Mekka als Mekka der Moderne

Fotos: „Der Spiegel“

Mekka ist zukunftshungrig und bauwütig, sozusagen ein Mekka der Moderne – allerdings nur für die rund 1,57 Milliarden Muslime, die aus aller Welt dort anreisen dürfen. Nichtmuslime müssen leider draußen bleiben. Auch dies Verbot mag ein Grund sein, warum die Modernität Mekkas kaum wahrgenommen wird außerhalb der muslimischen Welt.

Bernhard Zand, Redakteur beim „Spiegel“ und selbst Muslim, schreibt:

Brücken wechseln mit Unterführungen ab, Rampen mit Tunnels und eilig hinbetonierten Autowerkstätten. Dann endet für die meisten die Fahrt in einem unterirdischen Busbahnhof im Zentrum. Die Pilger sind am Ziel: Mekka, die heilige Stadt des Islam.

Es fühlt sich an wie die Hölle. Die eben noch andächtig Betenden sind plötzlich eingetaucht in ein Inferno aus rotem Neonlicht, aus Lärm und Staub, aus Hitze und Dieselgestank. Acht Jet-Fans, Ventilationsmaschinen, so groß wie Flugzeugmotoren, dröhnen an der Decke; Reisebusse drücken Autos zur Seite, Autos die Fußgänger. Polizisten mit Atemmasken und Ohrenschützern brüllen Kommandos. Dazwischen, mit weit aufgerissenen Augen nach den Ausgängen suchend, Männer, Frauen, Kinder, Humpelnde, Hustende, Alte in Rollstühlen.

Auf den Treppen ins Freie löst sich allmählich der Ruf des Muezzins aus dem Lärm. 5.30 Uhr. Unwillkürlich bleiben die oben Angekommenen einen Augenblick lang stehen. Zur Rechten: ein 24-stöckiger Marmor- und Glasquader, das Intercontinental-Hotel Dar al-Tawhid, wörtlich: „Haus des Monotheismus“. Daneben: das Makkah Hilton&Towers, kürzlich renoviert in arabisiertem Art déco mit hölzernen Erkern bis in die 28. Etage hinauf. Ganz oben eine Uhr mit dem Schriftzug des Schweizer Uhrenherstellers Omega, unten der Eingang zu einer Shopping-Mall, die Schilder von Fast-Food-Restaurants: Kentucky Fried Chicken, Hardee’s, House of Donuts.

Nicht nur in der Verkehrsinfrastruktur, sondern auch in symbolischen Bauten inszeniert die Stadtverwaltung von Mekka die Modernität ihrer Stadt, so Zand:

Zur Linken, wie ein Gebirge alle anderen Wolkenkratzer dominierend, die sieben Türme des Abraj-al-Bait-Komplexes, sechs davon fertig, bis zu 48 Etagen hoch, einer noch im Bau: Auch dies ist ein Uhrturm, der dem Big Ben in London nachgebildet ist, allerdings mehr als sechsmal so hoch, mit einem Ziffernblatt, das 43 Meter misst. Es wird, nach seiner Fertigstellung diesen Winter, mit 601 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt sein.

„Wo ist die Kaaba?“, fragt, verwirrt und vom Flutlicht geblendet, ein türkischer Pilger.

Die Kaaba, der von schwarzen Tüchern umhüllte Kubus, den der Patriarch Abraham, Stammvater der Muslime wie der Israeliten, errichtet haben soll, das Heiligtum, um das der Prophet Mohammed Krieg führte, der Ort, zu dem sich seit 14 Jahrhunderten die Muslime beim Gebet hinwenden – die Kaaba ist das Letzte, das die Pilger zwischen den Baustellen, Hochhäusern und Einkaufslandschaften des modernen Mekka zu Gesicht bekommen.

Religion und Ökonomie schließen sich nicht aus in dieser Spielform der orientalischen Moderne, sondern stabilisieren sich gegenseitig:

Und nun soll Mekka, so haben die Hüter der heiligen Stätten beschlossen, noch einmal neu entstehen, zum Ruhme Gottes glänzen und alles in den Schatten stellen, was die Moderne auf anderen Kontinenten hervorgebracht hat. Vor einem Menschenalter noch war das Wadi, in dessen Talgrund die Kaaba steht, bei jedem Regenguss meterhoch überflutet. Heute ist dieser Talgrund das teuerste Stück Bauland der Welt, ein Quadratmeter hier kostet doppelt so viel wie vor dem Casino von Monte Carlo. „Mekka“, zitierte das Wirtschaftsmagazin „Arabian Business“ einen Investmentbanker, „ist so ziemlich die krisensicherste Anlage, die sich heute finden lässt. Mekka hat immer Saison.“

Genau in dieser Kommerzialisierung, so die Einsicht von Soziologen und Politkwissenschaftlern, liegt nicht eine Schrumpf- und Niedergangsform der Religion, sondern der Schlüssel zu Emanzipation und Toleranz (ein Argument, das auch Norbert Bolz in seinem Buch „Das Konsumistische Manifest“ entwickelt):

Eine neue Generation von Gläubigen hat seit den Anschlägen von New York und Washington ihr Selbst- und ihr Weltbild geformt. Sie sind fromm und modern, konservativ und kritisch, sie sind so ungleich wie die Pilger, die im Busbahnhof von Mekka aus den Autos steigen. Der Islam verbindet sie, und für die meisten von ihnen ist es ein anderer Islam als der, vor dem sich der Westen fürchtet.

Vor allem aber: Es ist nicht nur ein einziger Islam. Es sind deren viele.

Auf 1,57 Milliarden Menschen, stellt eine Studie des Pew Research Center in Washington fest, ist die Zahl der Muslime im vergangenen Jahr gestiegen. Das ist etwa ein Viertel der Weltbevölkerung.

Nur jeder fünfte von ihnen stammt aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Nur jeder fünfte spricht Arabisch. Die vier größten muslimischen Gemeinden der Welt sind die von Indonesien, Pakistan, Indien und Bangladesch. In Russland allein leben mehr Muslime als in Libyen und Jordanien zusammengenommen, in China mehr als in Syrien – und in Deutschland mehr als im Libanon.

In Mekka ist diese Vielfalt zu besichtigen. Sie drückt sich aus in Hautfarben, in Gesichtern, in Kulturen und Lebensstilen. Es ist eine Vielfalt, so der iranisch-amerikanische Politologe Vali Nasr, die von unten kommt und nach oben strebt.

Der verordnete Säkularismus des 20. Jahrhunderts, so Nasr in einem wegweisenden Buch über den Aufstieg der „neuen muslimischen Mittelklasse“, habe in der islamischen Welt seinen Glanz verloren – der verordnete Fundamentalismus aber nicht minder: „Die muslimische Welt ist dabei, sich auf etwas ganz anderes einzurichten: auf Pluralismus.“ Der Islam sei „nicht wegen der Extremisten, die in seinem Namen Gewalt verbreiten, zur Weltreligion geworden – sondern wegen seiner kulturellen Diversität“. Und, so schreibt Nasr: „Es werden nicht säkulare Diktatoren oder aufgeklärte Geistliche sein, die den muslimischen Extremismus bezwingen, sondern Unternehmer und Geschäftsleute.“

* * *

„Zugegeben, der Titel des Bandes hat etwas Irritierendes“, schreibt „Der Standard“ über Mekkas der Moderne. So ähnlich empfinden es etliche Leser des Buches.

Der Buchtitel impliziert: Religiöse Pilgerei und modernistisches Fortschrittspathos schließen sich nicht aus, Tourismus kann Restspuren von Transzendenz enthalten. Diese Pointe des Buchtitels wird durch die Titelgeschichte des „Spiegel“ illustriert. Die derzeitige Stadterneuerung in Mekka erinnert eher an den Zukunftshunger und Größenwahn von Dubai, Shanghai oder Singapur als an das europäische Konzept behutsamer Bewahrung des Alten.

Mit der arabischen Moderne beschäftigt sich auch das Kapitel über Dubai, nachzulesen auf Handelsblatt online.

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Eingeordnet unter Ausflüge, Überholspur, Expeditionen, Freistil, Geheime Labyrinthe, Postkoloniale Aufbrüche, Rezensionen, Streitpunkte, Warenkreislauf

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