Ein dubioser Tschernobyl-Roman als Mythos der Moderne

Als „Augenzeuge“ und „Überlebender“ der Tschernobyl-Katastrophe tingelt der ehemalige KGB-Offizier Anatoly Tkachuk durch die Medien, lässt sich als Experte befragen. Tatsächlich steckt sein Buch „Ich war im Sarkophag von Tschernobyl“ voller Verschwörungstheorien.

Dennoch wird das Buch als Erlebnisbericht verkauft. Und akzeptiert. Der Autor darf in „Stern TV“ und bei verschiedenen Zeitungen als zuverlässiger Augenzeuge auftreten, sein Buch wird in der „Deutschen Ärztezeitung“ empfohlen. Tschernobyl als negatives Mekka der Moderne eignet sich durch seine Aura aus Gefahr, Geheimnis und Trauma in fast idealtypischer Weise für die Aufladung durch fantasievolle Heldenmärchen.

Hier ein Artikel zum Thema aus „Spiegel Online“

Hier eine kleine Presseschau zum Thema:

Hier ein paar Seiten aus dem Buch „Ich war im Sarkophag von Tschernobyl – Der Bericht des Überlebenden“. Wahllos wird hier Fakt und Fiktion durcheinandergeworfen, der Roman ist illustriert mit Fotos des Autors.

Tkachuk alias Pravdin klagt in seinem Buch an, und zwar einen amerikanischen Geheimagenten, den er „Robert Lenz“ nennt, einen Amerikaner, blond, blauäugig, athletisch und Kind deutscher Emigranten. Der germanische Bösewicht wird vom aufrechten KGB-Agenten Pravdin bei seinen Versuchen beschattet, durch ein künstliches Erdbeben einen Reaktorunfall herbeizuführen. Doch die Anschuldigung bleibt im Ungefähren:

„Waren seine Ideen von der Platzierung einer neuen Waffe in der Nähe des Kernkraftwerkes nahe an der Wahrheit? Und hatte das Erdbeben einen Zweck?“

Alles weitere überlässt der Literatur-Agent der Phantasie seiner Leser.

Auf der Verlagsseite zum Buch von Tkachuk wird der Agententhriller als „Bericht“ angepriesen:

„Sie waren vier. Einer hat überlebt. Dieses Buch ist sein Bericht. Das persönliche Erleben hat den russischen Ex-General zu einem entschiedenen Vertreter des Umdenkens in der Nutzung der Atomenergie gemacht im Dienst der Menschheit.“ 

Hier eine kleine Handreichung für Hochstapler in der NZZ.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Denkort, Expeditionen, Geheime Labyrinthe, Streitpunkte

3 Antworten zu “Ein dubioser Tschernobyl-Roman als Mythos der Moderne

  1. Ein Tatsachenbericht, der unter die Haut geht. Es ist spannend und manchmal hält man die Luft an. Man empfindet Respekt vor den Männern, die in den Reaktor gingen. Das Buch sollte uns alle aufrütteln!

  2. Hilmar, du hast das Buch gelesen? Der Autor gehört selbst zu der Gruppe Wissenschaftler, die sich in die Hölle gewagt haben. Da die anderen die „Tour“ nicht überlebt haben, ist er der Einzige, der sich noch äußern kann. Wo hat er es mit den Tatsachen nicht so genau genommen?

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