Vor 100 Jahren wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vor den Toren Berlins gegründet

Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (aus dem „Tagesspiegel“)

Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin schreibt am 10. Januar 2011 im „Tagesspiegel“:

„‚Sind Forschungsinstitute nöthig, so hat der Staat sie zu gründen. Kann ers nicht, so mag ihn der Teufel holen.‘ Mit diesen Worten kommentierte vor 100 Jahren der Berliner Publizist Maximilian Harden die gerade erfolgte Gründung einer Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.“

Hoffmann beschreibt die Jahre um 1910 als einen Wendepunkt in der sich globalisierenden Wissenschaftspolitik. Deutschland war unter Zugzwang geraten:

„Es war die dritte, die nach Gründung der Berliner Universität (1810) und der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (1887) von Berlin ihren Ausgang nahm und die Wissenschaftslandschaft nicht nur in Deutschland bis heute nachhaltig geprägt hat.

Nachdem sich im 19. Jahrhundert die Berliner Universität mit ihrer programmatischen Leitidee der Einheit von Forschung und Lehre zum Modell der modernen Universität profiliert und damit nicht zuletzt der deutschen Wissenschaft den Weg zur Weltgeltung geebnet hatte, stieß zur Jahrhundertwende das Potenzial dieser Institution an ihre Grenzen. Namentlich die rasant wachsenden Studentenzahlen, aber auch der enorm gestiegene Aufwand für naturwissenschaftliche Spitzenforschung zeigten die Grenzen des Berliner Universitätsmodells auf und führte in Professorenschaft und Wissenschaftsverwaltung zu einer Krisenstimmung. Hinzu kam, dass Länder wie die USA die internationale Spitzenstellung der deutschen Wissenschaft infrage zu stellen begannen.“


Das Gelände lag vor den Toren der Stadt in Dahlem, dort, wo nach der Teilung Berlins die FU angesiedelt wurde:

In der rekordverdächtigen Zeitspanne von weniger als zwei Jahren wurden im Herbst 1912 die ersten beiden Kaiser-Wilhelm-Institute für Chemie sowie für physikalische Chemie und Elektrochemie in Dahlem bezogen. Den Berliner Vorort hatte die Wissenschaftsverwaltung als Kerngebiet für die Institute der Gesellschaft bestimmt, womit an eine Vision des einflussreichen, aber früh verstorbenen Ministerialdirektors Friedrich Althoff angeknüpft wurde. Althoff wollte die aufgelassene königliche Domäne zu einem deutschen Oxford entwickeln.“

Hoffmann weist auch auf fragwürdige Eigenarten der Kaiser-Wilhlem-Gesellschaft hin, (was um so lobenswerter ist, als es um die Vorgänger-Einrichtung seiner eigenen Institution geht):

„Zu den verklärten und bis heute handlungsleitenden Gründungsprinzipien der Gesellschaft gehört ebenfalls das Harnack-Prinzip, wonach „die Gesellschaft einen (herausragenden) Wissenschaftler wählt und um ihn herum ein Institut baut“. Damit wollte man nicht nur dem vermeintlich aristokratischen Charakter der Forschung Rechnung tragen, sondern auch langfristige Forschungsperspektiven und Flexibilität sichern.

Die Ambivalenz dieser Prinzipien wurde gerade in Zeiten politischer Verwerfungen deutlich. So ist das Harnack-Prinzip dem nationalsozialistischen Führerprinzip zumindest strukturell verwandt und damit missbrauchsgefährdet. Und die Maxime reiner Grundlagenforschung war schon drei Jahre nach Gründung der Gesellschaft vergessen, als im Ersten Weltkrieg vaterländische Pflichterfüllung gefordert war und beispielsweise das Habersche Institut für Physikalische Chemie ganz in den Dienst der Giftgasforschung und -erprobung gestellt wurde; ganz zu schweigen von der späteren Indienstnahme bedeutender Teile des Forschungspotenzials der KWG für die Aufrüstungs- und Autarkiepolitik des „Dritten Reichs“ oder gar der Entgrenzung wissenschaftlicher Forschung im Rahmen der NS-Rassenpolitik. Die Selbstgleichschaltung der KWG führte auch dazu, dass 1933 zahlreiche Gelehrte umgehend aus ihren Stellungen vertrieben und zur Emigration gezwungen wurden.“

Der ganze Artikel lässt sich hier nachlesen.

* * *

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Denkort

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s