Ein Mekka des Unglaubens am Trinity College

Worin unterscheiden sich religiöse Menschen von Ungläubigen? Der Religionssoziologe Barry Kosmin untersucht die Trends und Beweggründe des Unglaubens. Und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Zum Beispiel dies: Die Zahl der Konfessionslosen in den USA hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt auf 15 Prozent. Die Renaissance der Religion in den USA ist ein Medienhype ohne statistische Basis. In Sachen Unglauben liegen die USA im weltweiten Durchschnitt. Dazu ein Bericht im „Spiegel“ (30/2011, S. 106):

Barry Kosmin ist ein Marktforscher der etwas anderen Art. Die von ihm untersuchten Kunden konsumieren bei Firmen, die Namen wie Lifechurch.tv oder World Overcomers Christian Church™ tragen. Der Soziologe analysiert die von US-Kirchen angebotenen Souvenirshops, Fernsehsendungen und Gottesdienstleistungen.

Vor allem aber erforscht Kosmin jene Gruppe von Kunden, die sich im Konsumstreik befinden und keine religiösen Produkte nachfragen: die Ungläubigen. „Die Konfessionslosen sind das am schnellsten wachsende Segment auf dem Markt der Weltanschauungen“, sagt Kosmin. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich ihre Zahl in den USA auf 15 Prozent verdoppelt.“

Kosmin, ein jovialer Mann von Anfang sechzig, ist Leiter des „Institute for the Study of Secularism in Society and Culture“ in Hartford, ungefähr auf halbem Weg zwischen Boston und New York gelegen. Sein American Religious Identification Survey (ARIS) gehört zum Besten, was es auf diesem Sektor gibt.


Kosmin hat sich dem Studium des Atheismus und seiner Spielformen verschrieben. Angesiedelt ist sein Institut ausgerechnet am Trinity College, zu deutsch: Dreifaltigkeits-Uni. Auf seinem Bürostuhl prangt das Wappen seiner Alma Mater mit dem Wahlspruch: „Pro ecclesia et patria“ – für Kirche und Vaterland. Unten im Erdgeschoss sitzt die akademische Konkurrenz, das kirchenfreundliche „Institut für das Studium der Religion im öffentlichen Leben“. Man komme gut miteinander klar, sagt Kosmin.


Die Religionssoziologie hat eigentlich eine lange Tradition. Kosmin dagegen gehört zu einer kleinen Vorhut der Nonreligions-Soziologen, der Irreligions-Soziologen, der Unglaubens-Soziologen. Ein geläufiges Wort für dieses Fach gibt es noch nicht. Dieser Umstand ist bemerkenswert. Schließlich zählen die Religionslosen mit rund einer Milliarde Menschen zu den größten Weltanschauungen weltweit, übertroffen nur vom Christentum (rund 2,3 Milliarden) und dem Islam (1,6 Milliarden). In einigen Ländern gibt es besonders viele Ungläubige, in Korea, Japan, China, Tschechien, Frankreich, Israel. Doch die meisten Areligiösen scheinen im Osten Deutschlands zu leben. Rund 67 Prozent der Ostdeutschen sind konfessionslos; im Westen liegt der Anteil bei 18 Prozent. Eine Trendwende ist nicht in Sicht, denn die Kinder von konfessionslosen Eltern werden mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls konfessionslos – vor allem die Einstellung der Mutter prägt. Dieser Effekt der matrilinearen Übertragung der Weltanschauung ist sattsam bekannt aus fast allen Religionen.

Ausgerechnet die enge Verbindung von Staat und Kirche habe mit zur Entkirchlichung im Osten mit beigetragen, sagen deutsche Religionssoziologen: Durch öffentlich finanzierte theologische Lehrstühle, Militärseelsorge und kirchliche Vertreter in den Rundfunkräten werde Religion als herrschaftsnah und aus dem Westen kommend wahrgenommen. Im ehemals kommunistischen Polen war es genau anders herum, hier floriert die staatsferne katholische Kirche. Die Religionslosen dagegen machen weniger als ein Prozent aus, fast jenseits der Nachweisgrenze.

Deutschland widerlegt auch die Annahme, dass ökonomische Unsicherheit die Menschen gläubiger macht (die „Deprivationsthese“). Ganz im Gegenteil: Der Ölpreisschock der 70er, die Wendezeit und die Finanzkrise von 2008 führten zu Austrittswellen. Auffällig oft wird die Kirchensteuer, (neun Prozent der Einkommenssteuer) als Grund für den Austritt genannt. Die unvollständige Trennung von Staat und Kirche vergrätzt viele Mitglieder.

Natürlich ist die Nonreligions-Soziologie Teil der Religionssoziologie. Sie stellt sozusagen die Gegenprobe auf für all die Theorien, welche die Religionssoziologie angestellt hat. Die These zum Beispiel, dass Religion die Menschen erst zu moralischen Wesen mache. Die These, dass Religion die Gesellschaft zusammenhalte. Die Nonreligionsforschung überprüft diese Behauptungen. Und kommt immer wieder zu überraschenden Ergebnissnen.

Woran zum Beispiel glaubt, wer nicht glaubt? Der Soziologe Phil Zuckerman, der am kalifornischen Pitzer College „Secular Studies“ als Hauptfach einführen will, betont, dass Religionslose stark werteorientiert seien: Sie setzten sich stärker gegen Todesstrafe, Krieg und Diskriminierung ein als der Durchschnitt. Und sie hätten weniger Vorbehalte gegen Ausländer, Homosexuelle, Oralsex und Haschisch. Für Zuckerman übrigens ist  Dänemark das Mekka der Areligiosität: „Denmark and Sweden are probably the least religious countries in the world, and possibly in the history of the world“, schreibt er in seinem Buch „Society without God“. Und schreibt weiter:

„Aren’t they unhappy? Not according to Dr. Ruut Veenhoven of Ersmus University. Dr. Veenhoven is a leading authority on worldwide levels of happiness from country to country. He recently ranked 91 nations on an international happiness scale, basing his research on cumulative score from numerous worldwide surveys. Affording to his calculations, the country that leads the globe – ranking number one in terms of its residents‘ overall level of happiness – is little, peaceful, and relatively godless Denmark.“ (S. 7)

Noch ist das Forschunsgebiet der Unglaubens-Soziologie überschaubar. Doch das ändert sich langsam. Forscher wie die Soziologin Lois Lee erkennen die Unkenntnis der zunehmend säkulären Gesellschaft über sich selbst als Chance. Lee hat an der Universität Cambridge ein „Nonreligion and Secularity Research Network“ gegründet, um sich mit Kollegen weltweit darüber auszutauschen, wer diese geheimnisvollen Religionslosen überhaupt sind. Lees Befunde sind überraschend. Während früher die Religionslosigkeit ein Privileg von Gebildeten, Reichen, Männern und Städtern war, verschwinden diese Merkmale zunehmend. Nur die „hard atheists“ um Richard Dawkins sind weiter ein männerdominierter Club.

Die Pioniere der Atheismus-Soziologie sind die Kirchen. Jahrhundertelang dominierten sie die Erforschung des Unglaubens. Schon 1965 richtete der Vatikan das „Sekretariat für die Nichtglaubenden“ ein, um „in das Denken moderner Atheisten einzudringen“ und „den Grund für ihre geistige Verwirrung und ihre Verleugnung von Gott“ zu verstehen. Bald stellte sich heraus, dass auch die Kirchen längst unterwandert sind: „Unter den Christen muss ein hoher Prozentsatz als theoretische Atheisten eingestuft werden“, schrieb der Wiener Religionsphilosoph Augustinus Karl Wucherer-Huldenfeld als Berater des Sekretariats schon 1979: “So kann im Extremfall die größte Gruppe der Atheisten eines Landes nicht unter den Konfessionslosen, sondern unter Kirchemitgliedern gefunden werden.“

Wie aber kann es sein, dass die Erforschung des Glaubens bislang von kirchennahen Stiftungen und Lehrstühlen aus betrieben wurde, nicht  von unabhängigen Soziologen? Eine Antwort liegt sicherlich im Desinteresse der  Ungläubigen selbst. Sie sehen sich nicht als einer Weltanschauung zugehörig. Im Gegensatz zu den meisten Religionen bauen sie keine Gruppenidentität auf. Viele von ihnen lehnen das Schema Erwählte/Verlorene oder Drinnen/Draußen ab. Dementsprechend gering ist auch die Motivation, die Gruppe der nicht Glaubenden zu erforschen, dieser Gruppe, die keine Gruppe sein will.

Dies Desinteresse fiel auch bei einer Diskussion im  Forum der „Brights“ auf. Als besonderere Orte für Unlgläubige nannten die Forumgsteilnehmer zum Beispiel das Barrier Reef, den Grand Canyon oder einen Raketenstart. Die besonderen Orte der Atheismusforschung dagegen tauchten nicht auf, wie zum Beispiel der Wohnort von Auguste Comte, ein Mitbegründer der Soziologie, der mit dem Rationalismus sogar eine Art Agnostiker-Kirche gründen wollte. Aber vielleicht gibt es dennoch besonders inspirierende Orte der Unglaubens-Forschung?

Barry Kosmins Institut am Trinity College könnte in einen fiktiven „Reiseführer zu den Heiligen Stätten des Unglaubens“ ganz gut hineinpassen. Nicht zuletzt wegen dieses Details: In der Bibliothek des Holzhäuschens stehen nicht nur regalmeterweise Bücher zum Thema Unglauben, Atheismus, Humanismus, Agnostizismus. Sondern auch eine Ausgabe von Edward Albees „Who’s Afraid of Virginia Woolf“. Er hat das Stück hier geschrieben.

Die endlosen Streitszenen des Psychodramas scheinen zu belegen: womöglich gibt es keinen Himmel, kein Paradies, keine Erlösung – aber es gibt ganz sicher eine Hölle. Oft machen wir sie uns selbst.

Die Bibliothek im Institute for the Study of Secularism in Society and Culture am Trinity College, Hartford, Connecticut.

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