Hans Joas in „Die Zeit“: Weder Kirche noch Revolution erfanden die Menschenrechte

Wer hat die Menschenrechte erfunden – wer genau? War es die Kirche mit ihrem Kult des Mitleids? Oder war es die Französische Revolution, welche den Einfluss der Kirche zurückdrängte – und am 26. August 1789 die Menschenrechte verkündete? Der Soziologe Hans Joas schreibt dazu in der „Zeit“ (22.12.2010, S. 49):

„Für mich ist keine der beiden Positionen haltbar. Das säkular-humanistische Narrativ ist schon empirisch falsch und verzerrt die Wirklichkeit des 18. Jahrhunderts. Die alternative (katholische) Geschichte dagegen kann nicht überzeugend erklären, warum ein bestimmtes Element christlicher Lehre, das sich jahrhundertelang mit verschiedensten politischen Regimen vertrug, plötzlich zur dynamischen Kraft bei der Institutionalisierung der Menschenrechte hätte werden sollen.“

Joas schlägt stattdessen eine Denkfigur vor, die er beim Soziologen Emile Durckheim findet: Die Sakralisierung, die Heiligsprechung der Menschenrechte. Transzendenz und „Heiligkeit“ bedarf in diesem Sinne nicht der Unterstützung klerikaler Akteure, sondern sie kann parallel zu institutionalisierter Religion entstehen:

„Niemand hat mehr zur Analyse solcher dynamischen Prozesse von Sakralisierung beigetragen als der französische Klassiker der Soziologie Émile Durkheim. Er analysierte bereits die Menschenrechte als Resultat eines Prozesses der Sakralisierung des Individuums. Mitten im Getümmel des Dreyfus-Skandals 1898 beschreibt er die Menschenrechte so: ‚Diese menschliche Person, deren Definition gleichsam der Prüfstein ist, an dem sich das Gute vom Schlechten unterscheiden muss, wird als heilig betrachtet, sozusagen in der rituellen Bedeutung des Wortes. Sie hat etwas von der transzendenten Majestät, welche die Kirchen zu allen Zeiten ihren Göttern verleihen; man betrachtet sie so, als wären sie mit dieser mysteriösen Eigenschaft ausgestattet, die um die heiligen Dinge herum eine Leere schafft, die sie dem gewöhnlichen Kontakt und dem allgemeinen Umgang entzieht. Und genau daher kommt der Respekt, der der menschlichen Person entgegengebracht wird. Wer auch immer einen Menschen oder seine Ehre angreift, erfüllt uns mit einem Gefühl der Abscheu, in jedem Punkt analog zu demjenigen Gefühl, das der Gläubige zeigt, der sein Idol profanisiert sieht. Eine solche Moral ist eine Religion, in der der Mensch zugleich Gläubiger und Gott ist.‘ „

Joas beschreibt die scheinbar säkulären Menschenrechte als „heilig“ und transzendent, unabhängig von religiösen Institutionen. Stattdessen basiert die Würde des Menschen auf Institutionen, Praktiken und ständigen Erzählungen, um ihre Unantastbarkeit immer wieder erneut festzuschreiben:

„Wenn wir die Geschichte der Menschenrechte als einen Prozess der Sakralisierung der Person begrifflich fassen, dann müssen wir zugeben, dass der Glaube an die Menschenrechte und die universale Menschenwürde ein Glaube ist und nicht eine Tatsachenbehauptung. Damit meine ich nicht, dass wir letzte Werte nur in existenzieller Weise wählen könnten – ohne alle vernünftige Überlegung. Ich meine, dass wir unsere Bindung an Werte nicht plausibel machen und verteidigen können, ohne Geschichten zu erzählen – Geschichten über Erfahrungen, aus denen unsere Bindungen erwuchsen, oder über die Folge, die ein Verstoß gegen unsere Werte in der Vergangenheit hatte. Wir werden nie verstehen, warum andere Menschen sich an andere Werte gebunden fühlen als wir oder andere Artikulationen ähnlicher Werte als evident empfinden, wenn wir nicht ihren Geschichten zuhören.“

Auch das Buch „Mekkas der Moderne“ ist der Genese moderner Weltbilder auf der Spur. Die Geschichten, die laut Joas den Glauben an die Menschenrechte untermauern, werden fast wöchentlich in Straßburg erzählt, am Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte (IGRM). Hier lässt sich beobachten, wie die Transzendenz der Menschenrechte in der Alltagspraxis hergestellt wird. Uwe Wesel schreibt in seinem Kapitel über „Das Jüngste Gericht“:

„Drei gläserne Türme scheinen sich ineinander zu schieben, sie überlagern und durchkreuzen sich. Wie eine Kunsthalle oder ein Theater beschwören sie Flexibilität und Offenheit, aber auch Erhabenheit und Erbauung. Wenn das universelle Menschenrecht einen Sitz hätte, dann vielleicht noch am ehesten hier, direkt am Wasser im Europaviertel.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist kein Justizpalast der alten Schule, wie etwa der IGH, der Internationale Gerichtshof im „Friedenspalast“ in Den Haag. Keine trutzige Burg des Rechts, das mit steinerner Einschüchterungsarchitektur seine Souveränität unterstreicht. Der EGMR in Straßburg will offensichtlich anders sein, weltoffen, modern und seine Richtersprüche eher Vorbild und Lockung, weniger Strafe und Drohung. Tagsüber spiegelt die Glasfassade den hohen Himmel wieder, bei Sonnenuntergang zeigt sie bisweilen romantische Rottöne. Dies soll ein Ort der Klärung sein, der Hoffnung, der Aufklärung. Hier wird eine höhere Gerechtigkeit verkündet als die der Staaten: Naturrecht, Menschenrechte.“

In diesem Sinne ist der Gerichtshof für Menschenrechte eine Bühne, auf der juristisches Storytelling inszeniert wird, eine regelmäßige rituelle Handlung zur Bestärkung des Glaubens an die Heiligkeit des Menschen, wie es Joas schildert. Wesel schreibt:

„Der Verhandlungssaal, im mittleren der drei runden Glas-Silos, ist noch erstaunlicher als die Fassade: Hier sitzen die Vertreter von Anklage und Verteidigung, und dazu das riesige Gremium von Richtern: Fünfzig Sitze an einem endlos langen gerundeten Tisch, jeweils einer für jedes Land, das die Menschenrechtskonvention des Europarates unterzeichnet hat. Das jüngste Gericht sieht innen weniger wie ein Gericht aus, sondern eher wie der Tagungssaal des Europarates, der auf der anderen Seite des Kanals liegt. Der EMGR ist der juristische und moralische Arm des Europarates: Gerichtsstand,Schaufenster und Bühne für das Drama der Menschenrechte.

Vom EGMR aus gesehen wirkt Straßburg wie eine Inselwelt, ein Archipel der Machtarchitektur wider Willen. „Straßburg, das jahrhundertelang ein Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich war, ist nunmehr Stadt aller Europäer“, schwärmte 2004 der damalige französische Staatspräsident Jacques Chirac: „Es ist in Europa die Hauptstadt der Menschenrechte“. Eine Vorladung in die Stadt der Menschenrechte ist oft eine politische Blamage vor der Weltöffentlichkeit. Im riesigen runden Gerichtssaal des EGMR werden ausschließlich Staaten angeklagt, und zwar von ihren eigenen Bürgern, die ihre Menschenrechte verletzt sehen. Hier werden die fundamentalsten moralischen Normen eingeklagt, der Schutz der Bürger vor Eingriffen in Familienleben, Religionsfreiheit, Meinungsäußerung, der Schutz vor Folter, Sklaverei, Gerichtswillkür, Benachteiligung.“

Doch die Transzendierung von Recht in Menschenrechte, von Juristerei in Weltanschauung, transformiert nicht nur das moderne Weltbild, sondern auch seine Institutionen. Die Heiligsprechung des Menschen erzwingt gleichzeitig eine Transformation der Gerichtsmaschinerie, eine Umstellung von Zwangsrecht auf Anerkennungsrecht:

„Das Völkerrecht ist eigentlich gar kein Recht, sagen manche Kritiker, sondern Bekenntnislyrik, die nicht durchsetzbar ist. Hier lässt sich vor allem in Europa ein fundamentaler Wandel beobachten. Früher hingen viele Staatsrechtler der „Zwangstheorie“ an, also der Vorstellung, dass Recht immer auch mit einem großen Knüppel erzwingbar sein muss. Besonders extrem war in dieser Hinsicht der umstrittene Staatsrechtler Carl Schmitt. In seiner „Politischen Theologie“ schreibt er: „Die Autorität beweist, dass sie, um Recht zu schaffen, nicht Recht zu haben braucht.“ Diese Zwangstheorie gilt heute als erledigt, vor allem im Europarat hält man sich eher an die sogenannte Anerkennungstheorie: Staaten erkennen das Völkerrecht ohne Zwang an, weil sie selbst anerkannt werden wollen.“

Das gesamte Kapitel lässt sich hier nachlesen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Denkort, Der Rechte Weg - Normative Erkundungen, Gesellschaft

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s