Gehört der Islam zu Europa?

„Gehören Moscheen neben Kirchen? Oder müssen wir uns abschotten, den Bau von Minaretten neben Glockentürmen verbieten?“ Diese rhetorischen Fragen beantwortet Georg Bossong, Professor für Romanistik an der Univerität Zürich in einem Artikel in der ZEIT (16.6.2011, S. 24). Er schreibt über das muslimisch regierte Spanien („Al-Andalus“) als Wurzel eines kulturellen Aufbruchs im Spätmittelalter. Zunächst einmal aber räumt er mit der Idealisierung eines multikulturellen muslimisch regierten Spanien auf:

„Natürlich wäre es groteske Schönfärberei, die mittelalterliche Geschichte Spaniens als ein multikulturelles Paradies in immerwährendem Frieden zu interpretieren. Es gab viel Krieg und blutigen Streit. Aber es gab eben auch immer wieder Perioden, in denen es nicht nur kulturell, sondern auch politisch und militärisch zur Kooperation über die Religionsgrenzen hinweg kam.
Christliche Monarchen huldigten dem Kalifen von Córdoba, leisteten ihm Tributzahlungen und verheirateten ihre Töchter mit arabischen Prinzen. Die Überlegenheit des islamischen Spanien war im 10.Jahrhundert, dem Zeitalter des Kalifats von Córdoba, geradezu erdrückend, die Christen hatten ihm kaum etwas entgegenzusetzen. So arrangierte man sich lieber friedlich, als sich in aussichtslose Kriege zu stürzen.“

Die Gemengelage Spaniens als Schmelztigel arabischer und europäischer Kultur sei jedoch ein wichtiger Treibsatz für die Renaissance gewesen, so Bossong:

„Während im Westen die Kenntnis des Griechischen untergegangen und somit der Zugang zu den Quellen des antiken Denkens verschüttet war, lebte dieses Erbe im Osten in arabisierter Form weiter. Die Begegnung von griechischem Denken und orientalischer Religion führte zu tiefgreifenden Spannungen. Vernunftbasierte Reflexion geriet in Konflikt mit göttlicher Offenbarung.“

Diese Aufbruch war keinesfalls nur christlichen Denkern vorbehalten, sondern das multikulturelle Miteinander beeinflusste Denker aller drei großen monotheistischen Religionen:

„Dieser Konflikt lässt sich nicht umgehen; er hat unsere gemeinsame orientalisch-mittelmeerisch-abendländische Welt geprägt. Ein an Aristoteles geschultes kritisches Denken stieß mit der herrschenden Orthodoxie zusammen, und zwar in allen drei Offenbarungsreligionen, sowohl im Islam als auch im Christentum und im Judentum. Im 12. Jahrhundert schuf Raimund, Erzbischof von Toledo und Primas der Kirche von Spanien, eine Übersetzerschule, die zwar unter christlicher Herrschaft stand, in ihrem Kosmopolitismus aber auch Juden und Muslime einlud. In dieser multikulturellen Atmosphäre von Toledo wurden ungezählte philosophische und wissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und so im Abendland zugänglich gemacht.
Von besonderer Bedeutung war die Übersetzung des arabisierten Aristoteles. Die Verbreitung des aristotelischen Rationalismus löste in Europa, insbesondere an der neu gegründeten Pariser Sorbonne, eine intellektuelle Revolution aus. Das Christentum sah sich, ebenso wie Judentum und Islam, mit demselben grundsätzlichen Problem konfrontiert: Wie lassen sich Glaube und Vernunft vereinbaren?
Von christlicher Seite versuchte Thomas von Aquin den Spagat zwischen logischem Denken und göttlicher Offenbarung. Bei den Juden machte sich Mosche ben Maimon aus Córdoba, bekannt als Maimonides, an diese gewaltige Aufgabe. Im Islam schließlich ist diese Auseinandersetzung untrennbar verknüpft mit dem ebenfalls aus Córdoba stammenden Ibn Rushd, in Europa meist Averroes genannt. Ibn Rushd ist der wichtigste Aristoteliker des Mittelalters. Er hat zu allen Werken des griechischen Philosophen Kommentare verfasst, die in lateinischer Übersetzung im Abendland profunde Wirkungen auslösten. Wie der Aquinate oder Maimonides versucht Ibn Rushd auf seine Weise, den unauflösbaren Widerspruch zwischen dem Wort der göttlichen Offenbarung und dem logisch-rationalen Diskurs des Menschen aufzulösen. Er hat den Grundstein gelegt für eine rational fundierte Religionskritik innerhalb des Islams.

Man wagt kaum sich vorzustellen, wie die Entwicklung Europas und der Welt verlaufen wäre, wenn sich die gedanklichen Ansätze des großen Andalusiers in der islamischen Welt durchgesetzt, wenn andere nach ihm seine Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt hätten. Leider fiel er der Verfolgung durch die Hüter der Orthodoxie anheim. „

Im Buch „Mekkas der Moderne“ begen sich Autoren auf die Spuren einer solchen islamischen Renaissance:

Die digitale Bibliothek von Alexandria (Nachdruck auf Spiegel online)

Die globalisierte Shopping-Aufklärung von Dubai (Nachdruck im Handelsblatt)

DIE ZEIT, 16. Juni 2011, S. 24

Hier eine BBC-Sendung zu einem der wichtigsten Vordenker des vernunftbetonten Denkens, zum Neu-Aristoteliker Averroes aus Córdoba:

http://www.bbc.co.uk/programmes/p0038x79

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