeschichte. Baikonur erfindet sich neu und orientiert sich folgerichtig am Westen – bei Cape Canaveral.

Ein Ortsbesuch von Hilmar Schmundt (Text und Fotos)

Die Steppe schweigt, still liegt die endlose Weite im Mondlicht, ein Ozean aus Sand und Gras, der traumlos schläft. Drei Uhr nachts. Nebelschwaden ziehen über den kasachischen Boden. Plötzlich ein lautes Donnern und Krachen, als würde ein Riese einen Theatervorhang zerfetzen. Ein schmerzhaft heller Lichtpunkt bohrt sich durch den Dunst. »Go, Proton, go!«, ruft Frank McKenna, der gemeinsam mit einer Delegation aus dem Westen auf der Observationsterrasse des »Klub Proton« steht. Proton, so heißt die Rakete, die sich über Startrampe Nummer 39 träge in den Nachthimmel zwischen China und Russland schiebt, betankt mit über 500 Tonnen hochexplosivem Treibstoff.


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China Mobile: Diskussion und Fotos aus Peking und Schanghai

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Fotos: Hilmar Schmundt (Peking und Schanghai, 2007)

Jakob Strobel y Sera bringt sein Kapitel aus „Mekkas der Moderne“ über den Wirtschaftswunderwahnsinn in China auf Zeit Online. Er schreibt:

„Eine Schimäre aus Stahlbeton oder doch das, was die Besucher schon nach den ersten rauschhaften Augenblicken in der Megalopolis schaudernd glauben wollen: der aufregendste Ort der Welt, das pochende Herz des 21. Jahrhunderts; das gereckte Haupt des chinesischen Drachens, eine Fortschrittsphantasmagorie aus Stein und Stahl, die Erschaffung einer neuen Stadt aus sich selbst, errichtet von zwei, drei, vier Millionen Wanderarbeitern für fünfzehn, zwanzig, dreißig Millionen Menschen – eine Stadt im permanenten Quantensprung, die jeden Morgen mit einem anderen Gesicht aufwacht, weil sie nachts nicht schläft, sondern wächst, die sich in die Höhe schleudert und in die Tiefe bohrt, die Schnellstraßen in ihr eigenes Fleisch schneidet, ohne vor Schmerz mit der Wimper zu zucken, die ganze Stadtteile mit einem Federstrich auslöscht ohne Weiterlesen

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Mekka als Mekka der Moderne

Fotos: „Der Spiegel“

Mekka ist zukunftshungrig und bauwütig, sozusagen ein Mekka der Moderne – allerdings nur für die rund 1,57 Milliarden Muslime, die aus aller Welt dort anreisen dürfen. Nichtmuslime müssen leider draußen bleiben. Auch dies Verbot mag ein Grund sein, warum die Modernität Mekkas kaum wahrgenommen wird außerhalb der Weiterlesen

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