Deutschlandradio Kultur: „Kurzweilige Lektüre“

Deutschlandradio Kultur wirft in einer interessanten Rezension von „Mekkas der Moderne“ zentrale Fragen auf:

„Mit einem Reiseführer für den Lehnstuhl hat man es hier also zu tun. Er bietet eine kurzweilige Lektüre, weniger wegen seiner Ortsbeschreibungen als wegen der Kurzgeschichten über die krummen Wege der Wissenschaft. Von Fächergrenzen haben sich die Herausgeber zu Recht nicht aufhalten lassen. Anthropologie und Archäologie sind ebenso vertreten wie Astronomie oder Architektur. Wem die Fachliteratur zu unverständlich und die historische Detailforschung zu abwegig ist, der erhält mit diesem Reiseführer einen Eindruck von der Zielstrebigkeit, aber auch von den Zufällen und Irrwegen menschlicher Wissbegier.“

Der Haupteinwand der Rezension gegen das Buch „Mekkas der Moderne“ ist, dass die Wissensgesellschaft sich nicht an Orten oder Emotionen orientiere, sondern an abstrakten Ideen:

„Wissenschaftsgeschichte ist kaum in Ortsgeschichte zu überführen. Denn Wissen lässt sich weder besichtigen noch riechen oder gar schmecken. Es existiert in den Gehirnen der Menschen. Und materielle Substanz erlangt es nicht in Orten, sondern in Schriften, Diagrammen, Statistiken, Bildnissen oder Dateien.“

Doch genau das ist die Frage. Hat die sogenannte Wissensgesellschaft wirklich Emotionen und Orte transzendiert – oder inszeniert sie diese nur auf andere Weise – auf eine Weise, die (noch) nicht kanonisiert ist, zum Beispiel in Form eines Wissenschafts-Baedekers?

Soll man also an Orte der Inspiration reisen oder nicht? Im Forum der „Brights“ wurde eine lebhafte Debatte über das Für und Wider geführt. „Ich will einfach nicht mit Theisten in einen Sack gesteckt werden“, schreibt ein gewisser „whatshisname“:

„als ob wir Naturalisten irgendwann als „normale Religion“ gelten würden, um dann jeden Tag unseren Glauben durch die Neigung unseres Kopfes in Richtung Darwins Geburtsorts zu bekunden. Eigentlich bin ich unter anderem gerade deswegen Naturalist, weil wir uns nicht zu solch sinnlosen Annahmen hinreißen lassen ein Ort sei wichtiger oder heiliger als ein anderer…“

Diese Skepsis wird so ähnlich auch im Beitrag im Deutschlandradio geäußert. Doch diese Forderung nach einer Abkehr vom Ort ist keinesfalls ein modernes Phänomen – sondern vielleicht so alt wie das Reisen selbst. Die „Grand Tour“ zum Beispiel, die seit dem 17. Jahrhundert für britische Adlige zum Pflichtprogramm gehörte, wurde schon bald so kritisiert:

“Those who are naturally destitute of  judgment and prudence, become still greater fools by their traveling than they were before; it being impossible for him, who is a fool in his own country, to become wise by running up and down; which made Socrates say: he must change his soul, not the climate, to become wise.“

Auch Martin Luther war skeptisch gegenüber der frommen „Lauferei“ und wetterte schon von der Kanzel herab gegen die Pilgerei nach Santiago de Compostella:

„Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt“.

Die Ironie der Geschichte: Luthers Skepsis hat ihn nicht davor bewahrt, selbst Objekt einer touristischen Heldenverehrung zu werden, wie Michael Rutschky feststellt – bei einer Ortsbegehung in Wittenberg (hier der Nachdruck seines Kapitels in seinem Blog „Das Schema“). Vielleicht ist es sogar so, dass sich weite Teile der Reisekritik speisen aus Eindrücken, die auf Reisen gewonnen wurden.

„Wissen lässt sich weder besichtigen noch riechen oder gar schmecken“ – Diese Kritik ist uralt, nur dass Kritiker wie Luther nicht das Wissen in Stellung brachten gegen das Reisen, sondern den Glauben, den man weder besichtigen noch riechen oder schmecken kann. Wir haben es hier mit einem Schema zu tun: Abstrakte Werte hier, banale Realität dort. Dies Schema ist keine moderne Position – und es markiert auch kein spezifisch wissenschaftliches Weltbild.

Im  „Brights“-Forum, das explizit naturwissenschaftlich und areligiös ausgerichtet ist, gibt es zwei Fraktionen, so wie es zur Lutherzeit zwei Fraktionen gab. Die einen Wissenschaftsfreunde glauben, dass Modernität sich vor allem in abstrakten Erkenntnissen zeigt. Andere dagegen skizzieren eine Form der Emotionalität, die über Formelsammlungen und Dateien hinausgeht, ohne den Formelsammlungen ihren Wert abzusprechen, im Gegenteil:

„Wer hat noch nie an einem schulischen Wandertag teilgenommen, dessen Ziel ein Naturkundemuseum war? Ich denke, hier gibt es eine gewisse Parallele zu einer Pilgerfahrt. Das Ziel, ein Gefühl für das zu bekommen, was hinter der „Erhabenheit“ dieses Ortes steckt. Wie ich schon mal schrieb, geht es dabei nur um Emotionen, die aber auch für Naturalisten wichtig sind.“

„Mekkas der Moderne“ spielt diese Frage an die Leser weiter:  Gibt es besondere Orte der Wissensgesellschaft – und wenn ja, welche wären das? Oder ist der geografische Ort ein überholtes Konzept für die Selbstverortung der Moderne?

Auch die Autoren des Sammelbandes sind sich keineswegs einig über diese Frage. Kenichi Moriya zum Beispiel erteilt eine Absage an die Suche nach „Mekkas der Moderne“ – und zwar im Buch gleichen Titels. Moriya, Juraprofessor aus Japan, pilgert statt an Orte lieber durch Texte, wobei der Weg das Ziel ist (Alexander Mäder von der „Stuttgarter Zeitung“ lobt diesen Beitrag in seiner Rezension):

„Ich bin nicht in Mekka, sondern in Frankfurt am Main. Hier liegt das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte. Hier findet man eine Unzahl von rechtshistorischen Büchern und auch viele rechtshistorische Experten. Ist Frankfurt sozusagen mein »Mekka«? – Nein. Frankfurt ist halt eben Frankfurt, und es geht mir vor allem um die juristischen Texte aus dem deutschen 19. Jahrhundert, die einst die japanischen Juristen beschäftigten, und die mich heute beschäftigen.“

(….)

„Es verbietet sich für einen, der nicht in Mekka gewesen ist, bloß zu vermuten, was bei einem Pilger mental passiert, der tatsächlich eine Wallfahrt nach Mekka erfahren hat.

Jede Wallfahrt sieht eine Rückfahrt vor. Ringen mit den Wörtern aber, eine wissenschaftliche, also entzaubernde und daher auch enttäuschende Tätigkeit, verschiebt einen nur – hin zu einem Ort, wo ich einem nackten Wort begegnen kann. Uns Wissenschaftlern ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn. In Frankfurt am Main, wo ich bin, kann ich nichts anderes treiben als Auseinandersetzungen mit Wörtern. Auch in Osaka, wo ich meine Professur habe, kann ich nichts anderes bewerkstelligen. Hier und jetzt gilt es, der Forderung des Tages zu folgen. Das wird mich weiterbringen – wohin auch immer. Ich kann dieses Schicksal nur lieben.“

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