Erinnerungsorte als Erzählungen

„Wenn Christen von ihrem Glauben reden, erzählen sie Geschichten“, schreibt der Journalist Arnd Brummer im Band „Erinnerungsorte des Christentums„, rezensiert von Michael Stallknecht in der SZ (21. 12. 2010, S. 14). Stallknecht schreibt:

Kulturelles Gedächtnis, so die in den Kulturwissenschaften ubiquitäre Theorie, verdichtet sich gern an realen wie metaphorischen Erinnerungsorten, um die herum sich eine Gemeinschaft ihre Geschichte, ihre Geschichten erzählt. Besonders der Beck-Verlag hat in jüngster Zeit mit einigen dicken Sammelbänden uns unserer Identität zu versichern gesucht: mit den „Deutschen Erinnerungsorten“, den „Erinnerungsorten der DDR“ oder – erst vor kurzem erschien der Teilband zu Griechenland – unseres Gedächtnisses an die „Erinnerungsorte der Antike“. Wenn nun mit Christoph Markschies und Hubert Wolf zwei Theologen und Leibniz-Preis-Träger auch noch „Erinnerungsorte des Christentums“ herausgeben und dabei den Fokus neben Zentralorten wie Jerusalem und Rom ebenfalls merklich auf Deutschland richten, geschieht das auf jeden Fall zur richtigen Zeit.

Und weiter:

Zudem erfüllen religiöse Rituale geradezu vorbildlich die Funktion, die die Kulturwissenschaften dem kulturellen Gedächtnis zuordnen: Vergangenes durch Wiederholung in Gegenwart zu überführen. So erinnert eben der Stifterbefehl „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ bei Abendmahl und Eucharistie nicht nur an ein vergangenes Ereignis im Abendmahlsaal zu Jerusalem, wie Markschies und Wolf anführen, sondern glaubt die Mehrzahl der Konfessionen auch, dass mit der Wiederholung der Stifter selbst vollständig gegenwärtig – theologisch gesprochen: realpräsent – wird. „Kirchen“, denen sich der Historiker Etienne François widmet, stellen darum die Anwesenheit Gottes in jedem Stadtviertel räumlich auf Dauer und verbinden über den „Kirchhof“ die Lebenden mit den Toten zur Gedächtnisgemeinschaft.

Stellt sich die Frage: Ist die Herstellung von Gemeinschaft durch Erzählen, Erinnern und Pilgern eine exklusiv religiöse Strategie? Lässt sich vielleicht Ähnliches beim feierlichen Begehen von 300 Jahren Charité, 200 Jahren Humboldt-Uni, bei Darwin-Jahren, Goethe-Geburtstagen, Galápagos-Tourismus und „Langen Nächten der Wissenschaft“ beobachten? Oder werden derlei kulturelle Praktiken erst dann beschreibbar und verständlich, wenn sie aus historischer Distanz beschrieben werden können, weil sie durch etwas anderes marginalisiert worden sind, zum Beispiel durch so etwas wie eine heraufdämmernde asiatische oder arabische Moderne?

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