Luther-Zwerge erobern Wittenberg. Michael Rutschky über die Wiege des Protestantismus als Theme park

Am 14. August wird in Wittenberg die Installation „Hier stehe ich“ eröffnet, bestehend aus 800 Mini-Reformatoren, die nach der Aktion für 250 Euro  verkauft werden. Die evangelische Presse ist skeptisch.

Die Lutzer-Zwerge reihen sich allerdings nahtlos in eine lange Tourismus-Tradition der Stadt ein, wie Michael Rutschky in „Mekkas der Moderne“ beschreibt. Die Luther-Zwerge werden so zum Katalysator für ein tiefergehendes Unbehagen am Städtemarketing. Ein Ort der Inspiration als Tourismusziel? Das erntet Widerspruch – auch von erklärten Atheisten.

Soll man zu historisch wichtigen Orten reisen oder nicht? Im Forum der „Brights“ wurde eine lebhafte Debatte über das Für und Wider geführt. „Ich will einfach nicht mit Theisten in einen Sack gesteckt werden“, schreibt ein gewisser „whatshisname“: „als ob wir Naturalisten irgendwann als „normale Religion“ gelten würden, um dann jeden Tag unseren Glauben durch die Neigung unseres Kopfes in Richtung Darwins Geburtsorts zu bekunden.

Eigentlich bin ich unter anderem gerade deswegen Naturalist, weil wir uns nicht zu solch sinnlosen Annahmen hinreißen lassen ein Ort sei wichtiger oder heiliger als ein anderer…“

Diese Skepsis ist keinesfalls ein modernes Phänomen – sondern vielleicht so alt wie das Reisen selbst. Die „Grand Tour“ zum Beispiel, die seit dem 17. Jahrhundert für britische Adlige zum Pflichtprogramm gehörte, wurde schon bald so kritisiert„Those who are naturally destitute of  judgment and prudence, become still greater fools by their traveling than they were before; it being impossible for him, who is a fool in his own country, to become wise by running up and down; which made Socrates say: he must change his soul, not the climate, to become wise.“

Auch Martin Luther war skeptisch gegenüber der frommen „Lauferei“ und wetterte schon von der Kanzel herab gegen die Pilgerei nach Santiago de Compostella: „Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt“.

Die Ironie der Geschichte: Luthers Skepsis hat ihn nicht davor bewahrt, selbst Objekt einer touristischen Heldenverehrung zu werden. Der Essayist Michael Rutschky hat die Lutherstadt Wittenberg besucht:

„Die protestantische Frömmigkeit ist grundsätzlich anders als dies Geschäftemachen mit Gott, das über die Institution der römischen Kirche läuft, weil sie die Gnadenmittel besitzt. Dagegen begann mit Luther, so unser amerikanischer Freund Leroi, die moderne Geschichte der Individualisierung, die auf die Selbstorganisation der Person statt auf ein institutionelles Programm ihrer Steuerung und Kontrolle setzt. Wer bin ich? Diese Frage entwickelte sich, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann demonstriert, zum zentralen Sozialisationsmechanismus der modernen Welt; jedes Individuum muss sie selber beantworten, immer wieder, immer wieder neu, immer wieder unbefriedigend.

(….)
„Wir aßen Pizza in der Pizzeria, an den Tischen draußen in der Sommerhitze, unter orangefarbenen Schirmen, die ein eigenes Licht gaben. Kein Gedanke, dass man in Wittenberg einen altdeutschen Lunch zu verzehren habe, um dem Genius loci nahe zu kommen, nein, anders: Gewiss hätten wir ein Lokal mit altdeutschem Speisenangebot gefunden; doch schreibt keine Regel ihren Verzehr vor, er steht in deinem Belieben. Ein Besuch in Wittenberg, am Quellort der Reformation, des Protestantismus stellt keine Wallfahrt dar, keinen Besuch heiliger Stätten, die rituell abzuwandern sind, was die Seele erhebt und läutert.

Nein, Wittenberg ist kein Wallfahrtsort für fromme Protestanten. Wittenberg ist ein theme park für Touristen. Ein reiches Veranstaltungsprogramm umspült die historischen Bauten und Monumente.

(….)

Eine schwarze Tafel, auf der in Kreideschrift ein Geschäft in der Collegienstraße sein Angebot anzeigt: laktosefreie Schokolade, grüne Heilerde, »Lutherbrodt«, Martins Verführungstropfen (Schlehenlikör), Katharinas Hochzeitslikör. Ein Schaufenster mit feinen Weißwaren, für die ein Plakat mit »aus Luther’s Wäsche-Truhe« wirbt. Ein Karton mit der Aufschrift »Luther-Bier«; dazu das dicke, traurige Gesicht unter dem Barett, das oft als eine Art Logo der Warenwelt in der Stadt begegnet, darunter der Spruch »ein kännlein bir gegen den teufel / ihn damit zu verachten«.

(….)

Wir schlendern vorbei am Schaufenster eines aufgelassenen Geschäftslokals. Verbotenerweise ist es mit verschiedenen Plakaten beklebt. Eines davon zeigt in Schwarzweiß und kunstlos montiert eine Fratze mit gefletschten Zähnen und der Aufschrift: »Die Zähne zeigt, / wer das Maul aufmacht / lebt und lest / radikal«.

Radikal, eine ehrwürdige Anarcho-Zeitschrift, klärte Leroi auf. Eben war sie wegen gewisser Attentate in Verdacht. So ähnlich muss wohl der Thesenanschlag funktioniert haben vor 500 Jahren. Falls er stattgefunden hat.

(HS)

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