China als „die Krönung der Aufklärung“

Die umstrittene Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ am Platz des Himmlischen Friedens in Peking findet praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, berichtet „Die Welt“:

„Am Mittwoch dieser Woche, vierzehn Tage nachdem Außenminister Guido Westerwelle auf der Ehrentribüne unter einem weithin sichtbaren „Die Kunst der Aufklärung“- Banner saß, wird weder außen noch innen für die Ausstellung geworben. Nirgends im riesigen Museum hat sich jemand die Mühe gemacht, den Weg auszuschildern. Wegweiser zeigen dagegen zu den sieben anderen: zur Propogandaschau über Chinas Jahrhundertaufstieg zur Weltmacht, zur modernen Malerei, zu altem Porzellan, zu uralten Bronzen und buddhistischem Skulpturen. Überall stehen Chinesen in langen Schlangen an. Das Museum lässt täglich 8000 Besucher umsonst hinein. Auf alle, die dann doch noch zu „Die Kunst der Aufklärung“ in einem Eckflügel im zweiten Stock finden, wartet eine weitere Überraschung. Sie müssen sich eine Eintrittskarte für 30 Yuan (3,50 Euro) kaufen. „Das ist auch ein Grund für den schwachen Besuch“, sagt eine Museumsangestellte. „An Werktagen kommen im Durchschnitt 200 Personen, am Wochenende sind es 400.“

Hier das Video der Pressekonferenz der Staatlichen Museen Berlin vom 2. April 2011.

Felix Lee weist im Freitag auf ein noch viel grundlegenderes Problem der Pekinger Ausstellung hin:

„Die Annahme, die der Ausstellung zu Grunde liegt, ist falsch. Die Ausstellungsmacher dachten, dass sie mit Gemälden von Caspar David Friedrich, Goya, Gainsborough, aber auch mit den Hausschuhen des Philosophen Immanuel Kant den Chinesen Demokratie nahe bringen würden. Immerhin ist die Aufklärung eine der entscheidenden Epochen jener europäischen Geschichte, die das Individuum zunehmend ins Zentrum der Politik stellt, Wissenschaft und Technik in den Vordergrund rückt und Menschenrechte sowie politische Gleichheit betont. Diese Ideen bildeten die Grund­pfeiler der US-amerikanischen Unabhängigkeit und mündeten in die Französischen Revolution. Warum nicht den Freiheitsgedanken über Ausstellungsstücke aus dieser Epoche nach China bringen? Immerhin ist auch die Idee, dass Kunst die Menschen und die Gesellschaft verändern kann, ein Gedanke der Aufklärung.

Doch schon dieser Gedanke zeigt: Die Macher haben sich nicht ausreichend mit der Situation Chinas beschäftigt. Hätten sie das getan, wäre ihnen aufgefallen, dass für Chinas Regime Diktatur und Aufklärung keineswegs im Widerspruch stehen. Im Gegenteil: Die Kommunistische Partei sieht sich ganz in der Tradition der Aufklärung. Mao selbst, aber auch die jetzige Führungsriege, beziehen sich seit jeher positiv auf die Ideen der Französischen Revolution. Und hätten die Deutschen einen genauen Blick in den Katalog geworfen, dann hätte ihnen der Beitrag zweier chinesischer Wissenschaftler auffallen müssen. Darin kommen die zu dem Ergebnis, dass der chinesische Kommunismus nichts weiter sei als „die Krönung der Aufklärung“.“


Die Moderne ist eben kein exklusiv europäisches Exportprodukt. Es gibt verschiedene Aufklärungen, regionale Dialekte der Moderne. Mehr dazu in diesen Kapiteln von  „Mekkas der Moderne“:

14 Die Bibliothek von AlexandriaWissen als politische Macht

18 Schanghai: Der Wirtschaftswunderwahnsinn

20 Brasília:     Wenn die Moderne träumt

22 United Nations University, Tokio:     Gelehrtenrepublik und neues Atlantis

27 Bangalore:     Heiliges Mosaik aus Steinen und Mikrochips

31 Baikonur, Kasachstan:     Himmelfahrt in der Steppe

35 Ibn Battuta Mall, Dubai:     Schaufenster einer anderen Aufklärung

63 Päpstliches Geheimarchiv, Vatikan:     43 Kilometer Geschichte

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