Krisenfester Kulturtourismus

Ich bin dann mal weg: „Allein 2006 pilgerten 150 Millionen Menschen weltweit, in diesem Jahr werden es 190 Millionen sein“, berichtete die Wochenzeitung DIE ZEIT im Dezember 2007. Diese Zahl umfasst einzig die katholischen Pilgerstätten. Islamische, protestantische, buddhistische und säkuläre Ziele sind dabei noch nicht mitgezählt. DIE ZEIT weiter:

Ernst Hinsken, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, sieht im religiösen Tourismus einen Trend. »Nach Natur und Wellness ist jetzt der religiös motivierte Tourismus im Kommen«, sagt der CSU-Politiker. Die Menschen, vermutet er, suchen einen Ausgleich zum stressigen Alltag – und das Pilgern kommt ihrem Bedürfnis nach Sinnsuche und Spiritualität entgegen. »Auch in Deutschland nimmt der religiöse Tourismus zu«, sagt Hinsken. »Darauf müssen sich die deutschen Reiseveranstalter einstellen.«

Aber gibt es auch säkuläre Reiseziele, an denen Touristen nach Sinn, Gemeinschaft und Entspannung suchen? Johanna Leissner von der Europäischen Kommission, Generaldirektion Forschung schreibt in einem Positionspapier unter dem Titel „Wirtschaftsfaktor Kulturerbe:

Europa ist weltweit das touristische Zielgebiet Nr. 1. Jährlich besichtigen etwa 100 Millionen In- und Ausländer deutsche Museen.“ (….) „Das Kulturerbe stellt in Europa – und gerade auch in den zehn neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Unionneben seinem gesellschaftlichen Wert auch einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor dar. Malta z.B. erwirtschaftet 20 % seines Bruttosozialproduktes, Zypern sogar 25% durch seinen Kultur-Tourismus. Für Deutschland liegt der Anteil bei ca. 8%, für Spanien bei 12%. Der Kulturtourismus, ein relativ krisenfester Sektor des Tourismus mit hohem Umsatz, ist weltweit die schnellstwachsende Wirtschaftsbranche.“

Nicht mitgezählt werden bei derlei Erhebungen bislang touristische Besuche in Bibliotheken und Laboratorien von Forschungseinrichtungen, die zum Beispiel in sogenannten Langen Nächten der Wissenschaft geöffnet sind. Den Anfang machte eine Veranstaltung im Jahr 2000 in Bonn. Dieser regionale Tourismuszweig ist noch jung und kaum erforscht.

In manchen Städten sind derlei „After Science Parties“ zu einer regelmäßigen Einrichtung geworden. So in Berlin, wo die „klügste Nacht des Jahres“ seit ihrer Premiere 2001 zur größten Veranstaltung dieser Art in Deutschland geworden ist, mit schätzungsweise 30 000 zahlenden Besuchern. Auch Städte wie Halle, Dresden, Rostock, Magdeburg, Aachen, Bonn und der Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen bieten regelmäßig Lange Nächte der Wissenschaften an.

Wer besucht Orte der Forschung, des Wissens, der Moderne nicht aus beruflichen Gründen, sondern aus purer Neugier? Was treibt diesen Tourismus an, welche Orte kommen für ihn in Frage? Noch gibt es kaum Überblickswerke, Reiseführer oder Bestenlisten für dies Phänomen, nicht einmal einen Namen. Wissenschaftstourismus? Edutainment? Bildungsurlaub? Scientific Grand Tour? Science Nonfiction?

Eine ähnliche Lücke am Buchmarkt gab es anfangs auch im Umfeld der Kavaliersreise und der britischen Grand Tour zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Bis nach ein paar Jahrzehnten eine wahre Flut von Reiseführern den Buchmarkt überschwemmte: vielfältig in Stil und Umfang, teils in Romanform gehalten, teils als trockene Liste. Gemeinsam war den Büchern für Grandtouristen ein Ziel: einen Überblick über die Kulturschätze Europas zu verschaffen, die Spreu vom Weizen zu trennen, das Unwichtige vom Wichtigen. Und den Lesern direkt oder indirekt die Frage zu stellen: Was sind Ihre eigenen Bildungsorte, bei denen sich ein Besuch lohnt? Bis schließlich eine stark vereinheitlichte Kanonisierung einsetzte – der Baedeker-Effekt.

Ein vergleichbarer Aufschwung eher wissenschaftlich oder gesellschaftlich orientierter Überblickswerke ist derzeit erst in ersten Ansätzen erkennbar. „Das Wissen dieser Welt“, herausgegeben von der Wochenzeitung DIE ZEIT ist ein Beispiel, der „Geek Atlas“ von John Graham Cumming ein weiteres, und auch Bill Brysons Buch „A Short History of Nearly Everything“ ist stark entlang von Besuchen an Orten des Wissens erzählt. Frei nach dem Motto: Ich bin dann mal hier.

(HS)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Überblick über das Thema, Warenkreislauf

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s