Berlin: Streit um Impact-Factories

Wie soll in Zukunft der Zugang zum Wissen organisiert werden? Das ist das Thema der Konferenz namens „Academic Publishing in Europe“ in der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg.

Richard Sietman schreibt darüber auf heise.de:

„‚In einer wissensbasierten Ökonomie sollte das Wissen frei fließen.‘ Dieses klare Bekenntnis legte der Präsident der Niederländischen Wissenschaftsorganisation (NWO), Professor Jos Engelen, in seiner Keynote auf der Konferenz Academic Publishing in Europe (APE 2011) ab, die derzeit in der Berliner Akadamie der Wissenschaften stattfindet. „Früher oder später“, ist Engelen überzeugt, werde der freie Zugang zu den Ergebnissen der öffentlich geförderten wissenschaftlichen Forschung „der Normalfall und nicht die Ausnahme“ sein.“

Jos Engelen hat weitreichende Vorschläge für ein neuesakademisches Publikationswesen:

„Deshalb fördert die NWO auch die Gründung neuer Journale nach dem Open-Access-Modell, indem sie in der Anfangsphase entsprechende Mittel bereitstellt. Aber auch dieser Weg stoße auf Schwierigkeiten, wie Engelen erläuterte. So gelte der sogenannte Impact Factor – die durchschnittliche Häufigkeit, mit der die Artikel einer Zeitschrift zitiert werden – allgemein als Qualitätsmaßstab. Forscher wollen ihre Veröffentlichung in den einflussreichsten Zeitschriften unterbringen, und Forschungsförderer betrachten dies wiederum als Qualifikationsnachweis. Daher hätten neugegründete Zeitschriften, die mit einem niedrigen Impact Factor starten, große Mühe, sich gegen die etablierte Konkurrenz durchzusetzen. Doch solche Hindernisse seien überwindbar. Man könne ja, schlug er vor, beispielsweise einer neuen Zeitschrift in den ersten drei Jahren einfach einen Impact Factor zuschreiben und ihn anschließend durch den real erworbenen ersetzen.“

Im Buch „Mekkas der Moderne“ berichtet Hilmar Schmundt ebenfalls über diesen Streit – allerdings aus der Perspektive eines der berühmtesten Wissenschaftsjournale (hier der Nachdruck auf „Telepolis„):

Die Wissenschaftsgalaxis kreist um ein Schwarzes Loch. Eine Uni braucht einen neuen Professor, ein Institut einen neuen Dekan. Die Kommission tagt, die Kandidaten „singen vor“. Ein ungeladener Gast ist meist mit dabei. Dieser Zahlengeist ist unsichtbar, stumm und doch so beredt, dass er oft über Forschungsvorhaben und Millionenbeträge mitbefindet. „Citation Index“ und „Impact Factor“ wird er genannt. Als eine Art Kopfnote für Forscher, die feststellt, wie oft jemand zitiert worden ist, und wo er publiziert hat, spukt er im Zentrum des globalen Wissenschaftsbetriebs herum. Er ist mächtig. Und schwer zu greifen.

Spurensuche. Eine enge Seitenstraße in London unweit des Bahnhofs King’s Cross. Die Crinan Street ist eine schmale Gasse, in der man auch einen Krimi drehen könnte: dunkle Mauern, eine Autowerkstatt, kaum Verkehr. Die Nummer 4 ist unscheinbar, ein ehemaliges Lagerhaus aus gelbem Klinker, umgebaut zu einem Bürogebäude. Dies ist eine der weltweit mächtigsten Manufakturen von wissenschaftlichem Prestige.

Crinan Street 4, das ist die Adresse von [extern] Nature, für viele die Wissenschaftszeitschrift schlechthin. Gemeinsam mit der amerikanischen Konkurrenz [extern] Science bildet sie den Doppelgipfel des wissenschaftlichen Olymps. Gegründet wurde „Nature“ 1869 unter Beteiligung von Heroen der Wissenschaftsgeschichte wie Herbert Spencer, Thomas Henry Huxley, John Tyndall. Jeder von ihnen wohl ein Kandidat für den Nobelpreis – wenn es den damals schon gegeben hätte. Hier haben Einstein, Röntgen, Crick publiziert. Nur wer glaubt, einen ganz großen Wurf gemacht zu haben, wagt es normalerweise, seine Arbeit einzusenden.

Das Konkurrenzblatt „Science“ wurde erst 1880 gegründet, ist aber im Gegensatz zu „Nature“ nichtkommerziell. Für beide gilt: Wer hier publiziert, wird weltweit gelesen und im Schnitt rund dreißigmal zitiert, was „Impact Factor“ genannt wird: Einschlägigkeitsfaktor. Einigen Forschern sind die beiden Großen zwar durch ihre bunt gemischte Leserschaft quer durch viele Disziplinen zu oberflächlich. Dennoch gilt ein „Nature“-Artikel als Ritterschlag.

Im Foyer eine Büste von William Shakespeare. Der Anspruch ist klar: Hier entsteht Weltliteratur der anderen Art. Wo soll ich publizieren? Diese Frage wird unter Forschern oft lakonisch beantwortet: „No Nature, no impact.“

(…)

Der Olymp wirkt banal. Geschäftiges Treiben wie in jedem Großraumbüro. Besucher haben normalerweise keinen Zutritt, warum auch. Die Öffentlichkeit wird schließlich im Blatt hergestellt, nicht vor Ort in der Redaktion. Ein Lichthof verbindet vier offene Stockwerke gleichsam zu einem vertikalen Größtraumbüro. Fachredakteure blättern durch Manuskripte und angeln nach Telefonen zwischen Teetassen und Sedimenten von Fachliteratur.Unter der Dachmarke der Nature Publishing Group sind über 30 Fachmagazine versammelt. Eine ganz normale Redaktion, könnte man denken. Doch hier sind Manuskripte zwar willkommen, aber nur die wenigsten. „Nature“ ist zunächst eine Ablehnungsmaschine. Von hundert Manuskripten gehen über 90 mit einem knappen Kommentar per Email zurück an den Absender.

Die Auswahl ist mehrstufig. Die Redakteure haben oft nur wenige Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob sie sofort ablehnen oder erst später. Im letzteren Fall mailen sie den Text an eine Gruppe von ehrenamtlichen Gutachtern weiter, die im sogenannten „Peer Review“-Verfahren Kommentare und Empfehlungen abgeben. Das bedeutet banges, oft monatelanges Warten für die Autoren, die in der Zwischenzeit nicht mit der Presse über ihre Ergebnisse sprechen oder sie andernorts anbieten dürfen, um sich nicht zu disqualifizieren. Der freie Geist des akademischen Austauschs kollidiert hier mit den Regeln kommerzieller Verlage.

Das „Peer-Review“-Verfahren ist aufwändig und soll das Fundament des Wissens bewahren vor brüchigem Baumaterial: Schlamperei, Hochstapelei, Methodenfehler, Doppelungen. Seit über 140 Jahren arbeitet dieses System, und das – dem Anschein nach – sehr erfolgreich. „Nature“ gilt, kurz gefasst, als älteste Zeitschrift ihrer Art, die über Fachgrenzen hinaus die Wissenschaftswelt zusammenhält.

Der Verlag in der Crinan Street wird immer wieder zur Zielscheibe erbitterter Kritik gegen etablierte Wissenschaftsverlage allgemein. Autoren schließen sich, so munkelt man, zu Zitierkartellen zusammen, die gegenseitig auf ihre Aufsätze verweisen, um ihre Statistik aufzubessern. Professionelle Schreiblabors formulieren oft mehrdeutige Ergebnisse so lange um, bis sie sich wie bahnbrechende Sensationen lesen. Erkenntnisse werden oft nicht im Zusammenhang veröffentlicht, sondern in möglichst viele kleine Faktoide zersplittert, damit sich eine größere Anzahl an Veröffentlichungen ergibt. Und schlimmer noch: Der „Peer Review“ sei Opfer seines eigenen Erfolgs geworden, so eine Klage. Er stabilisiere zwar das Gebäude des Wissens, behindere aber auch radikale neue Durchbrüche.

Der Wissenschaftsbetrieb „unterdrückt fundamentale Neuheiten, weil diese notwendigerweise subversiv sind“, schrieb der Physiker und Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn schon 1962. Er löste eine erbitterte Debatte aus, die bis heute andauert und die in Zeiten von Evaluation erheblich an praktischer Relevanz gewonnen hat, da diese sich nur zu gerne auf Bibliometrie stützen.

Wie aber funktionieren Impact-Factories wie „Science“ oder „Nature“? Über den Alltag ist wenig bekannt. Das ist erstaunlich. Die große Monografie über Geschichte und Alltag in der Crinan Street 4 muss erst noch geschrieben werden. Querelen, Personalien, Richtungskämpfe bei „New York Times“, „Der Spiegel“ oder „Le Monde“ werden sehr viel genauer durchleuchtet als bei „Nature“ oder „Science“, den Zentralorganen der Informationsgesellschaft. Ausgerechnet Wissenschaftsjournale scheinen an einem blinden Fleck der Selbstaufklärung zu sitzen. Zu den besten Quellen gehören die Jubiläumsausgaben, mit vielen Anekdoten, aber wenig kritischer Analyse. Die Wissenschaftsgalaxis kreist um ein Schwarzes Loch.“

* * *

Das volle Buckkapitel lässt sich auf „Telepolis“ nachlesen.


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