Pilgerstätten des Pop als interaktive Weltkarte

Was sind Ihre Pilgerorte des Pop? Auf dieser Karte lassen sie sich einfach eintragen.

Andrian Kreye und Kollegen erzählen heute in der „Süddeutschen Zeitung“ auf Seite 9 über „Pilgerstätten des Pop“. Kreye schreibt:

„Soeben hat der Fremdenverkehrsminister von Großbritannien, John Penrose, den Zebrastreifen unter Denkmalschutz gestellt, über den die Beatles 1969 für das Coverfoto ihres „Abbey Road“-Albums marschierten.

Der Zebrastreifen ist ein recht banaler Fußgängerüberweg in einer nicht besonders aufregenden Gegend des nördlichen London. Aber das haben viele Orte gemeinsam, an denen Popgeschichte geschrieben wurde. Das Hotel Chelsea beispielsweise, in dem Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious seine Freundin Nancy Spungen ermordet haben soll, und in dem Bob Dylan, Janis Joplin, Patti Smith und Iggy Pop gewohnt haben, ist eine schäbige Absteige an einer lärmigen New Yorker Durchfahrtsstraße. Und die Hansa Tonstudios, in denen David Bowie, Depeche Mode und U2 epochale Alben aufnahmen, sind in einem schwermütigen Gebäude in Berlin-Kreuzberg untergebracht, in dem einst Offiziere der SS ihre Tanzabende veranstalteten. Und trotzdem haben diese scheinbar völlig banalen Orte eine ungeheure Anziehungskraft.“

Und weiter:

„Gerade weil sie Orte einer Geschichte sind, die eben nicht den Lauf der Welt bestimmte, sondern die im Leben der meisten erwachsenen Menschen immer wieder für magische drei Minuten sorgte, an denen sich unzähligen Erinnerungen an die eigene Jugend festmachen. Deswegen pilgern alljährlich Tausende in die Köthener Straße in Berlin, in die Lobby des Hotel Chelsea oder eben zum Zebrastreifen nicht weit von den Abbey Road Studios. Popliterat Nick Hornby widmete solchen Pilgerfahrten gleich einen ganzen Roman, seinen letzten, mit dem Titel „Juliet Naked“. Die quasi-religiöse Aufladung solcher Plätze mit Bedeutung und Geschichte kommt nicht von ungefähr. Rock- und Popmusik haben mit den Religionen mehr zu tun, als sich die meisten Fans bewusst sind.“

Auch München ist in dem Überblick verewigt  – als eine Art Pilgrimage by Proxy. Claudia Fromme schreibt:

„Natürlich gibt es Neverland. Aber wie sollen die jungen Menschen denn dahinkommen, nach Kalifornien, mit ihrem wenigen Geld? Also suchen sie sich Ersatzorte für ihre Pilgerreise. Einer befindet sich am Promenadeplatz vor dem Bayerischen Hof in München. Da pflegte Jackson öfters zu nächtigen, und so begannen Fans nach seinem Tod im Juni 2009 eine Statue vor dem Hotel mit Devotionalien einzudecken. Es ist die von Orlando di Lasso, einem bedeutenden Komponisten der Hochrenaissance, der gerne Kastraten verpflichtete und noch fleißiger als der US-Popstar an seinem Erbe feilte: Er hinterließ 2000 Werke. Täglich werden neue Gaben niedergelegt, Zeilen wie „Du lebst in unseren Herzen“ finden sich, gerade konserviert der Frost geschmückte Weihnachtsbäume, Engel, Kuscheltiere. Letztens musste die Polizei kommen, weil ein Nachbar glaubte, ein verdächtiges Ticken zu hören, eine Bombe womöglich. Es war ein Plüschlöwe mit Batterieantrieb.“

Als Geburtsort des Delta Blues wird eine Straßenkreuzung in Memphis verehrt, schreibt Andrian Kreye:

Der Geburtsort des modernen Pop ist eine Straßenkreuzung im Norden des amerikanischen Bundesstaates Mississippi. Fährt man auf der Route 61 von New Orleans Richtung Memphis, stößt der Highway nach endlosen Feldern kurz vor Clarksdale auf die Route 49. Nicht weit von der Kreuzung war die Dockery Plantation, eine Baumwollfarm, die weithin als Geburtsort des Blues gilt. Charley Patton und Bukka White lebten hier, Howlin‘ Wolf und John Lee Hooker. An besagter Kreuzung aber soll ein junger Mann namens Robert Johnson eines nachts seine Seele an den Teufel verkauft haben. Johnson gilt bis heute als einer der besten Bluesmusiker, die je gelebt haben.“

Das Buch „Mekkas der Moderne“ verfolgt ähnliche Phänomene, nur eben in der Populär-Wissenschaft, nicht in der Popmusik. Mit einer Ausnahme: Die Wurzeln des amerikanischen Blues werden in Mali gesucht vom Autor Peter Pannke:

„Wenn man Timbuktu in Richtung Nordwesten verlässt, passiert man am Stadtrand, kurz bevor die Wüste beginnt, eine riesige Betonsäule. Steil ragen ihre Arme in den Himmel, in den Sockel sind verrostete, ausgebrannte Gerippe von Maschinengewehren eingegossen. Flamme de la Paix heißt dieses Denkmal, das daran erinnern soll, dass die Tuareg im März 1996 an dieser Stelle vor den Augen von Präsident Alpha Oumar Konaré und der versammelten Stammesführer 3000 Gewehre verbrannten, um den fragilen Frieden zu besiegeln, den sie mit dem Staat Mali geschlossen hatten.“

»Die malische Armee hat ihre Waffen damals nicht mit ins Feuer geworfen«, murmelte der Tuareg, der mich zum Festival au désert in die Oase Essakane mitnahm, zwischen den Zähnen. Der Friedensschluss hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Die Tamaschek (oder Touareg) tauschten die Gewehre gegen E-Gitarren. Und setzten damit eine alte musikalische Tradition fort, die ein gemeinsamer Vorfahr von Weltmusik und Deltablues ist. Peter Pannke schreibt:

„Die romantischen Rocker aus der Wüste betören immer wieder, auch wenn sie diesmal etwas sehr produziert daher kommen«, wurde ihre letzte CD kritisiert, aber Carlos Santana holte sie 2007 zum Jazz-Festival von Montreux und versicherte ihnen, sie säßen an der Quelle, aus der Muddy Waters, Jeff Beck und Buddy Guy getrunken hätten.

Ähnliches sagte der 2005 verstorbene Ali Farka Touré, der zusammen mit dem amerikanischen Gitarristen Ry Cooder für »Talking Timbuktu« einen Grammy Award bekam. Vielleicht war es nur Höflichkeit, die ihn dazu brachte, die Frage nach der Herkunft des Blues, die ihm auf der Pressekonferenz von Essakane 2004 gestellt wurde, noch einmal zu beantworten. Der Blues? Was sollte das sein? Er hielt es für einen schlechten Witz, dass er gefragt wurde, ob er sein Gitarrenspiel bei John Lee Hooker gelernt habe.

Gewiss, er hatte ihn 1968 zum ersten Mal gehört und war tief beeindruckt – aber nicht, weil er seinen Meister gefunden hatte, sondern weil ihm schien, dass der amerikanische Bluessänger etwas spielte, was eigentlich aus Afrika stammte, vom Ufer des Niger. »Ihr kennt die Zweige, wir in Mali haben die Wurzeln und den Stamm. Ich weiß selber, was ich spiele, niemand braucht mir das zu erzählen«, beschied Ali Farka die weißen Journalisten. Ali Farka transportierte mit seiner Musik keine Klageschreie über die Sklavenarbeit auf den Baumwollplantagen, kein Stöhnen über Whiskey and Women – er war kein Underdog, sondern ein Grundbesitzer, der auf sein Land stolz war.“

Pilgerorte des Pop? Auf dieser Karte lassen kann jeder seine Favoriten selbst eintragen (am besten mit einer kleinen Erklärung, warum).

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Ausblicke, Ausflüge, Freistil, Warenkreislauf

Eine Antwort zu “Pilgerstätten des Pop als interaktive Weltkarte

  1. Die Weltkarte der Pilgerstätten des Pop ist echt klasse. Grüße Tonstudio Köln

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