Die Fuggerei – die älteste Sozialsiedlung der Welt als Firmen-PR

Eine Ausstellung in München widmet sich dem mittelalterlichen Bankimperium der Fugger. Das touristisch beliebteste Aushängeschild der Fugger ist nach wie vor die „Fuggerei“ in Augsburg. Diese Sozialsiedlung wurde aber möglicherweise nicht nur aus uneigennützigen Motiven gebaut, schreibt Guido Komatsu in „Mekkas der Moderne“:

Die Fuggerei ist die älteste Sozialsiedlung der Welt – die von einem der ersten Kapitalisten errichtet wurde. Eine kleine Siedlung, in sich abgeschlossen, ein Mikrokosmos mit Wohnungen, einer Kirche, zwei Toren, die nachts verschlossen werden: eine frühneuzeitliche Idealstadt. Ein Mekka der sozialen Verantwortung, des christlichen Kapitalismus mit Herz und Hand. Die Siedlung erzählt eine Geschichte. Je nachdem, wer sie liest, verläuft sie anders. Zunächst einmal kreist sie um 100 bescheidene Wohnungen, jeweils 60 Quadratmeter klein. Touristen aus aller Welt gehen andächtig durch die Gassen. Sie haben jeweils zwei Euro Eintritt gezahlt. Das ist mehr als doppelt so viel wie die monatliche Miete, welche die Bewohner heute entrichten: 88 Eurocent Kaltmiete. Für Strom und Nebenkosten zahlen sie extra. Außerdem müssen sie katholisch sein und täglich für den Stifter der Privatsiedlung und dessen Familie beten.

(….)

Nur »würdige Arme« durften einziehen, keine Tagelöhner und Nichtsnutze. Gleich am Eingang werden Besucher und Bewohner an eine ehrwürdige Kaufmanns- devise gemahnt: Eine Sonnenuhr trägt den Spruch »Nütze die Zeit«. Ein trügerisch einfacher Wahlspruch. Doch was genau bedeutet er? Hier geht die Geschichtsschreibung auseinander. Die Fuggerei ist kontrovers bis heute, 500 Jahre Historiografie lassen sich hier durchwandern wie in einem Buch aus Stein. »Nütze die Zeit«. Für die einen ist dies die Aufforderung, rechtschaffen und fleißig zu sein. Tugend zahlt sich aus. Wer hart arbeitet, darf auch gut verdienen. Doch die Sonnenuhr erzählt auch eine andere Geschichte – gegenläufig, subversiv zur vorherrschenden Meinung. »Nütze die Zeit«. Das kann auch bedeuteten: Schwimme mit dem Strom. Gehe mit der Mode. Wirf dich an die vorherrschenden Mächte heran,

drehe dein Fähnchen nach dem Wind. »Kauf dir einen Kaiser« heißt ein Bestseller, eine Abrechnung mit den Fuggern und dem Monopolkapitalismus.

Kurz nachdem die Fuggerei im frühen 16. Jahrhundert entstand, wurden 1530 in Augsburg die bis heute gültigen Grundlehren und Glaubenssätze der entstehenden evangelischen Kirche von Philipp Melanchthon formuliert: die »Confessio Augustana«. 1555 kam es mit dem Augsburger Religionsfrieden zur Anerkennung der Protestanten auf Reichsebene. Diese beiden Grundereignisse der Reformationsgeschichte spielten sich im Rahmen von Reichstagen ab, die in der Reichsstadt Augsburg abgehalten wurden. Augsburg ist daher nicht nur ein Erinnerungsort der Fugger, sondern auch der Reformation. Dass diese Erinnerungsorte teilweise identisch sind, zeigt die Stadtresidenz der Fugger am Weinmarkt, der heutigen Maximilianstraße. Jakob Fugger ließ sie zwischen 1512 und 1517 errichten. Heute befindet sich in dem Gebäudekomplex die Fürst Fugger Privatbank.

(….)

Aber diese kulturellen Monumente sind es nicht allein, die die Verankerung der Fugger im kollektiven Gedächtnis der Stadt und der Zeitgenossen zu erklären vermögen. Sicherlich ist die Augsburger Finanzdynastie im Laufe des politischen und wirtschaftlichen Bedeutungsverlustes der Stadt zum Synonym der goldenen Vergan- genheit und zum wichtigen Bestandteil des Selbstbildes der Stadt geworden. Neben der Sehnsucht der Stadt, an den alten reichsstädtischen Glanz der Renaissance wieder anzuknüpfen, deren Sym- bol die Fugger sind, mag auch die Erinnerungspolitik der Fugger eine wesentliche Rolle spielen.

(….)

Zu einem Erinnerungsort der Moderne wird Augsburg also nicht nur durch die für die damaligen Verhältnisse unerhört neuen kapitalistischen Methoden (Monopolbildung, Abdeckung der kom- pletten Wertschöpfungskette) sowie das unternehmerische Selbst-

verständnis eines Jakob Fugger, son- dern auch durch das Augsburgische Bekenntnis und den Religionsfrieden. Medienpolitisch avantgardistisch ist aber insbesondere die Erinnerungs- politik der Fugger, die im 19. Jahrhun- dert mit der Einrichtung, Öffnung und Finanzierung des Familienarchivs die wissenschaftliche Erschließung der Familiengeschichte ermöglichten. Dadurch wird die Geschichte der Fugger erforscht, geschrieben und

popularisiert, aber auch im öffentlichen Bewusstsein verankert. Man kann das in gewisser Weise als moderne Fortsetzung spätmittel- alterlicher und damit altgläubiger Memorialkultur interpretieren.

Stein gewordenes Zeugnis dieser Memorialkultur ist die Fuggerei, die Jakob Fugger für verarmte Bürger errichten ließ und deren Be- wohner ihn und seine Familie noch heute, fast 500 Jahre später, in ihre Fürbitten und Gebete aufnehmen.

Die Fuggerei ist somit auch ein Lehrstück über Medienwirkung und Storytelling. Die Fuggerei ist eine steingewordene Werbebroschüre der Corporate Responsibility, wie man es heute nennen würde. Die Fugger verfügten nicht nur über eines der besten Kommunikationsnetze der damaligen Zeit, über die avancierteste Buchführung und über ein elaboriertes Archivwesen.

Die Geldströme der Fugger kamen und gingen, für die Zeitgenossen unsichtbar und kaum fasslich, schwarze Zeichen auf Papier. Die Fuggerei aber blieb, ein steinernes Monument und zugleich eine geringe Investition verglichen mit der Fuggerschen Wirtschaftskraft. Zugleich aber eine überaus vorausschauende Investition, die sich noch heute auszahlt. Jedenfalls verstanden es die altgläubigen Fugger bestens, die Früchte ihrer Monopole als sozial wertvoll zu etablieren und zu überliefern. Wieviel davon der religiösen Überzeugung geschuldet ist und wieviel dem Kalkül auf öffentliches Prestige, muss wohl jeder Besucher der Fuggerei für sich selbst ent- scheiden; stehend vor der Sonnenuhr: »Nütze die Zeit«.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Aufbruch, Denkort, Gewerbe, Streitpunkte, Warenkreislauf

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s