Der Traum vom „Glücklichen Wilden“

„Ein Ort des Glaubens kann nie ein Ort der Wissenschaft sein“, kritisierte Lars Fischer den Ansatz von „Mekkas der Moderne“, als das Projekt im Internet vorgestellt wurde zu Weihnachten 2007. Ähnliche Einwände kamen auch aus dem Internet-Forum „Brights“.

Ein Ort des Glaubens kann nie ein Ort der Wissenschaft sein? Wir sind diesem zunächst plausibel klingenden Einwand nachgegangen bei der Arbeit am Buch. Und stießen wiederum auf Einwände gegen den Einwand. Vielleicht ist es so: Fischers Kritik basiert auf einem weit verbreiteten Glauben an eine Wissenschaft, die quasi frei über den Wassern schwebt, unberührt von Ambitionen, Ideologien, Feindschaften, Hoffnungen.

„Wissenschaft wird von Menschen gemacht“, schreibt der Physiker Werner Heisenberg. Wissenschaft ist ein sozialer Prozess – inklusive ideologischer Grabenkämpfe. Gerade im Klima erbitterter Kontroversen wird oft versucht, den Glauben an diese oder jene Wahrheit an bestimmten Orten zu verankern. Die Kulturrelativisten um die Ethnologin Margaret Mead zum Beispiel stilisierten Samoa zu einem Südseeparadies, das angeblich frei ist von sexuellen Zwängen.

Peter Sandmeyer, promovierter Kulturwissenschaftler, hat in Samoa recherchiert für das Buch „Mekkas der Moderne“. Er beschreibt in seinem Kapitel „Der Traum vom glücklichen Wilden“, wie ein ganzes Fachgebiet sich fünfzig Jahre lang vom Glauben an ein kulturrelativistisches Paradies in die Irre führen ließ:

„Margarat Mead beendete ihre Feldarbeit nach neun Monaten, kehrte in die USA zurück und begab sich unverzüglich an ihren Schreibtisch. Als Ergebnis ihrer Feldforschung entwarf sie dort das Bild einer reinen Idylle. Frei und ohne Zwänge wüchsen die jungen Mädchen auf Samoa auf, unverkrampft sammelten sie erste sexuelle Erfahrungen, eine wundervolle problemlose Pubertät voller Liebesabenteuer erlebten sie. Es sei ihnen nicht eilig mit dem Erwachsenwerden, sie kosteten diese schöne Phase ihres Lebens in vollen Zügen aus. Jungfräulichkeit habe für die spätere Partnerschaft keine Bedeutung, und es gäbe dank der weitherzigen liberalen Erziehung weder Konkurrenzdenken noch Rivalität oder Eifersucht. Konflikte, wie sie in den USA die Zeit der Pubertät kennzeichneten, seien auf Samoa so gut wie unbekannt. Neurosen, Frigidität und psychische Impotenz kämen nicht vor. Ebenso wenig Gewalttaten, Mord und Selbstmord. Alles in allem seien die Samoaner »eines der liebenswertesten, friedfertigsten und am wenigsten streitsüchti- gen Völker der Welt«. Fazit: Nurture! Der kulturelle Rahmen prägt Erwachsenwerden, Sexualität und Emotionen, nicht der Ablauf der biologischen Vorgänge. Genau das war es, was die Kulturdeter- ministen immer behauptet hatten. Begeistert äußerte Franz Boas seinen Dank an »Miss Mead« dafür, »dass sie uns ein klares und leuchtendes Bild von den Freuden und den Schwierigkeiten eines jungen Individuums in einer Kultur gibt, die sich von der unserigen völlig unterscheidet«.

Margaret Mead veröffentlichte ihre Studie 1928 unter dem Titel »Coming of Age in Samoa«. Es wurde sofort ein Bestseller und gilt bis heute als das meistverkaufte anthropologische Werk überhaupt. Seine Er- gebnisse wurden in zahllose Sach- und Lehrbücher aufgenommen. Im Zuge der 68er erlebte es noch einmal eine Renaissance und fehlte in keiner Wohngemeinschaft. Nichts war der Zeit willkommener als die Botschaft, alle psychischen Probleme und sexuellen Schwierigkeiten des Einzelnen seien Produkte der repressiven Gesellschaft, in der er lebt. Der Mensch, so die auf Margaret Mead fußende Überzeugung, ist nicht, er wird gemacht. Neurotisch oder normal, aggressiv oder friedfertig, un- glücklich oder eben glücklich – wie auf Samoa.

Zweifel und Kritik an den revolutionären Erkenntnissen von Margaret Mead über Samoa und seine Bewohner kamen zwar immer wieder von Samoanern selbst, aber die wurden geflissentlich ignoriert. Erst die Ergebnisse der Feldarbeit des Neuseeländers Derek Freeman, 15 Jahre nach Margaret Meads Abreise begonnen und über Jahrzehnte fortgeführt, erschütterten deren Behauptungen. Freeman lebte mit Unterbrechungen rund 40 Jahre auf Samoa, er lernte die Sprache der Insulaner und beherrschte sie schließlich sehr gut, er wohnte in einem 400-Seelen-Dorf auf Opulu, wurde vom dortigen Matai in dessen Familie aufgenommen und mit der Würde eines Ehren-Matais ausgezeichnet, er sprach noch einmal mit den Interviewpartnern von Margaret Mead, er wertete Gerichtsakten und Zeitungsartikel aus – und er konnte, als er am Ende seiner umfassenden Untersuchungen 1978 das Ergebnis unter dem Titel »Margaret Mead and Samoa« vorlegte, nicht eine einzige Aussage seiner Kollegin bestätigen. Die Friedfertigkeit, die sexuelle Freizügigkeit, die angebliche Bedeutungslosigkeit der Jungfräulichkeit, das Fehlen von Neurosen und Gewalttaten, die liberale Erziehung – alles Märchen. Die Arbeit von Margaret Mead, vermeintlich die empirische Untermauerung einer wissenschaftlichen These, erwies sich als eine Mixtur aus Naivität, Ignoranz und vorsätzlicher Schönfärberei. Sie wurde von Derek Freeman vollständig widerlegt. Ein Desaster, ein Schock für die anthropologische Wissenschaft und ein Menetekel dafür, wozu das Wunschdenken eines Wissenschaftlers führen kann.“

Mit Freemans Replik auf Mead ist die Debatte natürlich nicht beendet. Etliche Bücher haben seither die Kontroverse analysiert und interpretiert, mit unterschiedlichen Resultaten. Das muss vielleicht so sein bei einem Pilgerort der Moderne – schließlich unterliegen derlei Orte der Falsifizierbarkeit: Mekkas auf Widerruf. Waren also die Forschungsreisen nach Samoa umsonst, ihre Ergebnisse beliebig? Im Gegenteil. Samoa ist nach wie vor ein zentraler Ort der Wissensproduktion – und der Inspiration. Noch einmal Peter Sandmeyer:

„Das Taxi in die 30 Kilometer entfernte Hauptstadt fährt langsam. Die Fenster sind offen, warme Außenluft wird hereingefächelt, schwer von süßlichen Düften und unvertrauten Aromen. Dazwi- schen stoßweise der salzige Atem des nahen Meeres. Die Tropen- nacht ist mondlos und teerschwarz, die Kegel der Autoscheinwerfer schneiden Details aus der Finsternis. Slow-Motion-Bilder, die einen Moment aufblitzen und dann wieder in der Nacht versinken. Eine Palme. Weiß bemalte Steine, mit denen die Straße eingefasst ist. Üppiges Dschungel-Grün. Eine helle Kirche. Herab gefallene Kokos- nüsse. Wieder eine Kirche. Eine Fale, eines der luftigen, allseitig offenen Wohnhäuser. Keine weggeworfenen Dosen. Kein wehendes Altpapier. Kein Schmutz. Der Fahrer telefoniert leise. Es klingt, als ob er singt. Jedes Wort im Samoanischen endet auf einen Vokal, und es erscheint absolut unmöglich, in dieser Sprache Beschimpfungen oder Aggressionen zu formulieren. Bilder und Töne fügen sich zu einem Film. Er sagt: Gute Menschen. Heile Welt.“

(HS)

8 Kommentare

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8 Antworten zu “Der Traum vom „Glücklichen Wilden“

  1. „Vielleicht ist es so: Fischers Kritik basiert auf einem weit verbreiteten Glauben an eine Wissenschaft, die quasi frei über den Wassern schwebt, unberührt von Ambitionen, Ideologien, Feindschaften, Hoffnungen.“

    Vielleicht ist es aber auch so, dass ihr dreistwerweise „vergessen“ habt, den direkt darauf folgenden Satz zu zitieren, um euch mit dem eigentlichen Argument nicht beschäftigen zu müssen.

    • Also gut, zusätzlich zum Link oben hier also noch einmal der Kontext zur erwähnten Kritik:

      (K)ein Heiligtum dem Zweifel?
Sind wir damit dem Tempel der Wissenschaft näher? Keinesfalls! An allen Vorschlägen ist Richtiges, aber die ganze Geschichte hat einen schweren Geburtsfehler: Der Spiegel fragt, irregeleitet, nach einem Ort des Glaubens. Ein Ort des Glaubens kann jedoch nie ein Ort der Wissenschaft sein.
      Stellen wir das vom Kopf auf die Füße und suchen nach den Orten des Zweifels und des ungläubigen Staunens. Kann es so einen Ort überhaupt geben? Muss es ihn geben?
      Ich sage, es gibt kein spirituelles Zentrum der wissenschaftlichen Welt, und es kann, es darf auch keines geben. Heilige Orte nageln eine Idee im Gestern fest, sie beanspruchen die universelle Gültigkeit dessen, was sie heilig macht.
      Und in der Wissenschaft ist nichts endgültig.

      Ich hatte diese Sätze weggelassen, weil ja der Arbeitstitel von Anfang an war: Mekkas. Im Plural. Und auch beim Zweifeln sind wir völlig d’accord. Daher heißt es im Vorspannartikel ja auch: „Ziel ist es nicht, sich auf einen einzigen Ort zu einigen. Die Mekkas der Moderne – falls sie existieren – kann es nur im Plural geben.“

      Vielleicht läuft unsere Differenz auf die Frage hinaus: Gibt es kanonische Orte, über die zu streiten es sich lohnt, nach dem Motto: We agree to disagree?

      Dass es sich dabei immer um Orte handelt, an denen hauptberuflich gezweifelt, geforscht, erneuert wird, liegt auf der Hand. Die spannende Frage finde ich eher: Haben einige Orte vielleicht eine weitere Dimension? Ermöglichen vielleicht einige Orte neben dem Zweifel auch noch so etwas wie Begeisterung oder Inspiration? Vor allem aber: Wieso sollte sich diese Dimension ausschließen mit dem Zweifel?

      Das Beispiel Samoa deutet an, dass die Ideologie, der Mead folgte, den Ort erst wichtig machte für die Wissenschaft. Hätte sie mehr gezweifelt und länger geforscht – wer weiß, ob Samoa heute in all den Lehrbüchern auftauchen würde. Meads eigensinniger Glaube an den Kulturalismus macht Samoa so wichtig – auch heute noch.

      • Unsere Differenz – wenn ich das mal so nennen soll – läuft vor allem darauf hinaus, dass ich es schon geringfügig unverschämt finde, mich aus dem Kontext zu zitieren um mir einen „Glauben“ an irgendwas zu unterstellen.

        Aber gut, davon mal weg kann ich dem, was du in deiner Antwort schreibst, durchaus zustimmen. Es gibt gerade im Kontext der Wissenschaft viele mächtige Orte der Inspiration und Faszination.

        Nur: Was hat irgendein Glaube dabei zu suchen? Übrigens eine Frage, die der ursprüngliche Beitrag in keiner Weise beantwortet. Das Argument scheint zu sein: Irgendwelche Wissenschaftler haben mal irgendwas geglaubt, also muss Wissenschaft generell irgendwie mit Glauben zusammenhängen. Und das ist Unsinn.

      • Ja, es gibt wirklich eine Menge solcher Orte, sodass es wirklich nicht leicht ist, überhaupt eine Auswahl zu treffen. Sie muss immer eine gewisse Beliebigkeit behalten. Aber das ganze ist auch eher als Gedankenspiel gedacht: Was wäre wenn – und wo?

        Ich würde übrigens nie behaupten, dass Wissenschaft generell mit Glauben zusammenhängen muss. Aber ich denke eben auch nicht, wie von dir postuliert, dass sich beides zwangsläufig ausschließen muss.

        Das Beispiel Samoa zeigt: Orte des Glaubens (zum Beispiel an den Kulturalismus) können enorm produktiv für die Wissenschaft sein. Jedenfalls unter dem Strich, mit etwas Abstand. Ein Teil ihres Wertes und ihrer Schönheit lieg darin, dass man teils spüren kann, was zu (vielleicht irrigen) Annahmen und Fragestellungen geführt hat. Man flaniert sozusagen durch die Gedankengänge der Pioniere.

        Aber der Umkehrschluss stimmt natürlich nicht. Natürlich kann Wissenschaft auch ganz anders ablaufen. Zum Glück.

        (HS)

      • Ich denke das ist dann die entscheidende Differenz: Ich sehe Glaube grundsätzlich als Schwäche in der Wissenschaft und auch sonst. Je gewisser man sich einer Sache ist, desto mehr sollte man sie anzweifeln. Schlussfolgerungen, die einem gefallen, muss man misstrauen. Die Dinge sind selten das, was sie zu sein scheinen und noch seltener das, was man gerne hätte. Insofern sehe ich die Samoa-Geschichte im Beitrag auch eher als warnendes Beispiel.

        Aber vielleicht qualifiziert ja gerade das den Ort als eines eurer „Mekkas“.

      • Ich sehe die entscheidende Differenz eher an einem anderen Punkt: bei der Bewertung. Für mich ist Wissenschaft zunächst ein gesellschaftlicher Teilbereich wie Recht oder Politik oder Handel. Teilweise entspricht dieser Teilbereich seinen selbst formulierten Idealen (Wahrheit, Zweifel, Offenheit), teilweise gibt es eine soziologische WIrklichkeit, die anders aussieht als es die Sonntagsreden der Selbstbeschreibung erwarten lassen. Wie tickt die Wissenschaft? Unter anderem durch Kanonisierung – eine Community muss sich schließlich in der Flut von Angeboten auf ein paar wenige Topoi einigen, über die sich zu streiten lohnt. Diese Topoi sind teilweise ortsgebunden, wie in Samoa oder Galápagos oder im Rift Valley. Ist das nun gut oder schlecht? Diese Frage ist für mich zweitrangig. Ich will erst einmal deskriptiv rangehen und sehen, was passiert, wenn modern verfasste Menschen sich auf Orte einigen, zu denen sie pilgern oder die sie als Referenzpunkt wählen für ihr Denken. Die Bewertung überlasse ich am liebsten den mündigen Lesern. Allerdings gingen auch in diesem Punkt die Meinungen auseinander bei dem Projekt. Ein paar wenige Autoren sind recht meinungsstark in ihren Texten. Einer lehnt es sogar rundweg ab und schreibt sinngemäß: Was ein Mekka ist, weiß ich nicht, ich bin nie dort gewesen, daher enthalte ich mich einer Meinung. Auch diese Position finde ich legitim, auch wenn sie etwas extrem ist in ihrem Evidenzpurismus. Aber die meisten Autoren betreiben wohl eher so etwas wie eine Wissens-Soziologie.

        (HS)

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