Die auratischen Augen der Mona Lisa – digital verewigt

„Verrät Mona Lisa den Da-Vinci-Code“, fragt die Bild-Zeitung. Der Hintergrund: Am Wochenende entdeckten Forscher Auf der Leinwand der gemalten Berühmtheit geheimnisvolle Zahlen- und Buchstaben. Im rechten Auge lassen sich mikroskopisch klein die Buchstaben L und V ausmachen, das Kürzel des Malers. Im rechten Auge sind die Zahlen und Buchstaben weniger klar definiert: ist es C und E oder doch eher ein B? Genau diese Unschärfe, dies Sfumato, passt hervorragend in die Erwartungshaltung der Kunstkonsumenten und in das Marketingkonzept des Bildes.

Auch 500 Jahre nach Enstehung des Kunstwerks lässt die Faszination nicht nach. Im Gegenteil. Die Energie einer globalen Kunstvermarktungsmaschine trägt das Gemälde zu immer neuen Rekorden. Doch was genau fasziniert die Besucher des Louvre derart, fragt Lars Blunck, Kunstgeschichtsprofessor an der TU Berlin, in „Mekkas der Moderne“? Hier ein Auszug aus seinem Kapitel:

„Irgendwann aber, spätestens wenn man sich dem Sog der Besucherströme ergeben hat, führt der Weg in die Belle Etage des Südflügels. Der stetig ansteigende Geräuschpegel und die zunehmende Publikumsdichte lassen erahnen, dass man sich einem besonderen Ort nähert: der Salle des États. Dem Ort, nach dem sicherlich gefragt werden wird, wer daheim berichtet, er habe den Louvre besucht, der Ort, an dem das vielleicht berühmteste Gemälde der Kunstgeschichte seinen Platz gefunden hat: die Mona Lisa, der Höhepunkt eines jeden Louvre-Besuchs.

Worin sich Ruhm und Berühmtheit dieses von Leonardo da Vinci zwischen 1503 und 1506 in Öl auf Holz geschaffenen Gemäldes
begründen, wird heute wohl niemand mehr recht sagen können. Seien es die schwülstig-erotischen Phantastereien des 19. Jahrhunderts: Théophile Gautier sah sich in seinem berühmten Kommentar von 1858 von der Dargestellten eingeschüchtert »wie ein Schuljunge vor einer Herzogin«. Sei es der spektakuläre Raub des Gemäldes im Jahr 1911 und dessen glückliche Wiederkehr in den Louvre 1913 – der Dieb hatte versucht, das Gemälde an die Uffizien in Florenz zu verkaufen, da die Mona Lisa doch als Florentinerin nach Italien gehöre.

Sei es die überbordende Vielfalt disparater Deutungen, vom medizinischen Befund, die Dargestellte habe an Syphilis gelitten, bis zur ermüdenden Debatte, ob denn nun die Florentiner Kaufmannsgattin Lisa del Giocondo dargestellt sei oder vielleicht doch jemand ganz anderes. – Kurz: es gibt wohl kein Gemälde, das einen vergleichbaren globalen Bekanntheitsgrad erlangt hat, und das so häufig fotografisch reproduziert wurde wie die Mona Lisa.

Zum Mythos, ja zum Kultobjekt aufgestiegen ist das Bild indes erst im 20. Jahrhundert, in dessen zweiter Hälfte. Und das Museum tut das seine dazu, Mythos und Kult tüchtig zu nähren und zu mehren; es ist darin sicherlich eher dem antiken Museion, dem Heiligtum der Musen näher, als einem Ort anschaulichen Erkenntnisgewinns und aufgeklärter Wissensvermittlung.

Musste sich das lediglich 77 mal 53 Zentimeter messende Gemälde früher noch eine Museumswand mit anderen italienischen Meisterwerken teilen, war es also gleichsam eingebettet in die Malerei der Hochrenaissance, so wird ihm seit 2005 ein eigener Platz gewährt, losgelöst von allen kunstgeschichtlichen Bezügen, präsentiert als das adorable Chef d’Œuvre der Kunstgeschichte. Tizian, Giorgione, Veronese und Co. sind seitdem zu Statisten degradiert; ihre Gemälde, die die Mona Lisa nunmehr an den Stirn- und Längswänden der Salle des États flankieren, bereiten allenfalls noch die rahmende Kulisse für den Atem nehmenden Auftritt des unangefochtenen Stars in diesem Raum.

Durch zentimeterdickes Panzerglas gegen etwaige Übergriffe geschützt, ist das Bild eingelassen in eine meterhohe,
monumentale Wand, die sich inmitten der Salle des États, freigestellt vor den staunen-den Besuchern, aufbaut wie der Hauptaltar in einer gotischen Kathedrale. Der Vergleich mit einem Altar ist keineswegs zufällig gewählt, haben die Verantwortlichen des Louvre bei der Inszenierung der Mona Lisa doch alle Register gezogen, um religiöse Assoziationen zu evozieren. Wie eine sakrale Preziose wird sie in ihrem klimatisierten Glasschrein bewahrt. Knapp unter diesem ragt eine frei schwebende, massive Tischplatte aus der Wand, die unverkennbar auf eine Altarmensa anspielt. Und auch die in großzügigem elliptischem Bogenschlag vor dem Gemälde sich aufspannende, hüfthohe Brüstung aus edlem Holz und kühlem Stahl erinnert eher an jene Balustraden, die in Kirchen den Altarbereich von der Gemeinde trennen, als an jene Museumskordeln, die üblicherweise den Besucher aus konservatorischen Gründen auf Abstand zum Exponat halten. Mögen all diese inszenatorischen Anspielungen auch durch eine spätmodernistische Formen- und Materialsprache gebrochen sein, inszeniert ist hier doch ein Kultobjekt: die Ikone eines säkularen Glaubens an die Kunst, an ihre Authentizität und Originalität.

Zu welcher Tageszeit man auch immer kommt: Eine Menschentraube umgibt das Bild. Die Besucher versuchen ihm, so gut es geht, nahe zu kommen, drängen sich nach vorn, geleitet, ja buchstäblich gegängelt von Absperrbändern, wie man sie von den Check-in- Zonen internationaler Flughäfen kennt. Sollte es hier so etwas wie ein Fotografierverbot geben, es wäre wohl kein Museumsaufseher im Stande, dessen Einhaltung durchzusetzen. Zu dutzenden zücken die Besucher geradezu reflexartig ihre Camcorder, Digital- und Handykameras, um den Moment der Erscheinung der Mona Lisa zu bannen, obgleich doch in den Museumsshops unten im Foyer deutlich qualitätsvollere Reproduktionen zu erwerben wären, von jenen dezentralen digitalen Bildspeichern ganz zu schweigen, auf die inzwischen jedermann an jedem Ort per internetfähigem Handy zugreifen kann.

Es geht aber wohl gar nicht darum, fotografisch ein Gemälde zu reproduzieren, sondern darum, das Original festzuhalten. Ja, fast will es scheinen, als versuchten die Besucher, die Aura des Originals fotografisch zu bannen, dieser Aura irgendwie, so hat es Walter Benjamin in vergleichbarem Zusammenhang formuliert, »habhaft« zu werden. Aura, das meint bei Benjamin die »Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft«.

Was den Menschen in der Salle des États vor Augen steht, ist indes weniger ein Bild, das es anzuschauen gelten könnte, als die Ferne von etwas im Grunde doch so greifbar Nahem. Vielleicht ist dies ein Grund, warum so viele Menschen in diesem Raum ihr Sehen und damit ihr Erleben an den technischen Apparat delegieren. Sie schauen gar nicht hin. Was sollten sie auch sehen von einem Gemälde, das nicht nur räumlich in die Distanz gesetzt, sondern atmosphärisch entrückt, um nicht zu sagen: metaphysisch überhöht ist?

Vielleicht aber fotografieren die Besucher die Mona Lisa auch bloß, um diese fortan im digitalen Bildspeicher ihres Handys in der Hosentasche spazieren zu tragen, in Echtzeit ins Netz zu bloggen oder daheim als Beweis einer Begegnung mit etwas vorzuführen, an dessen Originalität sich vielleicht wenigstens fotografisch parasitieren lässt: ein Originalfoto von der Original-Mona Lisa, kein aus dem Netz gezogenes Surrogat!“

 

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