Mekkas? Der Plural ist ungebräuchlich. Ein Einspruch

Kenichi Moriya erteilt eine Absage an die Suche nach „Mekkas der Moderne“ – und zwar im Buch gleichen Titels. Moriya, Juraprofessor aus Japan, pilgert statt an Orte lieber durch Texte, wobei der Weg das Ziel ist. Über den Begriff „Mekkas“ schreibt er:

Im Grimmschen »Deutschen Wörterbuch«, Band 12 von 1885, wurde das Wort noch nicht aufgenommen. Es hatte bis dahin wahrscheinlich nicht jene übertragene Bedeutung, die frühestens um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden sein soll. Die späte okzidentale Moderne ist es, die aus dem Eigennamen ein allgemeines nomen loci erschaffen hat. Dann ist es ein winziger Schritt, bis das Wort auch im Plural »Mekkas« verwendet wird, auch wenn man im »Duden« noch liest, der Plural sei »ungebräuchlich«. Eine diskrete Bemerkung. Warum hat niemand eine übertragene Bedeutung etwa von »Vatikan« erdacht?

(….)

»Mekkas der Moderne« – das ist vor allem ein symptomatisches Zeichen der globalisierten Moderne. Ich bin nicht in Mekka, sondern in Frankfurt am Main. Hier liegt das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte. Hier findet man eine Unzahl von rechtshistorischen Büchern und auch viele rechtshistorische Experten. Ist Frankfurt sozusagen mein »Mekka«? – Nein. Frankfurt ist halt eben Frankfurt, und es geht mir vor allem um die juristischen Texte aus dem deutschen 19. Jahrhundert, die einst die japanischen Juristen beschäftigten, und die mich heute beschäftigen.

(….)

Es verbietet sich für einen, der nicht in Mekka gewesen ist, bloß zu vermuten, was bei einem Pilger mental passiert, der tatsächlich eine Wallfahrt nach Mekka erfahren hat.

Jede Wallfahrt sieht eine Rückfahrt vor. Ringen mit den Wörtern aber, eine wissenschaftliche, also entzaubernde und daher auch enttäuschende Tätigkeit, verschiebt einen nur – hin zu einem Ort, wo ich einem nackten Wort begegnen kann. Uns Wissenschaftlern ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn. In Frankfurt am Main, wo ich bin, kann ich nichts anderes treiben als Auseinandersetzungen mit Wörtern. Auch in Osaka, wo ich meine Professur habe, kann ich nichts anderes bewerkstelligen. Hier und jetzt gilt es, der Forderung des Tages zu folgen. Das wird mich weiterbringen – wohin auch immer. Ich kann dieses Schicksal nur lieben.

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