„Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert“. Das Verhältnis von Peer-Review-Journals und Blogs

Am 2. Dezember kündigte die Nasa wieder einmal eine Entdeckung groß an. Nicht mit einer Pressemitteilung, sondern gleich mit einer Pressekonferenz. Man habe so etwas wie außerirdisches Leben gefunden, nur eben auf der Erde: Bakterien, die Phosphor durch Arsen ernähren können, ein bislang unbekannter Prozess, möglicherweise der Hinweis auf eine verborgene „Schatten-Biosphäre“. Das Paper erschien im Wissenschaftsmagazin „Science“.

Christina Berndt schreibt in der SZ anlässlich dieser sensationellen Behauptung über die Schwächen des herkömmlichen Peer-Review-Prozesses:

„‚Im Moment wird ein Haufen Mist publiziert‘, warnen manche Wissenschaftler. Deshalb wächst die Bedeutung von Blogs, die die Arbeit der Forscher kritisch begutachten.“

Die wichtigsten Einwände wurden nicht in „Science „oder „Nature“ veröffentlicht, sondern im Blog „Rrresearch“ von Rosie Redfield. Christina Berndt schreibt dazu:

„Im Netz tobt ein Kampf über Wohl und Wehe einer Entdeckung, die gerade erst durch eine Publikation in Science geadelt wurde. Das ist immerhin eines der prestigeträchtigsten Fachmagazine einer Wissenschaftswelt, in der die Publikationsliste über den Fortgang von Forscherkarrieren entscheidet. Noch hält die Entdeckerin der Arsen-Bakterien den Science-Schutzschild vor ihre Arbeit. Sie finde es unangemessen, Wissenschaft in Blogs zu diskutieren, sagt Felisa Wolfe-Simon, die sich selbst Eisenlisa nennt (weil Fe das chemische Zeichen für Eisen ist). Jeder sei eingeladen, seine Kritik an Science zu schicken, damit sie darauf reagieren könne.

Doch diese Haltung geht an der Realität vorbei. Wissenschaft wird längst nicht mehr nur vor dem Abdruck von Koryphäen im Auftrag der Fachzeitschriften begutachtet. Weblogs entwickeln sich unaufhaltsam zu einem Wissenschaftskorrektiv, wie es die klassische Wissenschaft lange vermisst hat.“

Die Wissensproduktion nehme nehme zwar zu, aber nur quantitativ. Folgende Zahlen werfen ein neues Licht auf die sogenannte Wissensgesellschaft:

„Die Zahl der Publikationen ist in den letzten 30 Jahren ins Unermessliche gewachsen. Dass dabei auch Unsinn publiziert wird, ist nicht überraschend. Das Ausmaß des Unsinns aber sei „alarmierend“, meint der Bioinformatiker Neil Saunders. Er hat ausgerechnet, dass die Zahl der Publikationen in der Biomedizin seit 1977 auf das Vierfache gestiegen ist; die Zahl der zurückgezogenen Publikationen aber ist in derselben Zeit um den Faktor 550 angewachsen.“

Das Buch „Mekkas der Moderne“ beschreibt den Streit um Publikationsdruck und Peer Review aus der anderen Perspektive: aus dem Blickwinkel der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ (hier ein Nachdruck in „Telepolis“, hier eine französische Übersetzung in „Courrier International„):

„Spurensuche. Eine enge Seitenstraße in London unweit des Bahnhofs King’s Cross. Die Crinan Street ist eine schmale Gasse, in der man auch einen Krimi drehen könnte: dunkle Mauern, eine Autowerkstatt, kaum Verkehr. Die Nummer 4 ist unscheinbar, ein ehemaliges Lagerhaus aus gelbem Klinker, umgebaut zu einem Bürogebäude. Dies ist eine der weltweit mächtigsten Manufakturen von wissenschaftlichem Prestige.

Nature in der Crinan Street. Bild: Hilmar Schmundt

Crinan Street 4, das ist die Adresse von [extern] Nature, für viele die Wissenschaftszeitschrift schlechthin. Gemeinsam mit der amerikanischen Konkurrenz [extern] Science bildet sie den Doppelgipfel des wissenschaftlichen Olymps. Gegründet wurde „Nature“ 1869 unter Beteiligung von Heroen der Wissenschaftsgeschichte wie Herbert Spencer, Thomas Henry Huxley, John Tyndall. Jeder von ihnen wohl ein Kandidat für den Nobelpreis – wenn es den damals schon gegeben hätte. Hier haben Einstein, Röntgen, Crick publiziert. Nur wer glaubt, einen ganz großen Wurf gemacht zu haben, wagt es normalerweise, seine Arbeit einzusenden.

(….)

„Wie aber funktionieren Impact-Factories wie „Science“ oder „Nature“? Über den Alltag ist wenig bekannt. Das ist erstaunlich. Die große Monografie über Geschichte und Alltag in der Crinan Street 4 muss erst noch geschrieben werden. Querelen, Personalien, Richtungskämpfe bei „New York Times“, „Der Spiegel“ oder „Le Monde“ werden sehr viel genauer durchleuchtet als bei „Nature“ oder „Science“, den Zentralorganen der Informationsgesellschaft. Ausgerechnet Wissenschaftsjournale scheinen an einem blinden Fleck der Selbstaufklärung zu sitzen. Zu den besten Quellen gehören die Jubiläumsausgaben, mit vielen Anekdoten, aber wenig kritischer Analyse. Die Wissenschaftsgalaxis kreist um ein Schwarzes Loch.“


Wann erscheint wohl die erste unabhängige Monografie über „Nature“ oder „Science“? Schreiben Sie uns. Oder schreiben Sie diese fehlende Buch.

(HS)

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