Das Extremely Large Telescope: Neues Auge ins All

Bis 2018 soll das größte Teleskop der Welt namens European Extremely Large Telescope (E-ELT) gebaut werden auf dem Berg Cerro Amazones in der Atacama-Wüste in Chile. Dirk H. Lorenzen berichtet in „Mekkas der Moderne“ über den Alltag der Sternengucker auf dem benachbarten Bergkuppe Cerro Paranal, von wo aus der Aufbau des neuen E-ELT organisiert wird:

Die Landschaft erinnert an Aufnahmen der Marsoberfläche: ockerfarbene, sanft geschwungene Hügel, regellos verteilte Gesteinsbrocken, kein Strauch, kein Halm – Wüste so weit das Auge reicht. Gnadenlos brennt die Sonne vom tief- blauen Himmel über dem rötlichen Niemandsland, bis zum Hori- zont durchschnitten von einer schnurgeraden Autopiste. Schließ- lich zweigt von der Panamericana rechts eine asphaltierte Straße ab, windet sich steil zwischen nackten Bergen hindurch, bis sich plötzlich der Blick öffnet: Aus der öden Wüstenlandschaft ragt ein Berg mit symmetrischen Flanken heraus, Cerro Paranal. Auf seinem Gipfelplateau thronen vier silbrige Gebäude, gigantische Kästen, Skulpturen gleich, die im Sonnenlicht wie Diamanten glitzern. Fast scheint es, als sei eine Flotte außerirdischer Raum- schiffe in dieser Einöde gelandet.

Mit dem Weltall hat dieser Ort tatsächlich viel zu tun. Mag die Atacama im Norden Chiles auch kein gastliches Refugium zum Leben sein, so ist sie doch der weltweit beste Ort, um Astronomie zu betreiben: In dieser Wüste ist der 2635 Meter hohe Cerro Paranal dem Himmel ganz nahe. Nirgendwo sonst auf der Erde ist die Luft ruhiger, nirgends ist es klarer und trockener als hier. Die Atacama ist das astronomische Paradies auf Erden. Auf dem Cerro Paranal, nur zwölf Kilometer vom Pazifik entfernt und doch trockener als fast jeder andere Ort auf der Welt, holen sich die Astronomen die Sterne vom Himmel.

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Nur im Weltraum herrschen noch bessere Bedingungen als auf Paranal. Im Basiscamp am Fuße des Berges halten sich die Forscher auf, wenn sie nicht direkt an den Teleskopen zu tun haben. Dort sind Büros, aber auch Werkstätten und Versorgungseinrichtungen. Die Residencia, das in den Berghang gebaute Wohngebäude, wirkt mit seinem flachen runden Glasdach nicht minder futuristisch als die Teleskope auf dem Berg. Wen wundert’s, dass hier auch Szenen für den James-Bond-Film »Ein Quantum Trost« gedreht wurden.

Die Anreise aus Europa ist mühselig, sie dauert rund 36 Stunden. Doch spätestens die Offenbarung einer perfekt klaren Nacht auf Paranal lässt schlagartig alle Unbill vergessen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang nimmt die Hektik auf dem Berg zu. Die Astronomen, die in der Regel den Tag buchstäblich verschlafen, eilen zu den Teleskopen. Ingenieure nehmen letzte Kontrollen vor. Dann öffnen sie die große Beobachtungstore, durch die die Teleskope in die Tiefen des Alls blicken. Die Dunkelheit kann kommen.

(….)

Ideen kann man überall auf der Welt haben. Aber aller Fortschritt in der astronomischen Wissenschaft braucht irgendwann eine klare Nacht an einem Teleskop. Wer nach den Sternen greifen will, wer wirklich sehen will, was da draußen im All passiert, der muss auf Berge wie den Cerro Paranal reisen. »Man richtet sein ganzes Leben nur auf eine bestimmte Sache ein, wenn auch nur für ein paar Tage«, erklärt Bruno Leibundgut: »Ich habe Sternwarten auch schon mit Klöstern verglichen.«

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