„Geo Special“ über Tibet: „Licht des Fortschritts“

Fotos: Boris Joseph, Geo Special

„Der Fortschritt ist ein Zug“, schreibt der Autor Jörg-Uwe Albig im Sonderheft „Geo Special Himalaya„: „Seit 2006 verbindet er Beijing mit Tibets Hauptstadt Lhasa, hat Tibet billiges Mehl gebracht und ein Handelswachstum von 75 Prozent in den ersten zehn Monaten. Doch er bringt auch Chinesen mit, Hunderttausende. Weit aus mehr als die, die nach dem Einmarsch 1951 Straßen errichtet haben, Schulen und Krankenhäuser. Die später auch ihre Supermärkte und Hotels bauten, ihre Modegeschäfte und Banken.“

Albig erzählt von Konflikt und Verwerfungen zwischen Tradition und Moderne: „Immerfort leuchtet (…) das Licht des Fortschritts, als wäre es nie gedämpft worden. Das Blinken des Mobilfunkturms auf dem heiligen Berg Jakpori, einst Sitz des astrologischen Instituts; das Neonlicht der Ladenpassagen, Autohäuser und Fastfood-Ketten; die sonnige Welt des Lukhang-Parks, zu Füßen des Potala-Palastes, 2006 ‚auf der Basis von Respekt vor der Geschichte und der nationalen kulturellen Tradition‘ angelegt, wie auf einer Stele beteuert wird.“

In Tibet kommt die Verwestlichung, kommen Mickey Maus, McDonald’s und Coca Cola aus dem Osten, über China. Sogar multikulturelle Alternativ-Touristen scheinen sich mit dem Zug der Besatzer andächtig auf die Spuren der durch die Zentralmacht bedrohte tibetischen Kultur zu begeben:

„Viele von ihnen sind Sinnsucher wie die junge Schwimmlehrerin aus Beijing mit den Neo-Hippie-Kleidern und den blondierten Afro-Zöpfen, die zweimal im Jahr anreist, um sich in den Tempeln Lhasas der exotischen Kultur der fernen Unterworfenen auszuliefern; Mit fiebrigem Eifer treibt sie ihre Gebetskette an jedem Sockel, neigt vor jedem Buddha, vor jedem Heiligen den Kopf. Und hebt dann ihren fünfjährigen Sohn mit dem Irokenenschnitt über den Rand der Lampenbecken, damit er das Butteropfer spenden kann.“

Albig stellt schließlich die ketzerische Frage, ob die chinesische Besatzung wirklich so schlimm sei:

„Doch ohne die Chinesen gäbe es diesen Arbeitsmarkt womöglich gar nicht – in einem Land, das bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts keine Löhne kannte, nur Frondienste. So ist es ein Trugschluss, dass der Zugezogene den Einheimischen um seine Zukunft beraubt.“


Auch die Autoren anderer Artikel im Heft verabschieden sich von der Vorstellung einer von der Globalisierung abgewandten Innerlichkeit, die oft im Himalaya vermutet wird. Tom Dauer zum  Beispiel beschreibt ebenfalls ein Modernisierungsprojekt, den umstrittenen Bau der Beni-Jomson-Road in Nepal, einer Trasse, die das Annapurna-Gebiet erschließen soll, unter anderem für Pilger:

„Kurz vor dem Haupttor findet man den Laden, in dem Ritu Lama Gurung lächelnd empfängt, freundliche Langmut, die Haare kurz geschoren. Die 17-Jährige trägt das rote Leinengewand buddhistischer Nonnen, verkauft Wassser, Coca-Cola, Schokoriegel und getrocknete Nüsse, alles mit dem Bus geliefert. Auch Devotionalien sind hier gestapelt. Für Pilger, di in letzter Minute eine Opfergabe erstehen möchten: Blumenkränze, Schals, Reis, Bananen und Kokosnüsse. Mit den vielen Hindus, sagt die Buddhistin, mache sie das beste Geschäft: ‚Ihr Geld können wir für das Kloster gut gebrauchen. Über die Straße freue ich mich deshalb sehr.'“

Im Band „Mekkas der Moderne“ befassen sich ebenfalls ein paar Kapitel mit den Verwerfungen und Widersprüchen zwischen Lokalkultur und Globalisierung, unter anderem auf den Galápagos-Inseln, in Dubai, auf dem Bikini-Atoll, auf Samoa, Kiriwina und in Mali.

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Eingeordnet unter Expeditionen, Gipfelrouten - Erhoben und Erhaben, Streitpunkte

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