Online-Debatte über Sinn und Unsinnn der Suche nach Mekkas der Moderne

Das Erhabene, so scheint es, erlebt derzeit eine Konkunktur – diesmal nicht nur im Kontext der Kunst, sondern nun auch im Wissenschaftsdiskurs. Der Nobelpreisträger Roald Hoffmann hat einen Sammelband zum Thema zusammengestellt und erläutert, warum er Diskussionen über die Erhabenheit des Hämoglobins gerne in Chemielehrplänen verankern würde:

„Man fühlt sich einfach eins mit dem jeweiligen Lebewesen, diesem Molekül, mit dem Universum. Dieses Gefühl, das ist für mich das Erhabene. Ich wünschte, wir hätten mehr solcher Erlebnisse im Forschungsalltag.“

Hoffmann ist nicht allein mit seiner Wahrnehmung, dass auch Wissenschaft erhaben sein kann. Pilgerorte der Wissensgesellschaft? Diese Vorstellung stößt im Forum der „Brights“ bei vielen Teilnehmern auf erheblichen Widerstand. Doch gibt es immer wieder Stimmen, die dann doch faszinierende Orte nennen, die einen emotionalen Mehrwert versprechen, der über rein rationale Ansätze der wissenschaftlichen Arbeit hinausgehen. Ein Diskussionsteilnehmer namens Twilight schreibt:

„Wer hat noch nie an einem schulischen Wandertag teilgenommen, dessen Ziel ein Naturkundemuseum war? Ich denke, hier gibt es eine gewisse Parallele zu einer Pilgerfahrt. Das Ziel, ein Gefühl für das zu bekommen, was hinter der „Erhabenheit“ dieses Ortes steckt. Wie ich schon mal schrieb, geht es dabei nur um Emotionen, die aber auch für Naturalisten wichtig sind.“

Welche Orte also werden in der Diskussion der Brights genann als potentiell erhaben? Es geht vor allem um  Bibliotheken und um Naturschönheit. Genannt werden unter anderem:
-Das Barrier Reef
-Die kanadischen  Berge und Wälder
-Die Haardanger Vidda in Norwegen
-Rocky Mountains, Alpen, Himalaya
-Der Grand Canyon
-Das Altmühltal
-Die Skyline einer Großstadt
-Ein Raketenstart
-Geysire

Immer wieder taucht ein Einwand auf im Diskussionsforum: die Vergleichbarkeit von Religion und Wissenschaft in Bezug auf das Erhabene. Ein Forumsteilnehmer namens Whatshisname schreibt:

„Ich will einfach nicht mit Theisten in einen Sack gesteckt werden…als ob wir Naturalisten irgendwann als „normale Religion“ gelten würden, um dann jeden Tag unseren Glauben durch die Neigung unseres Kopfes in Richtung Darwins Geburtsorts zu bekunden.“

Lassen sich religiöse und areligiöse Verhaltensweisen und Formen der Inspiration miteinander vergleichen? Immer wieder taucht diese Frage auf in „Mekkas der Moderne“. Hildegard Westphal zum Beispiel, eine der Herausgeberinnen des Buches, schreibt über Stevns Klint, eine geologisch einzigartige Klippe in Dänemark:

„Die Besucher, die mit diesem Szenario vertraut sind, erkennt man leicht. Sie wandern in kleinen Gruppen am Kliff entlang. Bleiben stehen, diskutieren. Auch bei Sommerhitze tragen sie schwere Bergstiefel. Sie fahren mit ihren Fingern vorsichtig über das Gestein, insbesondere dort, wo sich ein grauer Streifen durch die Wand zieht. Sie gehen so nah heran, dass sie es fast mit der Nasenspitze berühren, wie kurzsichtige Leser, die geheimnisvolle Zeilen in einem uralten Folianten entziffern.
Dieser graue Streifen im Gestein – Fischton oder auch »Fiskele- ret« genannt – ist weltberühmt. Hier, genau in diesem Moment, sind die Dinosaurier ausgestorben, und mit ihnen Ammoniten und etliche andere Tiergruppen. Man kann den Finger auf den Augenblick des Verschwindens legen, zumindest, wenn man, wie Geologen sich das näherungsweise gestatten, Gestein und Zeit gleichsetzt. Doch man sieht keine Dinosaurierknochen und auch sonst keine direkten Anzeichen einer Katastrophe. Wer die Zeichen an der Wand entschlüsseln will, muss sich auf die Finessen feinsinnigster Detektivarbeit einlassen.“

In vielen Kapiteln geht es genau um dies zentrale Problem der Evidenz. Was ist ein Faktum – und wie erkenne ich es? Viele besondere Orte erschließen ihre Bedeutung nicht von sich selbst. Sie werden erst bedeutsam, wenn ihre Größe oder Schönheit durch Verständnis komplizierter Prozesse nachvollzogen wird. „Meine Wahrnehmung übersteigt gleichsam den reinen Gegenstand – das ist das Erhabene“, wie es der Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann sagt (in Rückbezug auf Kant). Ähnlich verläuft auch die Diskussion im Internet-Forum der Brights. Twilight schreibt:

„Für echte Gelehrte, die professionelle Forschung betreiben, sind solche speziellen Orte eher zweitrangig. Aber sie tragen die wichtige Aufgabe, Begeisterung zu wecken und halbgeschlossene Augen zu öffnen – die Menschen emotional an die Wissenschaft zu binden, wie Mekka, Jerusalem, Ararat, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris oder der Uluru es für die verschiedensten Religionen tun.“

(HS)

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Ausblicke, Überblick über das Thema, Denkort, Einkehr, Streitpunkte

Eine Antwort zu “Online-Debatte über Sinn und Unsinnn der Suche nach Mekkas der Moderne

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